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Von der Globalisierung haben alle etwas

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Die globalisierte Welt rückt zusammen. Das schafft neue Probleme.
Die globalisierte Welt rückt zusammen. Das schafft neue Probleme. © NASA

Die zunehmende Internationalisierung von Wirtschaftsabläufen macht vielen Deutschen Angst. Es gilt aber, sie zu gestalten. Daraus ergäben sich Chancen auch für die Schwächeren.

Von NOBERT RÖTTGEN

Deutschland ist zum insgesamt fünften Mal Gastgeber eines G8-Gipfels. Jeder dieser Gipfel ist eine einmalige Gesprächsplattform, doch zahlreiche Kritiker haben immer noch nicht verstanden, dass die Globalisierung weder neu noch eine Erfindung des Westens ist. Wenn das Treffen in Heiligendamm eines verdeutlicht, dann ist es die Tatsache, dass unsere Welt und die Art und Weise, wie wir globale Probleme lösen können, vor viel größeren Umbrüchen steht als viele unter uns heute annehmen. Die neuen Globalisierungsgewinner zum Beispiel aus Brasilien, Indien und China haben das internationale Machtgefüge gehörig verschoben und aufmerksame Beobachter fragen schon, ob es nicht vielleicht der Westen selbst ist, den die Globalisierung kulturell überfordert.

Bei all den hitzigen Diskussionen über die "Festung Heiligendamm" könnte man fast vergessen, dass der G8-Gipfel eine weltweit einmalige Gesprächsplattform darstellt. Denn wenn sich die Regierungen der acht führenden Wirtschaftsnationen mit wichtigen Vertretern aus Schwellen- und Entwicklungsländern und hohen Repräsentanten der Vereinten Nationen treffen, um über die großen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen unser Zeit zu diskutieren, dann ist das zuallererst eine sehr gute Nachricht für die ganze Welt. Seit seiner Gründung vor nunmehr über 30 Jahren hat sich der Gipfel ständig weiterentwickelt. Aus den ursprünglichen sechs Gründungsmitgliedern wurden mit der Zeit acht und seit Mitte der 1990er Jahre spielt auch die Zivilgesellschaft eine immer größere Rolle vor allem bei der Themenfindung.

Die große öffentliche Anteilnahme und die kritische Auseinandersetzung beispielsweise mit der wirtschaftlichen Entwicklung Afrikas, dem weltweiten Klimaschutz und der Stabilität und Transparenz der internationalen Finanzmärkte belegen, wie notwendig der G8-Gipfel als Dialogforum ist. Diese öffentliche Aufmerksamkeit und die damit verbundene Sensibilisierung für globale Probleme rechtfertigen alle bisherigen Anstrengungen der deutschen Bundesregierung und vor allem das außerordentliche persönliche Engagement von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) eingesetzte Weltkommission zur sozialen Dimension der Globalisierung (World Commission on the Social Dimension of Globalization) hat in ihrem Abschlussbericht im Februar 2004 das Wort "Globalisierung" als einen sehr vielseitigen Begriff eingeführt, der eine fortschreitende Vernetzung von Volkswirtschaften und Gesellschaften beschreibt. Gleichzeitig war es der Kommission wichtig, mit großem Nachdruck auf die existierenden Gestaltungsmöglichkeiten von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft hinzuweisen. Folgt man nun dieser so kurzen wie prägnanten Definition, so werden sofort zwei blinde Flecken in der aktuellen Diskussion deutlich. Erstens sind Globalisierungsprozesse keine Erfindung des 19. oder des 20. Jahrhunderts. Der durchaus berechtigte Verweis auf die neuzeitliche Popularisierung des Begriffs "Globalisierung" sollte nicht die Tatsache verdecken, dass sich Menschen und Nationen schon seit mehreren Jahrhunderten im wahrsten Sinne des Wortes austauschen und somit neue wirtschaftliche, soziale, technische und kulturelle Entwicklungen anstoßen. Allenfalls könnte man rückblickend von unterschiedlichen Globalisierungswellen reden, um der im Zeitverlauf schwankenden Intensität dieser Kontakte gerecht zu werden.

Der indische Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen hat diesen Zusammenhang in einem Beitrag mit dem Titel "How to Judge Globalism" sehr anschaulich beschrieben. Reisen, Handel, Migration, kulturelle Einflüsse im allgemeinen und die Verbreitung von Wissen und Verständigung - nicht zuletzt über Wissenschaft und Technik - präge die Menschheit seit tausenden von Jahren, so Sen. Als Beispiele nennt er neben der Erfindung des Papiers und des Kompasses auch die Mathematik und erläutert, wie mathematische Konzepte von Indien ausgehend über den arabischen Raum im 10. Jahrhundert nach Europa gelangt sind.

