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Gedenken an Opfer des Terroranschlags vom Breitscheidplatz, Archivbild 27.November

Breitscheidplatz in Berlin

Die goldene Narbe am Breitscheidplatz

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  • Julia Haak
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Berlin begeht den ersten Jahrestag des Weihnachtsmarkt-Anschlags ? und die Regierung geht hart mit sich ins Gericht. Die Identitären stören das Gedenken mit einer Aktion.

Mitten im Weihnachtstrubel hält Berlin den Atem an. Einen Tag widmet die Stadt mit gleich mehreren Veranstaltungen dem Gedenken zum ersten Jahrestag des Anschlags auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Der Anschlagsort südöstlich des Tiergartens ist am Dienstagvormittag weiträumig abgesperrt, die Buden auf dem Markt sind geschlossen. Es ist ein Ort der Stille. Berlin trauert an diesem Tag. Hunderte weiße Rosen liegen vor der Gedächtniskirche, ihr im Zweiten Weltkrieg zerstörter Turm ragt als altes und neues Mahnmal zugleich in den grau verhangenen Himmel.

Der Vormittag gehört den Opfern, den Toten wie den Verletzten, den vielen Helfern. Am 19. Dezember, vor einem Jahr, um 20.02 Uhr, fuhr der Attentäter Anis Amri mit einem Lastwagen, den er zuvor geraubt hatte, in den Weihnachtsmarkt hinein. Den Fahrer hatte Amri – ein abgelehnter Asylbewerber aus Tunesien, der den deutschen Behörden seit langem bekannt war – erschossen. Zwölf Menschen aus sechs Nationen starben, fast 100 wurden verletzt. Dies war der bislang schwerste islamistisch motivierte Anschlag in Deutschland. Amri konnte nach Italien fliehen, wo er wenige Tage später in einem Vorort von Mailand von der Polizei bei einem Schusswechsel getötet wurde.

Der Jahrestag beginnt unter Ausschluss der Öffentlichkeit: In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wird eine interreligiöse Andacht gehalten. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sind gekommen. Der evangelische Landesbischof Markus Dröge spricht vom Schrecken, den der Anschlag verbreitet hat, bei Angehörigen, aber auch bei Menschen, die gar nicht bei der Tat dabei waren.

„Die Erfahrungen des 19. Dezember 2016 werden uns weiter durch das Leben begleiten. Sie werden eingeschrieben bleiben in die Geschichte unserer Stadt Berlin“, sagt Bischof Dröge. Steinmeier räumt Versäumnisse von Staat und Gesellschaft im Umgang mit den Opfern ein. Manche Unterstützung für die Angehörigen und für die Verletzten sei spät gekommen und unbefriedigend geblieben, sagt der Bundespräsident. „Viele Hinterbliebene und Verletzte – viele von Ihnen – haben sich nach dem Anschlag vom Staat im Stich gelassen gefühlt.“ Es ist eine sehr persönliche Rede Steinmeiers, er reagiert damit auch auf die Kritik, die in den letzten Wochen laut wurde.

Opfer und Hinterbliebene hatten einen offenen Brief an die Kanzlerin geschrieben, warfen ihr darin Versagen vor und kritisierten, dass sie ihnen nicht persönlich kondoliert habe. Am Montag dann traf Merkel etwa 80 Opfer und Hinterbliebene im Kanzleramt. Schonungslos sei das Gespräch gewesen, sagt Merkel am Tag danach, es habe gezeigt, welche Schwächen der Staat in dieser Situation offenbart habe. „Für mich heißt das, daran zu arbeiten“, sagt Merkel, sie ist sichtlich bewegt. Sie werde die Angehörigen und Verletzten in einigen Monaten noch einmal treffen und ihnen sagen, was in Zukunft anders gemacht werden soll. „Heute ist ein Tag der Trauer, aber auch ein Tag, das, was nicht gut gelaufen ist, besser zu machen“, so Merkel.

