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Zum 90. Geburtstag am 15. April 2010 würdigen Vertreter aus Politik und Kirchen den Altbundespräsidenten als großen Staatsmann. Gefeiert wird jedoch ganz klein, sagt Richard von Weizsäcker: Privat im Kreise der Familie.

Richard von Weizsäcker

Ein Glücksfall für die Republik

Er drängte sich als CDU-Politiker nie in den Vordergrund und wurde doch der bis dato beliebteste Bundespräsident der Deutschen. Heute wird Richard von Weizsäcker 90 Jahre alt. Eine Hommage des langjährigen FR-Chefredakteurs Roderich Reifenrath.

Es gibt Tage im Leben der Republik, da treibt die Fantasie gelegentlich seltsame Blüten. Diese etwa: Richard von Weizsäcker, Präsident der Bundesrepublik Deutschland von 1984 bis 1994, verlässt seinen Alterssitz, um sich erneut für das höchste Amt im Staat zu bewerben. Und Helmut Schmidt - die Herausforderung liebend - stünde wieder als Bundeskanzler zur Verfügung. Dann wäre es vermutlich nicht nur blanker Unsinn, zu behaupten, eine Mehrheit der Bürger, die sich halbwegs noch an beide als Galionsfiguren auf der politischen Bühne erinnert, würde diesem Seniorenspektakel applaudierend Spalier bilden.

Ein nicht ganz seriöses Stimmungsbarometer. Vielleicht jedoch sagt das spielerische Szenarium einiges und mehr als manchem lieb sein sollte über eine Gesellschaft aus, die sich im Zustand weitreichender Skepsis gegenüber jenen befindet, die ein Mandat haben, um das Land zu repräsentieren und zu lenken. Mit Sicherheit ließe sich so die hohe Wertschätzung für zwei Männer dokumentieren, denen es ungebrochen gelingt, Aufmerksamkeit zu erregen, wenn sie schreibend oder redend das Wort erheben und sich einmischen. Greifen sie zur Feder, landen ihre Bücher auf Bestsellerlisten. Richten sich Scheinwerfer auf sie, gerät der Auftritt vor Publikum selbst dann manchmal zur Weihestunde, wenn sie altersspezifisch lakonisch, belehrend oder gar einfach unwirsch reagieren. Den schnellen Übergang übrigens von jovial-freundlich zu streng abweisend beherrschen sie ziemlich perfekt.

So unterschiedlich beide von Naturell und Herkunft auch sind, so auffallend sind Gemeinsamkeiten im Urteil über Weltläufe und im Stil der Gedankenvermittlung. Karg, manchmal fast militärisch knapp teilen sie mit, was sie glauben sagen zu müssen. Das klingt zumeist nicht nur entschieden und kompetent, sondern signalisiert geistige Präsenz, die allemal Respekt verdient. Das belebt zugleich die Hochachtung vor den Lebensleistungen einstiger Sachwalter der res publica und lädt jetzt - zum 90. Geburtstag Richard von Weizsäckers - gezielt zur Betrachtung einer Vita ein, deren Besonderheiten nicht zu übersehen sind

Als Mensch und als Politiker ist der Spross einer Adelsfamilie ohne die hinter spannungsgeladenen Begriffen wie Preußen, Weimar oder Drittes Reich sich auftürmenden historischen Gebirge nicht zu entschlüsseln. Intellektuell und charakterlich geprägt von Elementarteilen vergangener Epochen steht der 6. Präsident im geteilten und vereinten Deutschland in Traditionslinien wie wenige aus seinen Jahrgängen.

Das familiäre Umfeld ist formend und anspornend mit Staatsdienern und Wissenschaftlern bestens besetzt und reicht etwa vom Großvater (Ministerpräsident unter König Wilhelm II. von Württemberg) über die Mutter aus einer Generalsfamilie bis zum älteren Bruder Carl Friedrich. Im Schatten dieses renommierten Physikers und Philosophen musste Richard von Weizsäcker lange verharren.Zwanghaft trieb es den angehenden Juristen nach 1945 nicht in die Politik. Als es dann schubweise doch geschah ("ich stand in meinem Herzen keiner Partei so furchtbar nahe"), wirkte auch sein Engagement generationstypisch wie der ständige Reflex auf den Zivilisationsbruch durch die Nazidiktatur. Das Trauma derer, die um ihre Jugend betrogen worden waren. Und es wuchs eine Einstellung, die sich dem "Ganzen" verpflichtet fühlte. Das Preußische in ihm. "Strikten Willen zur Pflichterfüllung" hat treffend in einem ARD-Porträt Helmut Schmidt seinem späteren Freund attestiert und diese Zuordnung auf schlagzeilenträchtige vier Worte zugespitzt: "Ein Preuße aus Stuttgart".

Das ist der Geburtsort Richard von Weizsäckers. 1954 trat er in die CDU ein. Bis es dort jedoch zum Schwure kam, brauchte es noch rund 15 Jahre. Dann "entdeckte" Helmut Kohl, damals Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, das Geschäftsleitungs-Mitglied Weizsäcker bei der pharmazeutischen Firma C.H. Boehringer in Ingelheim und ebnete ihm den Weg in den Bundestag (1969).

Anfangs kreisten seine Gedanken höchstens am Rande um Ämter und Posten. In außerparlamentarischen Zirkeln politisierten er und andere intensiv und regelmäßig die Lage der Nation und überprüften kritisch den Stand des zweiten Anlaufs der Deutschen, Demokratie zu verwirklichen. Angesichts der Katastrophe Drittes Reich bestand ein elementares Bedürfnis, fundamentale und in der Verfassung garantierte Rechte für den mündigen Bürger umzusetzen.

Als Hitlers Truppen 1939 Polen überrannten, war Richard von Weizsäcker ja vorne dabei, Soldat im Potsdamer Elite-Regiment 9 ("Regiment Graf Neun") wie sein Bruder Heinrich. Dieser fiel bereits, da hatte die Einheit gerade mal die Grenze überschritten, während Richard von Weizsäcker selbst bis zum bitteren Ende in Russland an die militärischen Abläufe gekettet blieb. Diese Zeit hinterließ tiefe Spuren und überraschend war es deshalb nicht, dass ein reflektierender Kopf wie der einstige Hauptmann ein begründetes Urteil über die "politische und geistige Bedeutung von Abbruch und Neubeginn" gewinnen wollte.

Er engagierte sich. 1962 unter stützte er das "Tübinger Memorandum", also die Anerkennung der Oder-Neiße- Grenze. Nur wenig später sympathisierte er mit der von Egon Bahr in der Evangelischen Akademie Tutzing proklamierten und von Kanzler Willy Brandt unter dem Stichwort "Wandel durch Annäherung" auf Versöhnung zielenden Ostpolitik. Wer damals wen inspirierte und auf die Schiene setzte - die im Protestantismus gebündelte Aufbruchstimmung das Machtzentrum der Sozialdemokraten oder SPD-Vordenker die Nachdenker in der Evangelischen Kirche - lässt sich nicht einfach beantworten.

Jedenfalls lag Richard von Weizsäcker mit seinen Ansichten in den langen Phasen seines Aufstiegs häufig ein gutes Stück neben den Mehrheitspositionen der Union. Als die Karriere Konturen bekam, werteten wichtige Leute in der Partei das als Eigenmächtigkeiten und verfolgten seine Positionen mit Argwohn.

In diesen Jahren ging es immer auch noch um Fragen von Schuld und Verantwortung. Sowie um die Folgen von Überfall und Völkermord. Den späteren Bundespräsidenten erreichte das alles massiv und sehr persönlich bereits direkt nach dem Ende der Nazidiktatur. Sein Vater Ernst von Weizsäcker, als Staatssekretär im Auswärtigen Amt von 1938 bis 1943 dem Regime zu Diensten, kam im sogenannten Wilhelmstraßen-Prozess vor das Tribunal der Alliierten, unter anderem wegen Vorbereitung eines Angriffs- kriegs. Der Sohn - als Soldat war Richard von Weizsäcker in Kontakt mit Freunden gekommen, die das ehrenwerte Attentat auf Hitler planten, das später aber misslingen sollte - assisierte als Jurastudent (5. Semester) und als seelischer Beistand dem Verteidiger-Team unter Hellmut Becker und empfand das Urteil von sieben Jahren Gefängnis ungerecht.Das ist auch heute noch so. Zwischen diesen Jahren betonte er, damals habe es ja eine Erziehung zur Freiheit und zum Widerstand unter dem Schutz eines liberalen Verfassungsstaats nicht gegeben und man sei zum Gehorsam erzogen worden. Was darin wie eine wenn auch gedämpfte Erklärung für das Versagen der Deutschen klang, mag indirekt auch zur Entlastung des Vaters formuliert worden sein. Auf dessen Bemühen um den Erhalt des Friedens kommt er stets zurück. Dessen Wissen um die Verbrechen der Nazis bestreitet er nicht, relativiert es jedoch. Ablenken lassen, wegschauen, schweigen - keiner sei wirklich ganz frei davon gewesen. "Auch ich nicht." Ein schwieriges Thema.

Diese sehr privaten Erfahrungen, diese konzentrierte Beschäftigung mit der Vergangenheit gingen nicht spurlos an Richard von Weizsäcker vorbei. In seinem Bestreben, vor allem mit Polen den Prozess der Aussöhnung voranzutreiben, ließ er sich von blockierenden Vorbehalten aus den Unions-Reihen nicht stoppen. Er suchte und pflegte weiter den Kontakt zu Gleichgesinnten - auch zu Menschen, die dem politi- schen Konservatismus distanziert gegenüberstanden und zum liberalen, linksliberalen Bürgertum gehörten. Über all die Jahre blieb er ihr in Freundschaft verbunden mit der damaligen Zeit-Chefredakteurin Marion Gräfin Dönhoff und traf sich über diese intellektuelle Clearingstelle zum Meinungstausch mit politisch-kulturellen Wortführern aus dem In- und Ausland.

Den meisten von ihnen lag die europäische Dimension angedachter Gesellschaftsentwürfe näher am Herzen als lupenreine nationale Sichtweisen. Das weltoffene Hamburger Wochenblatt wurde gemeinsames Sprachrohr und Publikationsorgan, intelllektuelle Heimat, Platz für den aufgeschlossenen, global denkenden und gebildeten Juristen, dessen Toleranz erst dann ins Schwanken geraten konnte, wenn er vor den Plattformen monokausaler Heilsverkünder stand. Oder wenn für ihn im Dunst billiger Ressentiments nichts Vernünftiges mehr zu besichtigen war. Sein Unverständnis bekam dann mancher auch aus dem parteipolitischen Umfeld schon mal zu spüren.

Geradezu zwangsläufig landeten die Auseinandersetzungen mit dem Dritten Reich bei einer Rede, in der die Summe all seiner Erkenntnisse und Bewertungen ihren Niederschlag fand und mit der er einen rhetorischen Schlusspunkt setzte. Richard von Weizsäcker, gerade ein Jahr Bundespräsident, erinnerte am 8. Mai 1985 im Bundestag an das Ende des Weltkriegs vor vierzig Jahren. "Es war Hitler, der zur Gewalt griff", sagte er. Oder: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft... Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen."

Was heute wie selbstverständlich klingt, war damals fast schon sensationell. Entsprechend fielt die Resonanz aus, positiv, rund um den Erdball. Selbst CSU-Chef Franz Josef Strauß, wahrlich kein Weizsäcker-Fan, zollte dem entschiedenen Tonfall Respekt. In einem Gespräch mit der Fernsehjournalistin Sandra Maischberger würdigte Helmut Schmidt vor kurzem den Auftritt noch einmal so: "Ein historisch glücklicher Moment. Ich schwärme noch heute von dieser Rede."

Der protokollarisch erste Mann im Staat hatte mit äußerster Akribie diesen Auftritt vorbereitet - als hätte er jahrelang auf die Stunde gewartet, um mit der Autorität des Amtes endlich beim "zentralen Kapitel meines Lebens" die denkbar größte Wirkung zu erzielen. Vielleicht wollte er unter anderem ja deshalb Bundespräsident werden.

Schon früh glaubten aufmerksame Beobachter des politischen Betriebs solche Neigungen erkannt zu haben, weil sie spürten, dass er auf Abstand zum dröhnenden Auftritt in der Manier eines Volkstribuns ging, weil er Argument und Florett nicht gegen Schwert und inhaltsleere Vollmundigkeit tauschte, gerne grundsätzlich wurde und nichtssagende symbolische Gesten mied, wo es ging. Er sei nur in die Partei gegangen, weil "die heutige Form politischer Tätigkeit das nahelegt", hatte Bruder Carl Friedrich gesagt. Ein Lernlabor demnach. Richard von Weizsäcker übernahm den Vorsitz in der Grundsatzkommission der CDU, gehörte dem Bundesvorstand der Partei an und errang den Posten des Regierenden Bürgermeisters von Berlin (1981 bis 1984). Mit anderen Worten: Er war gut präpariert, als er zum dritten Mal antrat, um Bundespräsident zu werden. Zweimal hatte er passen müssen: Gegen Gerhard Schröder (CDU), den die Partei 1969 favorisierte, und 1974 als aussichtsloser "Zählkandidat" gegen den Freidemokraten Walter Scheel, der als Außenminister des sozial-liberalen Bündnisses die Koalitions-Disziplin geschickt zu instrumentalisieren verstanden hatte.

Dennoch ist letzten Endes der Umzug in die Villa Hammerschmidt zu Bonn 1984 ohne Helmut Kohl in der Rolle als protegierender Präsidentenmacher schwer denkbar. Eine komplizierte "Partnerschaft", wie sich schnell zeigte. Aus der Sicht des "schwar- zen Riesen" hatte Richard von Weizsäcker ihm den erwarteten Dank (oder sollte man Gehorsam sagen?) zu oft verweigert und sich auf eigene Maßstäbe verlassen. Das galt bei Einschätzungen in der Ostpolitik im Rahmen der Moskauer und Warschauer Ver- träge, bei den zeitlichen Abläufen im deutschen Wiedervereinigungspoker oder beim Politikverständnis in den Parteien, das er zum Ärger des Machtmenschen aus Rheinland-Pfalz Anfang der 90er Jahre in einem Interview mit den Journalisten Gunter Hofmann und Werner A. Perger als "machtvergessen" und "machtversessen" rügte. Unter freiem Himmel wurden die Differenzen jedoch nicht ausgetragen. Ein offener Streit zwischen den Vertretern zweier zentraler Verfassungsorgane fand nicht statt.Seinen Unmut über den Unbotmäßigen gab der Kanzler dann etwas sichtbarer freien Lauf, als er die Nominierung für eine zweite Amtszeit Richard von Weizsäckers verzögerte. Der selbstbewusste Adelige mit Sinn für Formen und gute Manieren hat ihm das angekreidet. Zu diesem Zeitpunkt jedoch sammelte er bei der Bevölkerung und der parlamentarischen Konkurrenz bereits die Bonuspunkte auf eigene Rechnung. Er war mittlerweile populärer als Kohl und brauchte keinen zusätzlichen Flankenschutz aus dem Adenauerhaus. Auch die SPD wollte ihn ja wieder an der Spitze sehen.

Bundespräsident Richard von Weizsäcker war und ist ein Glücksfall für die Republik, wer kann das ernsthaft bestreiten. "Ein Geschichtsverständnis muss weiter zurückreichen als die eigene Biografie", sagte er einmal und deutete damit an, dass er gewohnt ist, in historischen Kategorien zu denken. Als überzeugter Protestant und langjähriger Präsident des Evangelischen Kirchentags hörte ihm die Jugend zu und er der Jugend. Als "Mittler zwischen den Fronten" stellte ihn der einstige Bundesverfassungsrichter Helmut Simon vor und als "Hüter der Mitte" sein früherer Pressesprecher Friedbert Pflüger. Auf dem Höhepunkt seiner "Regentschaft" war er Medienstar, kommunizierte elegant und geschickt mit der "Pressemeute" und widerstand der Versuchung, auf alle Fragen die üblichen schnellen Politiker-Antworten zu geben.

Nie ließ er sich von und vor einem Journalisten über sein Verhältnis zu Gott aushorchen. Auch nicht von seinem Bruder Carl Friedrich. "Ja, das ist die typische Journalistenfrage nach Gott und der Welt. Darauf habe ich doch auch keine Antwort", entgegnete er einmal nachsichtig und amüsiert lächelnd dem Philosophen, als dieser in einer kleinen, exklusiven Diskussionsrunde mit Redakteuren von "seinem" Präsidenten etwas ungeheuer Kompliziertes aus dem Reich des Spirituellen hören wollte.

Wahrung des Privaten, Wissen um die eigenen Begrenzungen: Damit lässt sich Überhöhung meiden, Eitelkeit kontrollieren, Vertrauen fördern und stärken. In einem langen Leben ist dem nun 90 Jahre alten Mann von alldem eine Menge gelungen.

Roderich Reifenrath war Chefredakteur der Frankfurter Rundschau von 1992 bis 2000.

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