+
Das Parlament in Athen.

Reparationen

Griechenland fordert offiziell Wiedergutmachung

  • schließen

Athen verlangt von Deutschland rund 300 Milliarden Euro für die Zerstörungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg.

Die Rechnung kommt spät, ist aber dafür umso gesalzener: 101 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und 74 Jahre nach der Kapitulation Deutschlands im Zweiten Weltkrieg will Griechenland jetzt offiziell Reparationsforderungen gegenüber der Bundesrepublik anmelden. Berlin soll für Kriegsschäden rund 300 Milliarden Euro bezahlen. Die Bundesregierung hält die Forderung für unberechtigt.

Der Streit schwelt seit 1945, als Griechenland auf der Pariser Reparationskonferenz erstmals Forderungen gegenüber Deutschland anmeldete. Im Pariser Reparationsabkommen vom Januar 1946 wurden die griechischen Ansprüche im Grundsatz anerkannt. Neben der Entschädigung für die materiellen Kriegsschäden und die Wiedergutmachung für die Hinterbliebenen von Kriegsopfern geht es auch um die Rückzahlung einer Zwangsanleihe, die das Deutsche Reich 1942 bei der Bank von Griechenland aufgenommen hatte. Damit bürdeten die Deutschen den Griechen auch noch die Kosten der Besatzung auf.

Alexis Tsipras spricht seit vier Jahren über das Thema Reperationen

Verbrechen in Griechenland

Deutsche Kriegsgräuel: Die Griechen haben im Zweiten Weltkrieg extrem unter der deutschen Besatzung gelitten. Während der Besatzungsjahre 1941-1944 kamen 130 000 griechische Partisanen und Zivilisten in Kämpfen oder durch Massaker der Wehrmacht und der SS ums Leben. 

70.000 griechische Juden wurden in die Vernichtungslager verschleppt. Zehntausende Griechen verhungerten oder erfroren im Winter 1941/42, weil die Besatzer Brennstoffe und Nahrungsmittel beschlagnahmten. öhl

1960 zahlte Deutschland 115 Millionen Mark für griechische Opfer der Nazi-Herrschaft. Die Bundesregierung vertritt die Auffassung, dass damit alle Kriegsschulden abgegolten sind. Mit dem 1990 geschlossenen Zwei-plus-Vier-Vertrag, den auch Griechenland anerkannte, habe die Reparationsfrage „ihre Berechtigung verloren“, heißt es in Berlin. Der heutige Premierminister Alexis Tsipras hatte das Thema schon als Oppositionsführer und nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten im Januar 2015 immer wieder angesprochen. Mitte 2016 bestätigte ein Parlamentsausschuss die Forderungen und bezifferte sie auf 270 bis 309 Milliarden Euro.

Schuldenkrise habe nichts damit zu tun

Parlamentspräsident Nikos Voutsis sprach von einem „historischen Augenblick“. Dass die Regierung das Thema erst jetzt ins Plenum brachte, begründete Voutsis mit der Schuldenkrise: Man habe das Ende des im vergangenen August abgeschlossenen Programms abwarten wollen, damit nicht der Eindruck entstehe, Griechenland wolle die Reparationsforderungen gegen seine Schulden bei den internationalen Gläubigern aufrechnen. Der Zeitpunkt der Parlamentsdebatte dürfte aber auch damit zusammenhängen, dass 2019 ein Wahljahr ist: Tsipras möchte offenbar vor den spätestens im Oktober fälligen Parlamentswahlen sein linkes Profil schärfen.

Kommentar: Berlin sollte Griechenlands Forderung ernst nehmen

Das Parlament hatte am Mittwochabend über eine Entschließung abgestimmt, mit der die Regierung aufgefordert wird, „alle gebotenen diplomatischen und rechtlichen Schritte zur Durchsetzung der Reparationsforderungen aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg einzuleiten“. Der nächste Schritt wird sein, dass die griechische Regierung mit einer Verbalnote in Berlin die Forderungen anmeldet. Wenn der diplomatische Vorstoß ins Leere geht, könnte Athen versuchen, die Ansprüche vor internationalen Gerichten durchzusetzen. Die meisten Völkerrechtsexperten halten das allerdings für aussichtslos.

Lesen Sie dazu: Das Sachbuch „Griechenland unter Hitler“ von Mark Mazower beschreibt die Jahre der brutalen Okkupation

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion