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Glühendes Verlangen

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Vor allem Gefallene und Gestrandete durften in Hollywood  mit Glimmstängel posieren: Marlene Dietrich als Shanghai Lily in "Shanghai Express" (1932).
Vor allem Gefallene und Gestrandete durften in Hollywood mit Glimmstängel posieren: Marlene Dietrich als Shanghai Lily in "Shanghai Express" (1932). © Getty Images

Die Verdienste der Zigarette um die Emanzipation der Frau. Von Klaus Bittermann

Von Klaus Bittermann

Als uns Lauren Bacall in "Haben und Nichthaben" 1944 in die hohe Kunst der Verführung einweiht, lehnt sie lasziv im Hotelzimmertürrahmen, die Zigarette in der Hand, und fragt betont gelangweilt nach Feuer. Filmpartner Humphrey Bogart starrt ungläubig auf die junge Frau wie auf eine Marienerscheinung, bis er sich endlich besinnt und Bacall eine Schachtel Streichhölzer zuwirft - gerade noch rechtzeitig, bevor das Schweigen ins Peinliche umkippt.

"Anybody got a match?" - "Hat jemand mal Feuer?" - ist ja nicht nur eine einfache Frage, es ist die Frage aller Fragen, wenn man glaubt, mit dem anderen könnte sich ein reizvolles Techtelmechtel ergeben. Der Zuschauer jedenfalls merkt sofort, dass hinter der Frage mehr steckt, nämlich die Aufforderung, ein bisschen mit dem Feuer zu spielen. Und damit die Frage auf keinen Fall auf ihren vordergründigen Sinn hin missverstanden werden kann, braucht man Lauren Bacall nur in die Augen zu sehen, deren lange Wimpern auf Halbmast gesetzt sind, und die erotische Spannung beginnt zu knistern.

Dieser schöne, ja: erhabene Moment wurde erst durch die Zigarette möglich. Und das soll jetzt alles umsonst gewesen sein?

Anfang der 40er Jahre tauchte die Zigarette in Hollywood nicht nur als Attribut hektisch qualmender, harter Männer auf, sondern auch in den Händen und den Mündern der Frauen - mit weit reichenden Folgen. Für Millionen junger Frauen wurden die rauchenden Leinwanddiven der 40er und 50er zu Vorbildern und die Zigarette zum Symbol der Freiheit und des selbstbewussten Auftretens. Die Zigarette bedeutete Unabhängigkeit, sie schmeckte nach Glück und sie gab einem ein großartiges Gefühl. Und sie schmeckte nach Aufbegehren, weil man etwas Verruchtes tat.

Man kann zwar nicht behaupten, dass Hollywood jemals revolutionäre Ideen vertreten hätte - letztlich blieb die Filmindustrie immer den traditionellen Werten verhaftet, und viele der Filmraucherinnen werden ja am Ende der Geschichte schlimm bestraft für ihre Übertretungen. Aber indem US-Regisseur Howard Hawks seinen Star Lauren Bacall auf der Breitleinwand und damit in der Öffentlichkeit sich eine Zigarette anstecken ließ, zündelte er an der festgefügten Ordnung der Welt. Hollywood hatte mit dem Zeigen eines alltäglichen und eigentlich banalen Vorgangs - wenngleich dieser Vorgang sehr romantisch und mit raffinierter Beleuchtung in Szene gesetzt wurde - mehr für die Emanzipation der Frau getan als die gesamte Frauenbewegung.

Schon nach dem Ersten Weltkrieg begann sich langsam die gesellschaftliche Haltung zur rauchenden Frau zu ändern, und daran hatte das Kino nicht unwesentlich Anteil. 1918 gelang Pola Negri in "Carmen" von Ernst Lubitsch der internationale Durchbruch. Mit einer Zigarette im Mund. Das war ein Anfang. Mehr aber auch nicht, denn die Moralvorstellungen in Amerika waren nicht so leicht zu unterwandern. Auf den Standfotos von Milton Browne wurde die "göttliche" Greta Garbo für den Film "Anna Christie" 1930 rauchend und trinkend gezeigt, aber eine Verbreitung der Bilder in den USA wurde nicht zugelassen. Die Fotos wurden ausschließlich für den Vertrieb im Ausland hergestellt. Tatsächlich wurde von dem Film sogar eine deutsche Version produziert, in der Greta Garbo als Kettenraucherin zu sehen ist. Die Zigarette war immer noch ein Attribut der Außenseiterin, des Vamps, der Femme fatale, der Betrügerin, der Undurchschaubaren, der Zwielichtigen.

1932 war es Marlene Dietrich in "Shanghai Express" vorbehalten, in der rührseligen Räuberpistole von Josef von Sternberg der Zigarette einen schönen Auftritt zu verschaffen. In hinreißendem Fummel sucht sie einen Mann in dessen Zugabteil auf und bittet ihn hüstelnd um eine Zigarette. Der etwas steife Typ sagt nicht etwa, wie man das heute tun würde, sie solle sich das Rauchen abgewöhnen, sondern: "Du scheinst nervös zu sein", das sehe er an ihrer zitternden Hand, worauf sie ihm hinter einer weißen Wolke zuraunt, sie würde nur zittern, weil er sie beim Feuergeben berührt habe. Statt innerlich zu jubilieren, versiebt es der Trottel natürlich, weil ihm die Anspielung nicht reicht und weil er sie zu einem Gutmenschen ummodeln möchte, sie dadurch aber nur vertreibt. Und dann legt Josef von Sternberg sein ganzes Können in eine lange Einstellung und taucht die Dietrich in ein Licht, wie nur Hollywood das kann. Dabei zeigt er sie rauchend, wie 1932 wahrscheinlich noch nie jemand geraucht hat, während Dietrichs trauriger und sehnsuchtsvoller Blick - leicht von unten fotografiert - von einer schmerzlichen Erinnerung erzählt.