Jetzt wird zweitens deutlich, dass Globalisierung keine westliche Erfindung ist. Wir müssen uns von der naiven Vorstellung, dass die Globalisierung sozusagen eine Einbahnstraße ist und der Ausgangspunkt jeglicher Betrachtung zwangsläufig in Europa oder Nordamerika liegt, endgültig verabschieden. Jede historische Beschreibungen der Globalisierung, die mit der Renaissance, dem Zeitalter der Aufklärung oder der Industrialisierung Europas beginnt, greift nicht nur inhaltlich ins Leere, sondern offenbart auch ein hohes Maß an eurozentrischer Selbstbezüglichkeit und Selbstüberschätzung. Diese Haltung zeigt sich leider auch bei vielen Kritikern des G 8-Gipfels, die die Chancen für einen Dialog auf Augenhöhe schlicht ignorieren.

Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer können alle gleichermaßen von der Globalisierung und allen voran von der wirtschaftlichen Globalisierung profitieren. In den Worten eines ihrer prominentesten Befürworter, Professor Jagdish Bhagwhati von der New Yorker Columbia Universität, steht wirtschaftliche Globalisierung synonym für die Integration nationaler Volkswirtschaften in die Weltwirtschaft durch Handel, ausländische Direktinvestitionen durch Unternehmen, kurzfristige Kapitalflüsse, globale Arbeitsmigration und Technologietransfer. Wobei außer Frage steht, dass zunehmende wirtschaftliche Globalisierung keinen Automatismus kennt und somit nicht zwangsläufig "reicher" oder "ärmer" macht.

Wenn es die eine Forderung geben sollte, die sowohl alle Gipfelbefürworter als auch -kritiker sofort unterschreiben würden, dann die, dass Globalisierung aktiv gestaltet werden muss. Eine solche Gestaltung setzt wiederum eine Analyse voraus, die die Diskussion des Phänomens Globalisierung von der Diskussion der Verteilung und der Suche nach den Globalisierungsgewinnern und -verlierern trennen kann. Im Kern geht es vorrangig darum, wie wir es im internationalen und nationalen Kontext schaffen können, möglichst vielen Menschen die Teilhabe an wirtschaftlichen Globalisierungsprozessen zu ermöglichen.

Industrieländer haben naturgemäß eine wesentlich bessere Ausgangsposition als Entwicklungs- und Schwellenländer, diese Teilhabe zu ermöglichen und immer wieder aufs Neue zu begründen. Im Abschlussbericht der vom Bundestag eingesetzten Enquete-Kommission Globalisierung der Weltwirtschaft heißt es dazu: "Wer Einfluss auf das globale Geschehen hat, spricht typischerweise positiv bis enthusiastisch über die Globalisierung. Wer sich machtlos und ausgeliefert fühlt, und das ist wohl die Mehrheit, bei dem überwiegen eher die Ängste. "Deutschland mit seiner starken Exportorientierung muss man sicherlich zu den Globalisierungsgewinnern zählen.

Nichts desto trotz beurteilen die Deutschen laut einer aktuellen Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag des Magazins Stern die Globalisierung zunehmend skeptisch. Während im Jahr 2000 nur 19 Prozent aller Befragten mehr Nachteile als Vorteile in der Globalisierung erkennen konnten, waren es 2007 schon 34 Prozent der Befragten mit einer negativen Bilanz. Obwohl Studien wie zuletzt vom Kieler Ökonom Henning Klodt belegen, dass es vor allem die technologieintensiven Branchen sind, die im Ausland investieren und nicht etwa die arbeitsintensiven Branchen der deutschen Industrie - in denen dann vermeintlich jede Menge Arbeitsplätze verloren gehen - herrschen bei vielen Verunsicherung und Ängste.

Immerhin 39 Prozent der Befragten der Forsa-Umfrage verbinden mit dem Stichwort Globalisierung den Abbau von Arbeitsplätzen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sich Schwellenländer wie Brasilien, Indien und China immer selbstbewusster als Gewinner der Globalisierung sehen, während die Akzeptanz in den Industrieländern einen deutlichen Dämpfer erhalten hat.

Dieses Phänomen belegt, dass Globalisierung nicht nur im Außenverhältnis zwischen Volkswirtschaften und Staaten wirkt, sondern auch unsere Gesellschaft im Innern massiv verändert. Dieser Veränderungsprozess kennt gerade in Ländern mit hohem Wohlstandsniveau neben Gewinnern und Gewinnen auch Verlierer und Verluste, nicht zuletzt psychischer Natur wie den Verlust elementarer Lebensgewissheiten. Die Globalisierung menschlich zu gestalten, beschreibt deshalb nicht nur den internationalen Handlungsmaßstab, sondern auch eine nationale Aufgabe. Das Chancenpotential der Globalisierung optimal auszuschöpfen und gleichzeitig den Schwächeren und bislang Ausgeschlossenen den auf gleicher Würde beruhenden Anspruch auf Teilhabe zu erfüllen, ist die - ungelöste - Gegenwartsaufgabe schlechthin. An ihr wird sich alles entscheiden: Das friedliche Zusammenleben in und zwischen den Gesellschaften, der Zugang zu Wissen und Wohlstand, die Stabilität der politischen Systeme auch in Westeuropa und nicht zuletzt das Überleben von Volksparteien in unserem Land.

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