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Erkundungsbergwerk Gorleben in einer Tiefe von 840 Metern.
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Erkundungsbergwerk Gorleben in einer Tiefe von 840 Metern.

Atomendlager

Bei Gorleben doch nicht getrickst?

  • Joachim Wille
    VonJoachim Wille
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Der niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) hat eine neue Studie vorgelegt. Darin kommt ein Historiker zu dem Schluss, die Auswahl von Gorleben sei sachgerecht erfolgt. Von Joachim Wille

Der niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) hat Zweifel am Auswahlverfahren für den Atomendlager-Standort Gorleben zurückgewiesen. Sander legte am Freitag eine Studie vor, die den Entscheidungsprozess in den 70er Jahren nachzeichnet. Er gab sich sicher: "Die Studie belegt, dass die Verschwörungstheorien jeder Grundlage entbehren, Gorleben also wissenschaftlich fundiert ausgewählt wurde." Er hoffe sehr, dass "diese Erkenntnisse zur Versachlichung der Diskussion beitragen - sowohl in Niedersachsen als auch in Berlin".

Im Bundestag ist jüngst ein Untersuchungsausschuss zu Gorleben eingerichtet worden. Zumindest die Atomgegner aus der Gorleben-Region zeigten sich am Freitag aber nicht überzeugt von der "bestellten Studie".

Gorleben war im Februar 1977 vom damaligen Niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU) als Standort für ein "Nationales Entsorgungszentrum" präsentiert worden. Die neue Untersuchung des Historikers Anselm Tiggemann bezieht sich schwerpunktmäßig auf die Zeit von Anfang Januar 1976 bis zu dieser Verkündung. Er kommt zu dem Ergebnis, die Auswahl des Salzstocks sei "sachgerecht" erfolgt.

Bei der ersten Standort-Auswahl anno 1975 durch die damalige Kernbrennstoff-Wiederaufarbeitungsgesellschaft (Kewa) im Auftrag des Bundes schied Gorleben danach zwar bereits am Anfang aus - wegen der "Lage im Ferien- bzw. Erholungsgebiet". Später sei der Salzstock an der damaligen DDR-Grenze aber wieder auf eine Auswahlliste gekommen, nachdem das Niedersächsische Wirtschaftsministerium Bedenken gegen die favorisierten Standorte Wahn (Bundeswehrerprobungsstelle mit Schießplatz), Lutterloh (überregionale Bedeutung des Grundwasservorkommens) und Lichtenhorst (Grundwasservorranggebiet für Hannover) vorgetragen hatte.

Zudem habe es dort heftige Widerstände von Kommunalpolitikern gegen das Projekt gegeben. In späteren Auswahlverfahren habe Gorleben immer vorne gelegen, berichtet die Studie. Im Februar 1977 sei die Entscheidung dann im Kabinett in Hannover dann zwischen zwei Standorten gefallen - den Salzstöcken Lichtenhorst und Gorleben.

Zeitzeugen wie der emeritierte Geologe Gerd Lüttig hatten allerdings berichtet, die Wahl Gorlebens sei unter anderem eine Retourkutsche Albrechts für das ebenfalls direkt an der Grenze gelegene DDR-Endlager Morsleben gewesen. Albrecht habe sinngemäß gesagt: "Die ärgern uns doch mit Morsleben, ich gehe in Gorleben auch an die Zonengrenze, und da werden sich die in der Ostzone richtig ärgern", erinnerte sich der Professor im vorigen Jahr.

Lüttig war als Vizepräsident Niedersächsischen Landesamts für Bodenforschung in den 70er Jahren ein sehr ranghoher Geologe im Land gewesen. Lüttig teilte mit, er habe auf geologische Mängel des Gorlebener Salzstocks hingewiesen. "Ich sagte: Gorleben gehört gar nicht zu den Standorten der ersten Kategorie", berichtet er. Er sei damit aber nicht durchgedrungen.

Der Obmann der Unions-Fraktion im Berliner Gorleben-Untersuchungsausschuss, Reinhard Grindel, lobt die neue Sander-Studie. Sie sei "ein wertvoller Beitrag für die Aufklärungsarbeit des Ausschusses". Die Behauptung der Opposition, Gorleben sei plötzlich und ohne wissenschaftliche Grundlage aus politischen Gründen ausgewählt worden, habe sich "in Luft aufgelöst". Obwohl es 1977 nicht nur um ein Endlager, sondern um ein nationales Entsorgungszentrum ging, seien geologische Kriterien wichtiger als Fragen der Wirtschaftsförderung gewesen.

Die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg wies das zurück. Die nicht abreißenden Aktenfunde und Presseberichte darüber, dass Gorleben nicht Ergebnis eines wissenschaftlichen Auswahlverfahrens war, sondern "aus dem Hut" gezaubert wurde, um 1976/77 einen Entsorgungsnachweis zu liefern, hätten die Gorleben-Befürworter dermaßen in die Defensive gedrängt, dass sie mit einer "bestellten Expertise" wieder punkten wollten.

Bereits auf dem internationalen Endlagersymposium im Oktober 2008 in Berlin habe ein Vertreter des Umweltministeriums "dieMär eines angeblich vergleichenden Auswahlverfahrens aufgetischt", das heutigen Anforderungen genügen würde. Im Folgenden sei das aber Punkt für Punkt durch die Aktenfunde zerpflückt worden.

BI-Sprecher Wolfgang Ehmke, sagte der FDP-Politiker Sander wolle vor allem Stimmung für das Festhalten an Gorleben machen. Es gehe darum, "den Skandal zu überspielen, dass Schwarz-Gelb in Berlin an einem wissenschaftlich skandalösen Vorgehen sowie einem Verfahren ohne Öffentlichkeitsbeteiligung und ohne Standortvergleich festhält." Gorleben sei "politisch und geologisch tot."

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