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Achtlos gehen an der Gutleutkaserne Zivilisten an gefallenen deutschen Soldaten vorbei.
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Achtlos gehen an der Gutleutkaserne Zivilisten an gefallenen deutschen Soldaten vorbei.

Ein Granattreffer beendet den Endkampf um Frankfurt

In diesen Tagen vor 60 Jahren ging der Zweite Weltkrieg für die alte Reichsstadt zu Ende / Amerikaner machen Journalisten zum BürgermeisterAls der Zweite Weltkrieg am 8. Mai 1945 zu Ende ging, da war er für Frankfurt schon knapp sechs Wochen vorbei. Der Einmarsch der Amerikaner stieß kaum auf Widerstand, am 29. März verkündete der US-Sender Luxemburg, dass die Stadt komplett in US-Hand sei. Auch beim "Endkampf" kam Frankfurt, ebenso wie beim Bombenkrieg, im Vergleich zu anderen deutschen Städten glimpflich davon.

Von FRED KICKHEFEL

Der Knabe war klein, die Panzer waren ungeheuer. Die Maschinen, die da am 29. März 1945 durch Sachsenhausen rasselten, waren 34 Tonnen schwer, drei Meter hoch und wurden von einem 500-PS-Motor angetrieben. So ein olivgrüner Stahlkoloss mit den weißen Kennungssternen der US Army hieß M 4 Sherman Tank und war dafür berüchtigt, dass sein Motor und seine Ketten einen besonders infernalischen Lärm machten.

Alles in allem ein beeindruckender Anblick für einen Vierjährigen. So alt nämlich war Fritz Freyeisen an jenem Tag, an dem für seine Heimatstadt der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Am Mittag hatte der Army-Sender in Luxemburg offiziell verkündet, dass die Mainstadt komplett von US-Truppen erobert war. Trotz seines damals kindlichen Alters kann sich Freyeisen noch heute an diesen Tag erinnern - so etwa daran, dass hinter den Panzern faszinierenderweise "auch schwarze Soldaten herliefen".

Die Tage davor, als noch um Frankfurt gekämpft wurde, hatten neben vielen Anwohnern aus Sachsenhausen auch Klein-Fritzchen und seine Mutter aus der Diesterwegstraße in den historischen Kellern der Binding-Brauerei verbracht, die einen guten Schutz boten. Gemütlich freilich war es nicht gerade in den feuchten Gewölben. Fritz Freyeisen: "Es kam uns warm vor, als wir schließlich nach draußen gingen" - obwohl es in diesen Märztagen in Frankfurt noch Schneeregen gegeben hatte. Aber diese gefühlte Wärme mag sicher auch daran gelegen haben, dass das Kind nun die Angst der Erwachsenen nicht mehr verspürte.

Mit den Panzern also zogen US-Infanteristen durch die Straßen - darunter auch die Schwarzen, die den Knaben Fritz so beeindruckten. Und: "Im Straßengraben lag ein totes Pferd."

Aber der Kampf war vorbei. Ein Kampf, der für Frankfurt glimpflich abgelaufen war. Dass die Stadt nicht mehr zu halten war, musste eigentlich jedem Obergefreiten klar sein, nachdem General George Pattons 3. US-Armee am 23. März bei Oppenheim über den Rhein gegangen war.

Die 5. US-Infanteriedivision und die 6. US-Panzerdivision stießen von Süden her in Richtung Frankfurt vor und erreichten den Stadtwald in den Morgenstunden des 24. Darmstadt, verteidigt von der gewaltigen Streitmacht von 300 Volkssturmmännern, hatte sich kampflos ergeben. Dem Frankfurter Kampfkommandanten, Generalmajor Friedrich Stemmermann, stehen nur noch zusammengewürftelte Einheiten zur Verfügung, darunter eine Flakgruppe, ein durch "Volkssturm" verstärktes Landesschützenbataillon und eine Ausbildungskompanie mit blutjungen, völlig unerfahrenen Soldaten; alles in allem rund 1000 Mann.

Am 26. März sprengen Wehrmachts-Pioniere die Brücken über den Main - was aber bei der Wilhelmsbrücke (heute Friedensbrücke) nicht ganz gelingt. Über die im Wasser liegenden Stahlträger dringen US-Einheiten aufs nördliche Mainufer und in Richtung Hauptbahnhof vor. Gauleiter Jakob Sprenger hat sich mit seinen "Goldfasanen" pfiffigerweise in Richtung Thüringen abgesetzt. Später schafft er es noch bis Tirol, wo er sich vor der Festnahme durch die Amerikaner vergiftet. Nachdem Sprenger für sich und seine Parteibonzen Wehrmachtsuniformen besorgt hat, verordnet er den verbliebenen rund 100 000 Frankfurtern noch den Kampf bis zum letzten Blutstropfen.

