1. Startseite
  2. Politik

Grausame Daunengewinnung

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

In der Europäischen Union werden derzeit neue Regelungen für das Rupfen lebender Gänse ausgearbeitet.
In der Europäischen Union werden derzeit neue Regelungen für das Rupfen lebender Gänse ausgearbeitet. © dpa

Die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ fordert ein europäisches Verbot des Lebendrupfens von Gänsen. So ein Verbot gibt es schon, kontert die Industrie. Nur definiert sie Lebendrupfen ganz anders.

Von Matthias Thieme

Mit schrecklichen Videos hat die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ schon öfter auf die Quälerei von Gänsen bei der Daunengewinnung aufmerksam gemacht: blutende Tiere, denen ihr Federkleid bei lebendigem Leib aus der Haut gerissen wurde, sind auf diesen Bildern zu sehen. Tierquälerei für die Bettdeckenproduktion. Kein Einzelfall, meinen die Tierschützer und fordern ein Verbot.

Das wiederum wundert manche, denn das Lebendrupfen von Gänsen ist in der europäischen Union beeits seit rund zehn Jahren verboten. „Wer das macht, bricht Gesetze“, sagt Juliane Hedderich vom Verband der Daunen und Federinduistrie (VdFI). Es gehe vielmehr darum, das Verbot effektiv zu kontrollieren.

Doch ganz so einfach ist es schon bei der Definition des lebendigen Rupfens nicht. Das macht in der Branche natürlich keiner. Man nennt die Entfernung der Federn bei lebendigem Leib lieber „Mauserrauf“. Und der ist weiter erlaubt. Dies sei eine Art „Ernten“ oder auch „Pflücken“ der quasi reifen und deshalb auch losen Federn vom einverstandenen Gänsekörper, heißt es sinngemäß bei der Federindustrie. Alles angeblich ganz sanft: „Mit der Mauser sorgt die Natur für das Abstoßen des Federnkleides. Die Spule der Feder steckt sehr locker im Federbalg, weil die Nährstoffversorgung hormonal bedingt unterbrochen wird. Daraus entsteht die Möglichkeit, die Gans ohne Schmerz und bar jeglicher Hautverletzungen zu raufen“, beschreibt der Verband der Europäischen Bettfedern- und Bettwarenindustrie dieses Geschäft. Und wussten Sie schon, dass laut „Fachliteratur“ die Sensibilität der Haut beim Geflügel überhaupt geringer ist als beim Säugetier? Na also.

Appell der Handelsunternehmen

„Die Daunenindustrie wendet einen Trick an, indem sie das Lebendrupfen anders nennt“, sagt Marcus Müller, Kampagnenleiter von „Vier Pfoten“. Die Tierschützer fordern ein striktes Verbot jeglicher Entnahme von Daunen und Federn bei lebenden Tieren. Diesem Appell haben sich nun auch führende Handelsunternehmen angeschlossen: Tchibo, Lidl, Kaufland und weitere Konzerne haben die EU-Kommission aufgefordert, den Lebendrupf generell zu verbieten. „Die Wirtschaft hat genug von den Skandalen der Daunenindustrie und verlangt, dass die EU jede Daunengewinnung bei lebenden Tieren verbietet“, sagt Müller.

Im Internet haben sich bereits über 31.600 Menschen dem Appell der Tierschützer angeschlossen. In der Europäischen Union werden derzeit neue Regelungen für das Rupfen lebender Gänse ausgearbeitet, etwa eine bessere Unterscheidung zwischen „reifen“ und anderen federn. Dabei ist selbst der Verband der deutschen Daunenindustrie mittlerweile skeptisch: „Wir hätten nichts gegen ein Verbot“, sagt Hedderich. „Wir wollen feste Regeln, Kontrollen und ordentliche Ware.“

Auch interessant

Kommentare