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Polnische Soldaten der 25. Luftwaffenbrigade marschieren während einer Parade auf dem Militärstützpunkt Tomaszow Mazowieki. Sie brechen nach wochenlanger Vorbereitung am heutigen Mittwoch auf in Richtung Irak.

Die Goldgräberstimmung weicht der Sorge

Die polnischen Soldaten brechen zur Irak-Mission auf, doch in der Heimat mehren sich die Zweifel an dem EinsatzDer Transport der polnischen Besatzungstruppe nach Irak beginnt am heutigen Mittwoch. Bis Mitte August sollen 2300 Polen in der "Stabilisierungszone" in Zentralirak stationiert sein. Anfang September soll General Andrzej Tyszkiewicz das Oberkommando über die 9200 Mann starken Einheiten aus mehr als 20 Nationen übernehmen. Dossier: Irak nach dem Krieg

Von Thomas Roser (Tomaszow)

Schweiß steht auf den Stirnen der polnischen Soldaten, die auf dem Paradeplatz des Militärstützpunktes in Tomaszow Mazowiecki bei brütender Hitze in Reih und Glied stehen. "Schwierige Zeiten stehen Euch bevor, in Euren Händen liegt die Ehre der modernen polnischen Armee", dröhnt die Stimme von General Edward Pieczyk blechern durch die Lautsprecher: "Aber ihr habt so hart trainiert, dass ihr nun bereit seid: Wir warten ungeduldig auf Eure Heimkehr - und hoffen, dass ihr vollzählig zurückkommt."

Nur auf den ersten Blick wirke Polens künftige Besatzungszone in Irak wie ein "Turmbau zu Babel", müht sich hinter der Aufmarsch-Tribüne Major Jaroslaw Posadzy, die Zweifel zu zerstreuen, dass sein Arbeitgeber eine Multi-Kulti-Truppe nicht führen könnte, die aus Soldaten von den Fidschis bis Honduras zusammengewürfelt ist. Polnische Soldaten hätten an zahlreichen Friedensmissionen teilgenommen, er selbst habe bereits in Syrien und Libanon gedient: "Wir sind auf die Situation in Irak gut vorbereitet und werden dort hoffentlich eher als Friedenssicherer denn als Besatzer empfangen."

Bereitwillig hatte Warschau Anfang Mai auf die Aufforderung Washingtons reagiert, die Führung in einer der drei Besatzungszonen in Irak zu übernehmen. Wer sich für die Teilnahme am Krieg entschieden habe, müsse auch an dem teilnehmen, "was danach kommt", hatte Außenminister Wlodzimierz Cimoszewicz erklärt. Vor allem in Deutschland und Frankreich bezog Polen Presseschelte, das als zu willfähriger Gefolgsmann der USA empfunden wurde.

Mahnende Stimmen wie die des früheren Premiers Tadeusz Mazowiecki, der von einem Irak-Einsatz ohne UN-Mandat abriet, blieben in Polen die Ausnahme. Hatte sich eine Mehrheit der Bevölkerung gegen die Beteiligung am Irak-Krieg ausgesprochen, stößt die Übernahme einer Besatzungszone bisher auf mehr Zustimmung als Ablehnung. Die "Verwicklung" Polens in die Irak-Frage sei ein "politisches Meisterstück", pries der Filmregisseur Kazimierz Kutz kürzlich die heimische Diplomatie: "Wir werden in Europa künftig mit einer größeren Wertschätzung behandelt werden. Denn im deutschen Unterbewusstsein beginnt hinter der Oder noch immer die minder wichtige Welt."

Auch die Gazetten hatten in der Irak-Mission zunächst vor allem lukrative Wiederaufbau-Verträge und eine internationale Aufwertung des stets von Minderwertigkeitskomplexen geplagten Landes gewittert. Vom "goldenen Sand" schrieb das Wochenblatt Polityka. "Am Wiederaufbau Iraks können wir drei Milliarden Dollar verdienen", frohlockte die Illustrierte Wprost. "Wir brauchen nur noch Tropenhelme und Glasperlen zum Tauschen", ätzte hingegen der Schriftsteller Andrzej Stasiuk angesichts des kolonialen Goldgräber-Rausches: "Nichts wirkt sich so positiv auf das Selbstwertgefühl aus wie ein anständiger Krieg und eine ordentliche Okkupation. Vor allem einige tausend Kilometer von zu Hause entfernt, an der Seite eines Größeren und Stärkeren."

Angesichts der sich häufenden Anschläge auf US-amerikanische und britische Soldaten in Irak beginnt in Polen das anfängliche Zonen-Fieber der Sorge um die Soldaten zu weichen. Sie habe Verständnis für den Beruf ihres Mannes, aber keine Soldatenfrau wolle, dass ihr Mann nach Irak gehe, seufzt Kartarzyna Pobielska. Sorge bereite ihr vor allem, dass sich die "Aggression" gegen die US-Soldaten auch gegen die Polen richten könnte. Ein Unteroffizier gibt sich entschlossen. Er sei sich sicher, in sechs Monaten wieder zurück zu sein, sagt er. Wenn er Angst hätte zu sterben, würde er nicht nach Irak gehen, sagt er und verweist auf seine Kosovo-Erfahrung. Für einen anderen Soldat ist das Geld die einzige Motivation für seinen Irak-Einsatz: "Wir werden dort dreimal besser bezahlt."

Während die Soldaten vor allem die Aussicht auf eine Gehaltsverbesserung als Grund für ihren Einsatz nennen, erhofft sich Polens Heer von der erstmaligen Leitung einer solchen Mission vor allem einen Modernisierungsschub: Dank Polens wundersamen Aufstieg zur Irak-Zonenmacht haben sich für Polens Armee nicht nur in Warschau, sondern auch in Washington neue Finanzquellen erschlossen.

General Edward Kruska scheint nur die Zukunft zu interessieren. Er sei überzeugt, dass die Iraker die polnischen Soldaten gut aufnehmen werden. Außerdem werden alle "unsere Leute zurückkehren".

Dossier: Irak nach dem Krieg

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