Dafür ist freilich der fast 53-jährige General Stemmermann in den Augen des Oberbefehlshabers West, Albert Keßelring, nicht der richtige Mann. Der Generalfeldmarschall befiehlt deswegen den Kommandeur des bei Marburg stehenden Grenadierregiments 57, Oberstleutnant Erich Löffler, als neuen Kampfkommandanten nach Frankfurt - freilich ohne Truppen, sondern nur mit seinem neunköpfigen Stab.

Zu diesem gehört auch Major Graf Helldorf, ein Verwandter des nach dem 20. Juli 1944 hingerichteten Berliner Polizeipräsidenten. Löffler trifft am Morgen des 27. März in der Kommandantur in der Taunusanlage 12 ein. (Das nach dem Krieg abgerissene Gebäude stand hinter dem "Löwensteinschen Palais", wo sich heute die Türme der Deutschen Bank erheben.)

Und dann, gegen 14.30 Uhr, ist der Kampf um Frankfurt im Wortsinne mit einem Schlag vorbei: US-Artillerie nahe dem Hauptbahnhof ist nur noch rund 300 Meter von der Kommandantur entfernt und so schlägt eine 105-Millimeter-Granate im ersten Stock der Taunusanlage 12 ein; das Geschoss tötet Löffler mit seinem gesamten Stab.

Stemmermann, der an der Tür auf ein Auto gewartet hat, das ihn wegbringen soll, wird schwer verletzt. (Der gebürtige Elsässer überlebte Verwundung und US-Kriegsgefangenschaft und starb 1970.) Falls es eine koordinierte Verteidigung überhaupt gegeben hätte - ohne Führungsstab ist alles vorbei. Vor den nun von allen Seiten in Frankfurt einrückenden Amerikanern kapitulieren die deutschen Einheiten separat.

Frankfurt, wie gesagt, kommt glimpflich davon, doch ganz ohne Blutzoll geht es nicht: So versucht etwa eine aus RAD-(Reichsarbeitsdienst)-Männern bestehende Flak-Einheit, Schwanheim zu verteidigen und wird von US-Panzertruppen vernichtet.

Oberstleutnant Löffler war am 22. März 37 Jahre alt geworden. Über den in Eisenach geborenen Berufssoldaten ist wenig bekannt. Er war vor dem Krieg Hauptfeldwebel der 3. Kompanie des Infanterieregiments 57 und wurde Anfang des Krieges zum Oberleutnant befördert. Von da an machte er schnell Karriere: Hauptmann und Bataillonskommandeur, Major, Oberstleutnant und Regimentskommandeur. Fotos zeigen ihn ab 1943 mit einer beeindruckenden Sammlung von Auszeichnungen: Eisernes Kreuz Zweiter und Erster Klasse, Deutsches Kreuz in Gold, Infanteriesturmabzeichen, Verwundetenabzeichen, vier Panzervernichtungsabzeichen - und das 1942 an der Ostfront verliehen Ritterkreuz.

Ehrengräber auf dem Hauptfriedhof

Ob dieser hochdekorierte Offizier noch einen blutigen Endkampf um Frankfurt inszeniert oder aus der Sinnlosigkeit eines solchen Unterfangens die Konsequenz gezogen hätte - die Antwort auf diese Frage hat er mit ins Grab genommen.

Am 29. März, dem Tag des Kriegsendes in Frankfurt, wurde er mit seinen Stabsoffizieren und anderen Kriegsopfern in Ehrengräbern auf dem Hauptfriedhof beigesetzt. Kein Ehrengrab gab es für einen der oben erwähnten "durchblickenden" Obergefreiten. Der 25-jährige Soldat namens Tresen wurde entfernt von seiner Einheit ohne gültigen Marschbefehl von einem SS-Kommando erwischt und sofort erschossen. Damit waren die "Kampfhandlungen" für die SS-Mörder beendet; sie setzen sich nach Fulda ab.Der Krieg war für Frankfurt also vorbei.

Als das Deutsche Reich knapp sechs Wochen später kapitulierte, berührte das in der Stadt kaum noch jemanden. Schon am 27. März hatten die Amerikaner den Journalisten Wilhelm Hollbach zum "vorläufigen Frankfurter Bürgermeister" ernannt. Ganz zu Ende freilich war der Zweite Weltkrieg auch für viele Frankfurter am 8. Mai nicht, waren doch noch Tausende von Männern aus der Mainstadt vermisst oder in Kriegsgefangenschaft.

Dossier: 60 Jahre Kriegsende

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