Damit war jedoch noch nicht der Durchbruch geschafft. Selbst in "Die Spur des Falken" (1941), mit dem Hollywoods Schwarze Serie begann und in dem Humphrey Bogart sich seine Zigaretten noch selber dreht, raucht die Mörderin Mary Astor so dezent, dass man schon sehr genau hinsehen muss, um den Rauch von ihrer Hand aufsteigen zu sehen. Die Zigarette war mehr Stigma als Symbol der Freiheit und Unabhängigkeit.

Auch in "Casablanca" (1943) wurde viel gequalmt, das Rauchen blieb aber reine Männersache. Ingrid Bergmann ist mit allen filmischen Raffinessen in Szene gesetzt. Sie sieht toll aus, ihr Haar sitzt perfekt, ihr schmachtender Blick entlockt dem Publikum heute noch tiefe Seufzer - aber sie raucht nicht. Sie ist eben keine Verlorene und Verdorbene, zu der eine Zigarette gepasst hätte.

Besser, beziehungsweise unbedingt passte das zu Rita Hayworth in dem Melodram "Gilda" von 1944. Das ist der Film, in dem sie zum Lied "Put the Blame on Mame" sich einen Handschuh vom Arm streift und leichthin sagt: "Ich bekomme einfach keinen Reißverschluss zu. Das bedeutet doch etwas." Diese selbstbewusste Frau mit dem losen Mundwerk muss einfach rauchen, und die Zigarette verleiht ihr den verdorbenen Touch, den ihre Filmfigur gebietet - eine Glanzrolle für die Diva.

Die Hassliebe zwischen Rita Hayworth und Glenn Ford ist das Leitmotiv und der Motor der Geschichte, und diese Hassliebe wird über die Zigarette ausgetragen. Als Rita Hayworth in einer Szene Glenn Ford um Feuer bittet - wo sollte sie bei der eng anliegenden Abendgarderobe auch ein Feuerzeug unterbringen? -, weil sie in der emotional aufgeheizten Atmosphäre dringend eine Zigarette benötigt, lässt er auf der Höhe seines Gürtels und zwei Meter von ihr entfernt die Flamme aufspringen, sodass Rita Hayworth sich zu ihm hinbegeben und bücken muss. Aber erst als sie aufsieht, realisiert sie das Demütigende der Situation, während sie vorher nur wollte, dass das verdammte Ding endlich brennt, um Rauch in die Lungen zu bekommen. Mit der Sicherheit, die die Zigarette ihr zurückgibt, kann sie wieder auf Vergeltung sinnen und mit dem nächsten Flirt beginnen, der Glenn Ford bis zur Raserei eifersüchtig macht.Eine der großartigsten Symbiosen ist die Zigarette mit Marlene Dietrich eingegangen. Zu keiner anderen Frau schien die Zigarette so selbstverständlich zu gehören. Ihre Art zu rauchen war verführerisch, melancholisch oder selbstbewusst wie in "Eine auswärtige Affäre" (1948), als sie in einer bis zum Boden reichenden glitzernden Garderobe auf der Bühne steht und mit rauchiger Stimme die Männer um den Verstand bringt.

In ihrer Rolle als Erika von Schlütow verspricht sie Glamour und Glanz, auch Tragik und Tränen. Aber wenn sie "Black Market" singt, an ihrem Captain vorbeischwebt und ihm die Zigarette aus der Hand nimmt, dann ist alles vergessen. Sie ist die Frau, von der man sich drei Kugeln in den Bauch schießen lassen würde, ohne dass es einem etwas ausmache. Man würde noch eine Zigarette rauchen. Eine letzte.

Und welche Frau träumt nicht davon, dass ihr die Männer so zu Füßen liegen wie der Dietrich? Rauchende Männer, versteht sich, denn wie Jeanne Moreau schon sagte: "Männer, die sich das Rauchen abgewöhnt haben, sind mir unheimlich."

Nein, die Leinwand-Ikonen, die eine Zigarette so elegant mit einem schlanken, meterlangen Mundstück in der Hand hielten wie Audrey Hepburn in "Frühstück bei Tiffany" hatten einen großen Einfluss auf die Frauen, die genauso verrückte Sachen machen wollten. Es galt, wie die Hepburn ihr Leben selbst zu bestimmen und sich weder von Familie noch von Männern gängeln zu lassen. Dafür muss man der Zigarette dankbar sein. Denn bei diesem Prozess spielte sie eine wichtige Rolle, vielleicht sogar die Hauptrolle.

Auszüge dieses Textes stammen aus: Klaus Bittermann & Franz Dobler (Hg.) "Smoke Smoke Smoke that Cigarette. Eine Verherrlichung des Rauchens", Edition Tiamat (erscheint im September).

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