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„Flüchtlingsboot in Sicht“ war für Dionysis Arvanitakis das Signal, um zum Hafen aufzubrechen.

Griechenland

Der „Bäcker von Kos“ ist tot

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Dionysis Arvanitakis versorgte ankommende Flüchtlinge kostenlos mit Brot und Gebäck.

Er war einer der vielen Bürger, die auf den griechischen Inseln der östlichen Ägäis ankommenden Flüchtlingen tatkräftig und selbstlos helfen: Dionysis Arvanitakis, bekannt geworden weit über Griechenlands Grenzen hinaus als der „Bäcker von Kos“. Am Samstag starb er im Alter von 77 Jahren auf der Insel. Sein Tod wirft ein Schlaglicht auf die skandalösen Zustände in den staatlichen Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln.

Wenn es auf der Insel Kos hieß „Flüchtlingsboot in Sicht“, belud der Bäckermeister Arvanitakis seinen Lieferwagen mit Brot und Gebäck. Dann fuhr zum Hafen. Dort verschenkte er seine Backwaren an die frierenden und hungrigen Flüchtlinge.

„Ich weiß, was es heißt, nichts zu haben“ pflegte Arvanitakis zu sagen. Als eines von zehn Kindern einer armen Familie war er 1957 nach Australien ausgewandert, wo er das Bäckerhandwerk erlernte. 1970 kehrte er nach Kos zurück, auf die Heimatinsel seiner Frau, und eröffnete dort eine Bäckerei. Daraus ist inzwischen ein mittelständisches Unternehmen mit sieben Geschäften und einer Brotfabrik geworden.

2015, als an manchen Tagen mehr als tausend Flüchtlinge in Kos ankamen, begann Arvanitakis, Backwaren an die Menschen zu verteilen. Im Jahr darauf wurde er mit dem Europäischen Preis der Zivilgesellschaft geehrt. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker würdigte Arvanitakis als „beispielhaften europäischen Bürger“, der „Großzügigkeit und Mitgefühl“ bewiesen habe. Der griechische Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos erklärte, Arvanitakis habe „die Kultur Europas mit den griechischen Werten der Menschlichkeit und der Solidarität veredelt“. Premierminister Alexis Tsipras lobte den Bäcker als „Vorbild des Mitgefühls und der Menschlichkeit“.

Die salbungsvollen Worte der Politiker stehen in krassem Gegensatz zu den skandalösen Zuständen in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln. Hier hat der Staat völlig versagt. Auch nach vier Jahren sind die Politiker und Behörden überfordert. Auf den fünf ostägäischen Inseln leben fast 15 200 Menschen in Lagern, die nur für 6439 Personen ausgelegt sind. Weil die Camps überfüllt sind, hausen Tausende in Zelten oder selbstgezimmerten Verschlägen, ungeschützt vor Kälte und Regen. Obwohl Griechenland für die Flüchtlingsbetreuung von der EU rund 1,6 Milliarden Euro Hilfsgelder erhalten hat, schafft es die Tsipras-Regierung nicht, für menschenwürdige Unterkünfte zu sorgen.

19 Hilfsorganisationen prangerten in einem offenen Brief an Premier Tsipras „beschämende Zustände“ an. Gäbe es nicht Tausende Freiwillige, die den Flüchtlingen helfen, wäre die Lage noch verzweifelter. Auf Samos, wo über 3743 Menschen in einem Lager für 648 Personen eingepfercht sind, demonstrierten kürzlich die Inselbewohner mit einem Streik gegen die Untätigkeit der Regierung in Athen. Bewirkt hat der Protest bisher nichts. Inselbürgermeister Michalis Angelopoulos spricht von der Flüchtlingsunterkunft auf seiner Insel als einem „Lager der vergessenen Seelen“.

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