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"Je länger ich Politik mache, desto frommer werde ich": Katrin Göring-Eckardt in Berlin.
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"Je länger ich Politik mache, desto frommer werde ich": Katrin Göring-Eckardt in Berlin.

Katrin Göring-Eckardt

"Gott hat uns gemacht"

  • Markus Decker
    VonMarkus Decker
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Die Grüne Katrin Göring-Eckardt beschreibt in ihrem Buch, wie sie wurde, wer sie ist. Sie liefert unter anderem ein ganz und gar universelles religiöses Bekenntnis.

Irgendwann im Sommer saß Katrin Göring-Eckardt in der thüringischen Landesvertretung in Berlin. Neben der grünen Spitzenkandidatin bei der Bundestagswahl saß Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Die beiden saßen nicht zufällig beisammen. Die 51-Jährige hat ein schmales Buch von 127 Seiten geschrieben, das den Titel trägt: „Ich entscheide mich für Mut. Wie wir Veränderung in unserem Land gestalten.“ Und während sie darüber redete, sagte sie erstaunliche Sätze. Einer lautete: „Je länger ich Politik mache, desto frommer werde ich.“

Katrin Göring-Eckardt ist Mutter und Großmutter

Die Mutter und Großmutter gehört seit nunmehr zwanzig Jahren zum Mobiliar der Republik. Die einstige Theologiestudentin aus Friedrichroda zog schon 1998 in den Bundestag ein. Gleichsam aus dem Stand wurde sie Parlamentarische Geschäftsführerin und Fraktionsvorsitzende, später Bundestagsvizepräsidentin und hinterher abermals Fraktionsvorsitzende. Auch ist Göring-Eckardt nicht zum ersten, sondern nach 2013 zum zweiten Mal Spitzenkandidatin. Diese bald 20 Jahre in Führungsämtern haben eine positive und eine negative Folge. Positiv ist, dass Göring-Eckardt sehr viel Routine hat und man ihr das in jeder Situation anmerkt. Ein langjähriger Gefährte sagt, sie sei in einer Menschenansammlung stets die Ruhigste. Negativ ist, dass manche die Frau mit Anfang 50 langweilig finden, weil sie sie bereits so lange kennen. Wie oft bei Politikern liegen Stärke und Schwäche eng beisammen.

Politisch war Göring-Eckardt zeitweilig schwer zu fassen. 2003 trug sie die von Gerhard Schröder konzipierte liberale Agenda 2010 mit. 2013 galt Selbiges für den gegenläufigen Steuererhöhungskurs, der vor allem auf das Konto ihres damaligen Co-Spitzenkandidaten Jürgen Trittin ging. Einige sagen, Göring-Eckardt zeige in der Sache oft zu wenig Flagge. In „Ich entscheide mich für Mut“ erzählt sie eine Episode aus dem Jahr 1999. Damals hatte die Newcomerin die Reform des Rentensystems gefordert. Der Reuters-Redakteur Holger Hansen bekam das Papier in die Hand und berichtete darüber. Schröder passte das Papier gar nicht. Er forderte seinen Vizekanzler Joschka Fischer auf: „Die musst du rausschmeißen.“ Das geschah nicht. Göring-Eckardt notiert nun: „Seitdem weiß ich: Es gibt Momente, da musst du dich aus der Deckung trauen und zu deinen Sachen stehen.“ Im Übrigen offenbart das Buch einige bisher unterbelichtete Seiten der Politikerin.

So berichtet sie von ihrem Vater, Jahrgang 1921, der in Stalingrad war und andere Soldaten an der V2 – einer Rakete, die während des Nationalsozialismus als Wunderwaffe galt – ausbildete, weil er sie so gut beherrschte. Bei ihm fand die 14-Jährige, auf dem Schrank und ausgerechnet in die SED-Parteizeitung „Neues Deutschland“ eingewickelt, Hitlers „Mein Kampf“. Es folgte der Versuch einer Auseinandersetzung. Er scheiterte. Göring-Eckardts Mutter starb, als diese 17 war.