Der Bundespräsident stellt die Reaktion des Staates in einen größeren Rahmen, spricht davon, dass sich kurz nach dem Attentat die Einstellung verbreitet habe, sich nicht einschüchtern zu lassen, weiterzuleben wie bisher. Diese Sätze seien stark und richtig, sagt Steinmeier. „Aber so kurz nach dem Anschlag, als die unfassbare Gewalt gerade in unseren Alltag eingebrochen war, klangen sie nicht mehr nur trotzig und selbstbewusst, sondern auch seltsam kühl und abgeklärt.“ Dies habe für viele Angehörige gewirkt wie ein Abwehrreflex, wie der allzu routinierte Versuch, Schock zu unterdrücken. Bitter sei es, dass der Staat die Opfer nicht habe schützen können. „Unsere Haltung muss sein: Dieser Anschlag hätte nie passieren dürfen“, so Steinmeier. Versäumnisse müsse man aufklären und aus Fehlern lernen. Das zielt recht deutlich auf die zahllosen Ermittlungsfehler im Fall Anis Amri.

Nach der Andacht wird ein Mahnmal eingeweiht. Es ist ein 17 Meter langer Riss, der sich die Stufen zur Kirche hinaufzieht, ausgefüllt mit einer Goldlegierung. Die Namen der zwölf Toten sind in die Stufen eingemeißelt. Hier liegen all die vielen weißen Rosen, Angehörige haben Fotos und Kerzen zu den Namen gestellt und den Riss vollendet, indem sie ein fehlendes Stück des goldenen Bandes ergänzten.

„Wir sind an diesem Tag in Stille vereint“, sagt Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, der die Überlebenden um Verzeihung bat. Der Attentäter habe „geliebte Menschen aus unserer Mitte gerissen“, er habe „alle Menschen und auch die Menschlichkeit getroffen“. Dieser Anschlag hinterlasse tiefe Wunden, die nicht geheilt, nur gemildert werden könnten. Der Riss symbolisiere diese Wunden. „Aber wir wollen den Riss, der durch unsere Gesellschaft geht, überwinden“, sagt Müller. Das „Gedenkzeichen“ sei deshalb auch ein Symbol für Toleranz und gegen Verbohrtheit.

Polizei prüft Aktion der Identitären

Seine Wirkung wird sich wohl erst in Jahren zeigen, bestenfalls: Am Vormittag noch laden Aktivisten der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ vorm Brandenburger Tor fünf große Betonquader ab. Die Steine mit Inschriften wie „den Opfern des Islamistischen Terrors“ sollten, so die Identitären via Facebook, ein „europäisches Denkmal für die Opfer von Multikulti und islamistischen Terrorismus“ darstellen. Ein paar Stunden später räumt die Polizei die Blöcke per Kran ab; sie wird prüfen, ob da gegen das Versammlungsrecht verstoßen wurde.

Angehörige und Verletzte nehmen im Abgeordnetenhaus derweil an einer Gedenkstunde teil. Am frühen Nachmittag breitet sich echte Stille über den Weihnachtsmarkt. Vielleicht ist das der Moment, in dem man am besten begreift, dass hier vor einem Jahr zwölf Menschen gewaltsam starben.

In den folgenden Stunden legen Hunderte Menschen Blumen rund um das Mahnmal ab und stellten Kerzen auf. In der Gedächtniskirche wird ein Friedensgebet gehalten, gut 900 Menschen drängen sich dort, unter ihnen auch der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck. Die amerikanische Sängerin Jocelyn B. Smith intoniert „Amazing Grace“. Als die Dunkelheit hereinbricht, bilden Dutzende Menschen eine Lichterkette um die Kirche, die Masse drängt sich vor einem Lichtermeer an der goldenen Narbe.

Um 20 Uhr beginnen wohl Einzelne, still die Sekunden zu zählen: In exakt zwei Minuten jährt sich der Beginn von Amris Todesfahrt über den Breitscheidplatz. Um 20.02 Uhr schlägt die Glocke der Gedächtniskirche zum ersten Mal. Und dann zwölf Minuten lang. Für zwölf Tote. Und für eine Stadt voller Narben. mit dpa

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