Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

IM GESPRÄCH

Grauenhafter Klinikalltag

Ärztin berichtet aus Bagdad

Von Steffen Hebestreit (Frankfurt a. M.)

Der Gestank war bestialisch, erzählt Linderer. Viele der Patienten in den Zimmern, auf den Böden, in Gängen und Treppenhäusern schrien vor Schmerzen. Die wenigen Krankenschwestern waren völlig überfordert, es fehlte an sterilem Besteck, an Medikamenten, an Verbandszeug. Die Wasserversorgung arbeitete nur sehr unzuverlässig, Strom lieferten Dieselgeneratoren. Irakische Ärzte leisteten unter den denkbar schlechten Bedingungen Akkordarbeit in den 34 Krankenhäusern Bagdads, ohne Bezahlung und in ständiger Sorge vor Überfällen und Plünderungen.

Wenn Linderer über ihre jüngsten Erfahrungen in Bagdad erzählt, klingt in ihren Worten noch immer Erschütterung über die dortigen Zustände durch. "Es war das Grausamste, was ich jemals gesehen habe." Erschüttert ist die 55-jährige Berlinerin vor allem, da sie und ihre sechs Kollegen von "Ärzte ohne Grenzen" helfen wollten, aber nicht eingreifen durften.

Von Jordanien aus waren die Mediziner kurz vor Ostern mit fünf Lastwagen voller medizinischer Hilfsgüter in die Hauptstadt gefahren. "Manchmal hatten wir sogar Vorverträge mit der Krankenhausleitung vereinbart, am nächsten Tag mit der Arbeit zu beginnen. Als wir dann morgens mit unserem Gerät anrückten, saß ein anderer Direktor auf dem Chefsessel, lächelte freundlich und sagte, unser Einsatz sei gar nicht erforderlich, man habe die Lage selbst unter Kontrolle." Und wieso sei anderntags die Hilfe noch erwünscht gewesen? Weshalb schrien Patienten noch immer vor Schmerzen, stöhnten Ärzte vor Überlastung? "Es ist Kriegszeit", lautete die lapidare Antwort in Bagdad.

Bei der Anästhesistin und Allgemeinmedizinerin, die sich bereits bei Hilfseinsätzen in Sierra Leone, Sri Lanka und Kosovo engagiert hatte, machte sich Frustration breit. "Schließlich habe ich einzelne Patienten bei Hausbesuchen behandelt."

Linderer sieht zwei Gründe für die verfahrene Situation. Zum einen rangelten Sunniten, Schiiten und Kurden um Macht und Einfluss. Daher seien die Führungsstrukturen kaum durchschaubar. "Viel zu spät haben wir beispielsweise gemerkt, welchen Einfluss die Imame spielen." Als zweiten Grund für die schlechte Lage im Gesundheitswesen macht sie die US-Besatzungstruppen verantwortlich, die nach ihrem Einmarsch die Plünderungen nicht verhindert hätten und nun noch immer kaum Interesse daran zeigten, die Hilfsorganisationen zu unterstützen. "Die wollen sich damit nicht befassen", sagt Linderer. Als Hohn empfand sie ein Treffen mit US-Verwalter Jay Garner, weil der frühere General von einer "Normalisierung" der Lage in den Kliniken sprach. "Der wusste gar nicht, was da abgeht", erinnert sich die Deutsche. Gipfel des Hohns: Als das Chirurgenteam der Hilfsorganisation aus Protest über die mangelnde Unterstützung am 1. Mai abreiste, wertete Garner dies als Beleg dafür, dass die Ärzte in Irak nicht mehr benötigt würden.

Dossier: Krieg gegen Irak

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare