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Michail Gorbatschow ist tot: Für den Westen war er ein Befreier

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Von: Stefan Scholl

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US-Präsident Ronald Reagan (l.) und Michail Gorbatschow auf Reagans Ranch nördlich von Santa Barbara.
US-Präsident Ronald Reagan (l.) und Michail Gorbatschow auf Reagans Ranch nördlich von Santa Barbara. © dpa

Mutig, schillernd, am Ende gescheitert: Michail Gorbatschow war eine der großen Politikerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Ein Nachruf.

Michail Gorbatschows politische Karriere begann in der neunten Klasse. Der „Komsomol“, die kommunistische Jugendorganisation an der Mittelschule, auf die er ging, wählte einen neuen Sekretär, Mischa Gorbatschow war einer von sieben Kandidatinnen und Kandidaten. Wie die anderen stand er auf und stellte sich mit einer kurzen Rede vor. Als er sich wieder setzen wollte, hatte ihm jemand den Stuhl weggezogen. „Ich knallte mit voller Wucht auf den Boden“, schrieb er in seiner Autobiografie „Alles zu seiner Zeit“.

„Der Saal platzte vor Lachen.“ Gorbatschow erhielt trotzdem die Mehrheit. Er errang danach noch sehr viele Wahlsiege in den verschiedensten sowjetischen Gremien, wurde 1985 zum Generalsekretär der KPdSU und 1990 zum ersten Präsidenten der Sowjetunion gewählt. Doch immer sollte es Leute geben, die versuchten, ihm den Stuhl wegzuziehen. In Russland galt Michail Gorbatschow seit Jahrzehnten als Politiker, der zwischen allen Stühlen der Weltgeschichte gelandet ist. Gescheitert oder nicht, er hat die Geschichte epochal beeinflusst.

Michail Gorbatschow nach „schwerer und langwieriger Krankheit“ gestorben

Der 91-Jährige starb am Abend des 30. Augusts im Zentralen Klinischen Krankenhaus Moskaus, einer medizinischen Einrichtung der russischen Präsidialverwaltung. Laut der Agentur RIA Nowosti verbrachte er seit längerem fast seine gesamte Zeit in der Klinik, die Behandlung habe aber nur noch darauf gezielt, seine Krankheit zu lindern. Nach Angaben des Portals Mash hatte Gorbatschow Probleme mit den Nieren, seit Jahren wurde er regelmäßig an Dialysegeräte angeschlossen. In der offiziellen Mitteilung des Krankenhauses heißt es, er sei nach „schwerer und langwieriger Krankheit“ gestorben, eine Formulierung, wie sie im sowjetischen Amtsrussisch beim Ableben seiner betagten Vorgänger üblich war.

Gorbatschow kam am 2. März 1931 im Dorf Priwolnoje im Stawropoler Gebiet am Fuß des Kaukasus zur Welt. Ein Kriegskind, er erlebte 1942 die deutsche Besatzung und den Hunger danach, der Sohn eines Kolchosbauern lernte sehr gut. Der Musterjungkommunist wurde Komsomol- und Parteifunktionär, mit 31 Jahren erster Sekretär des Stawropoler Gebietsparteikomitees, mit 49 das jüngste Mitglied des Politbüros in Moskau.

Michail Gorbatschow glaubte an den Kommunismus

Gorbatschow war kein Selfmademan, sondern ein strebsamer Parteikarrierist, schon früh gefördert von KGB-Chef Juri Andropow. Er selbst sagt, die multiethnische Gesellschaft des Nordkaukasus sei der Ursprung für seine Bereitschaft, in Konfliktfällen nach Kompromissen zu suchen. Aber bis heute wird gerätselt, woher der innere Antrieb zur Neugestaltung kam, der den Mann aus Stawropol zu einem der größten Reformpolitiker des 20. Jahrhunderts gemacht hat.

Die Frau seines Lebens: Mit Raissa Gorbatschowa trat erstmals die Frau eines sowjetischen Staatschefs auf wie eine First Lady.
Die Frau seines Lebens: Mit Raissa Gorbatschowa trat erstmals die Frau eines sowjetischen Staatschefs auf wie eine First Lady. © afp

Gorbatschow glaubte an den Kommunismus, aber er war auch ein Junge vom Dorf, mit südrussischem Akzent, praktischer Vernunft und viel Neugierde. Er galt als kompetenter, energischer Kader, mit dem Mut etwas zu verändern.

Michail Gorbatschows Wahl zum Parteichef bedeutete einen Generationenwechsel

Andropow, selbst reformwillig und seit 1982 als Nachfolger des greisen Leonid Breschnews Generalsekretär, wollte Gorbatschow zu seinem Nachfolger machen. Aber die Personalpolitik der UdSSR war ähnlich verknöchert wie ihre kommunistische Ideologie, ihr antiwestlicher Militärpatriotismus und ihr Planwirtschaftssystem. Der schwer zuckerkranke Andropow starb 1984 ebenso im höchsten Amt wie 1985 sein drei Jahre älterer und lungenkranker Nachfolger Konstantin Tschernenko.

Die Wahl des 54-jährigen Gorbatschow zum neuen Parteichef bedeutete einen Generationswechsel. Der junge Parteichef wollte einen Neuanfang, keine Revolution. „Perestrojka“, Umbau, nannte er sein Projekt. Auf den Propagandaplakaten an den bröckelnden Fassaden in Moskau, Kiew oder Taschkent tauchten neue Töne auf. „Glasnost“ (Transparenz in Medien und Öffentlichkeit), „Uskorenije“ (Beschleunigung der Ökonomie), aber auch das Wort „Neues Denken“.

In den Achtzigern wird Gorbatschow zum Weltstar

Gorbatschows Aufbruch in die neu gedachten Möglichkeiten des Sowjetsozialismus war tollkühn. „Er begann seine Reformen, ohne selbst zu wissen, wohin sie führen würden“, erklärt der Historiker Andrei Subow. „Aber er besaß ein inneres Gefühl für Gerechtigkeit und Freiheit, im Gegensatz zu früheren Sowjetführern war er kein Zyniker.“ Die Perestroika-Reformen könnten nur freie Menschen verwirklichen, sagte Gorbatschow über seine Perestroika in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau im Jahr 2019. „Darum sahen wir es als Schlüsselaufgabe, unseren Bürgern maximale Freiheit zu geben.“ Und diese Freiheit hätte er auch den Bürger:innen der sozialistischen Bündnisstaaten nicht verweigern können.

Die Strickjacke kam später ins Museum: Helmut Kohl (r.) handelte 1990 im Kaukasus mit Michael Gorbatschow die deutsche Einheit aus.
Die Strickjacke kam später ins Museum: Helmut Kohl (r.) handelte 1990 im Kaukasus mit Michael Gorbatschow die deutsche Einheit aus. © Imago

Im Westen wird Gorbatschow heute als der Befreier Osteuropas gefeiert. In Berlin, Budapest und Prag gingen die Menschen gegen ihre Parteiautokratien auf die Straße. 1989 fiel die Berliner Mauer, dann reihenweise die kommunistischen Staaten des Warschauer Paktes. Gorbatschow beendete in Verträgen mit den USA das Wettrüsten, Gorbatschow wurde zum Weltstar.

Gorbatschow: Einer der wenigen sowjetischen Machthaber, die ihren Posten im Kreml lebendig verließen

In der Heimat aber klammerte sich die passive Mehrheit der Russinnen und Russen an die Vergangenheit. Sie fürchteten sich vor einer Gesellschaft, in der sie selbst ihr Schicksal in die Hand hätten nehmen müssen. Auch der Partei- und Staatsapparat wollte sich nicht selbst abschaffen, boykottierte Gorbatschows Reformen, Versorgungsengpässe häuften sich. Die demokratisch gesinnten Bürger:innen in den baltischen und kaukasischen Sowjetrepubliken organisierten Unabhängigkeitskundgebungen, während zu Hause kommunistische Konservative immer lauter wurden. In Aserbaidschan gab es blutige ethnische Konflikte, in Tiflis und Vilnius schlugen Gorbatschows Sowjettruppen separatistische Proteste nieder. Ein reaktionärer Putsch im August 1991 in Moskau scheiterte am Widerstand der Bevölkerung, aber sie wurde schon von Boris Jelzin, dem Präsidenten der Russischen Föderativen Republik angeführt. Gorbatschows UdSSR fiel im Dezember klanglos auseinander. Aber er war einer der ganz wenigen sowjetischen Machthaber, die ihren Posten im Kreml lebendig verließen.

Gorbatschow landete vielleicht am Ende zwischen allen Stühlen, weil er etwas Unmögliches gewagt hatte. „Niemand hätte diese Sowjetunion umbauen können, deren Wirtschaft dabei war, zusammenzubrechen“, sagt Historiker Subow. „Und selbst ein Genie hätte die Sowjetrepubliken mit ihren nach Unabhängigkeit strebenden nationalen Eliten nicht zusammenhalten können.“

Putin: „Gorbatschow hat unser Land in einer Periode schwieriger und dramatischer Veränderungen geleitet“

Für Subow ist Gorbatschow eine der positivsten Figuren der vaterländischen Geschichte, vielen anderen Russen aber gilt er nach wie vor als Hauptverantwortlicher für den Zusammenbruch der Sowjetunion. Für Nationalisten ist er eine Hassfigur, ein „Verräter“, wie der Militärblogger Igor Strelkow schimpft.

Der russische Staatschef Wladimir Putin fand respektvollere Worte für den Verstorbenen. „Gorbatschow hat unser Land in einer Periode schwieriger und dramatischer Veränderungen geleitet“, schrieb er am Mittwoch in einem Telegramm an die Hinterbliebenen. „Er hat klar verstanden, dass Reformen unvermeidlich sind, bemühte sich, seine Lösungen für die entstandenen Probleme anzubieten.“

Gorbatschow hatte Putin wiederholt wegen der Beseitigung demokratischer Freiheiten in Russland kritisiert, ihm aber zugestanden, er habe das Land stabilisiert. Auch den Anschluss der Krim befürwortete er. Zu Putins „Kriegsspezialoperation“ gegen die Ukraine äußerte er sich wohl aus Gesundheitsgründen nicht mehr. Gorbatschows Tochter und seine Enkelkinder leben in Deutschland. Seine Frau Raissa starb 1999. „Ich denke nicht nur an sie, ich bin immer bei ihr“, sagte Gorbatschow einmal über sie. „Und sie ist bei mir.“

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