Die Ostfrau schreibt über Tschernobyl 1986 sowie die Wende 1989. Und sie macht deutlich, warum sie so gelassen geworden ist. So drang der Vater darauf, dass die Tochter physisch eine gerade Haltung einnimmt. „Zu seinem Training gehörte auch, dass ich mit zwölf in Stöckelschuhen quer durch einen Saal laufen musste, wo 60, 70, 80 Jungs auf der einen Seite saßen und genauso viele Mädchen auf der anderen Seite. Vor öffentlichen Auftritten habe ich seitdem kaum mehr Angst.“ Das Überraschendste an dem Buch ist, dass sich die Autorin darin als tief religiös offenbart, obwohl die Eltern mit Religion nicht viel am Hut hatten.

Göring-Eckardt war Präses der Synode 

Zwar ist bekannt, dass Göring-Eckardt täglich betet. Von 2009 bis September 2013 war sie Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland und leitete 2011 den Kirchentag in Dresden als Präsidentin. Das ganz und gar unverstellte religiöse Bekenntnis ist dennoch verblüffend. So finden sich darin Sätze wie: „Gott hat uns gemacht, jede und jeden Einzelnen. Er hat keine Schubladen für uns, für unsere Seelen, er hat uns bei unserem Namen gerufen.“ Oder: „Schätze im Himmel sammeln heißt, mich leiten zu lassen und auszurichten auf Gott hin und seine Gerechtigkeit. Ja, meine Schätze im Himmel lassen mich ganz und gar bei Gott sein.“ Und weiter: „Es gibt nichts Schöneres unter Gottes Himmel als einen oder eine lieb zu haben, sich Sorgen machen zu dürfen, sie wichtig zu finden, für ihn zu hoffen, zusammen zu beten, auf sie zu trauen.“

Die Verwurzelung im Glauben hat politische Implikationen. So mahnt Göring-Eckardt: „Teilen wir auch von dem, was uns reich macht und mit dem wir beschenkt sind. Reden wir mit Flüchtlingen, nehmen wir uns Zeit, stellen wir unsere Unterstützung auf Dauer.“ Es ist dies ein religiöses Bekenntnis zur Umverteilung der Kirchenfrau Göring-Eckardt, das man von der Politikerin Göring-Eckardt so nicht hören wird.

Ohnehin sei in ihrem „christlichen Menschenbild das alles Entscheidende, dass der Mensch frei ist, frei entscheiden kann“, heißt es an anderer Stelle. Entsprechend konstatiert Göring-Eckardt: „Wir können Verantwortung übernehmen, nein, nicht weil wir Gutmenschen sind, sondern gute Bürgerinnen und Bürger in Gottes Welt.“ Junge Christen könnten die „Weltverbesserer von morgen“ sein. Und eine Aufgabe der Kirche sei, die „Vielfalt der Weltsichten miteinander ins Gespräch zu bringen“.

Doch so sehr für Göring-Eckardt das Christentum politisch ist, so wenig erschöpft es sich doch in Politik. Das Buch weist Göring-Eckardt gewissermaßen als religiös Linke aus (Rechte gibt es in den Kirchen ja längst ebenfalls), mehr aber noch als Bürgerliche der politischen Mitte. Die Berührungspunkte mit Kanzlerin Angela Merkel sind jedenfalls einmal mehr unübersehbar – in der Biografie, in den geistigen Fundamenten, im abwägenden Temperament. Die zwei in einer Regierung, gemeinsam mit dem Co-Spitzenkandidaten Cem Özdemir – das kann man sich weitaus besser vorstellen als eine Merkel-Allianz mit dem stürmischen FDP-Vorsitzenden Christian Lindner. Freilich ist die Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommt, im Lichte der Umfragen nicht sehr groß.

Für Göring-Eckardt ist das Christentum politisch

Denkbar, dass sich Katrin Göring-Eckardt im Falle einer Niederlage noch einmal in den Fraktionsvorsitz rettet. Denkbar indes auch, dass ihre Laufbahn als Spitzenpolitikerin im 19. Jahr endet. Angst scheint ihr das nicht zu machen. Bei der sommerlichen Veranstaltung in der Thüringer Landesvertretung sagte die Grüne, auch wenn sie irgendwann niemand mehr anrufe, lebe sie als Christin in der religiösen Gewissheit: „Du bist trotzdem noch da.“

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