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9. Oktober 2019, Halle: Die Polizei konnte den Täter erst außerhalb der Stadt stoppen.

Anschlag von Halle

Der globalisierte Rechtsterrorist

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Der Täter von Halle hat seinen Rassismus aus dem Internet. Das Protokoll seiner Tat zeigt, wie wenig die Behörden darüber wissen – und wie unsensibel die Polizei mit den Opfern umging.

Ein halbes Jahr nach dem Terroranschlag eines Rechtsextremen in Halle hat der Generalbundesanwalt nun Anklage erhoben. Das bestätigt das Oberlandesgericht Naumburg auf Anfrage. Spätestens nach dem Sommer wird der Prozess gegen den Täter beginnen. Er radikalisierte sich unbemerkt von der Außenwelt – aber nicht allein. Eine Rekonstruktion des Tattags und seiner Gedankenwelt wirft Fragen auf: Wie sind deutsche Behörden auf Terroristen aus dem Netz vorbereitet? Und wer kümmert sich um Angst und Wut derjenigen, die der Täter ermorden wollte?

15. März 2019, Christchurch, Neuseeland: Ein rechtsextremer Terrorist erschießt in zwei Moscheen 51 Menschen. Die Tat überträgt er mit einer Helmkamera live ins Internet.

Dieser Anschlag löst bei einem frustrierten 27-Jährigen in Sachsen-Anhalt etwas aus: Mit neuem Elan stürzt sich Stephan B. in ein Projekt, das er bereits seit 2015 verfolgt, dem Jahr, als viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Mit Teilen aus einem 3-D-Drucker und an der Werkbank seines Vaters baut er sich Waffen, mit denen er Menschen töten will: Juden, die er im Zentrum einer Weltverschwörung wähnt, zudem Muslime, Schwarze und „Verräter“. Sie alle wollen ihn aus dem Leben drängen. So sieht er es. Nun will er handeln.

9. Oktober 2019, 11.54–11.57 Uhr, Halle (Saale), Parkplatz Am Wasserturm: Stephan B. lädt auf dem Internetforum „meguca.org“ im Board „Meadhall“ vier Links hoch. Der eine führt zu einem Livestream auf twitch.tv, die anderen drei zu einer Art Manifest und Anleitungen zum Waffenbau. Was jetzt folgt, hat B. akribisch dokumentiert. Er will ein Vorbild sein für Heimwerker-Terroristen wie ihn, die mit geringem Budget und selbst gebauten Waffen auf einen Terrortrip ziehen. B. will ein Beispiel geben. Aber wem genau? Mit wem hat er sich auf anonymen Netzwerken ausgetauscht?

Die Ermittler finden nur ein paar Links zu gesicherten Websites und ein paar E-Mail-Adressen des Täters. Jegliche Verbindungsdaten sind längst gelöscht.

9. Oktober 2019, 12 Uhr, Humboldtstraße, vor der Synagoge: B. stoppt seinen Mietwagen vor der Mauer, hinter der der jüdische Friedhof und die Synagoge liegen. „Bitte, lass die Tür offen stehen“, murmelt er. Aber die Tür ist verschlossen. Sie wird die Gemeinde retten. Kein Polizist, kein Streifenwagen bewacht die Synagoge am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. „Eine Schande“, nennt Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) später diesen Umstand.

Vor zwei Tagen hat B. den VW Golf angemietet und vor der Wohnung seiner Mutter in Benndorf im Saalekreis geparkt. Er hat sein Waffenarsenal darin verladen. Sechs Waffen hat er selbst gebaut, dazu Sprengvorrichtungen.

B. hat aus Gesundheitsgründen ein Chemiestudium abgebrochen und danach nie eine Arbeit gesucht. Eine Freundin hatte er nie, Freunde ebenso wenig.

Die Einzelteile für die Waffen hat er über das Ebay-Konto seines Vaters bestellt. B. hat auch kein eigenes Facebook-Konto. Er wolle den Juden nicht seine Daten geben, gibt er an. Hat er so auch mit seiner Familie gesprochen? Seinen Rassismus habe er aus dem Internet, gibt der Vater an. Und die Mutter erzählt den Ermittlern, das Attentat von Christchurch habe ihren Sohn sehr beschäftigt.

Auch die Finanzierung seines Selbstbau-Terrors lief über anonyme Imageboards und gesicherte Netzwerke. Ein „Mark“ aus Brooklyn spendete 0,1 Bitcoin, nachdem B. die Daten seines Bitcoin-Wallet, einer virtuellen Geldbörse, im Netz postete – unter Beiträgen, in denen es um Waffenbau ging. Er tauschte die Kryptowährung in 1000 Euro ein.

B. fand seine Anknüpfungspunkte nicht im deutschen Rechtsextremismus, nicht auf Neonazidemos oder Rechtsrockkonzerten. Aus ihm wurde ein globalisierter Rechtsterrorist. Er sammelte Animes, besonders Bilder von großäugigen japanischen Comicmädchen in sexy Posen und knapp sitzenden Nazi-Uniformen.

12.01 Uhr, Humboldtstraße, vor der Synagoge: B. verlässt den Wagen mit zwei selbst gebauten Waffen, in der rechten Hand hält er eine Art Handgranate. Er versucht mit seiner rechten Hand, die Tür in der Mauer aufzudrücken, sie ist verschlossen. Er wirft eine Handgranate über die Mauer. Damit will er ein Feuer entfachen und die Betenden herauslocken.

Zur selben Zeit, in der Synagoge: Das Rabbinerpaar Jeremy Borovitz und seine Frau Rebecca Blady gehört zu einer Gruppe von 20 jungen Juden aus den USA und anderen Ländern, die zum höchsten Feiertag Jom Kippur zu Besuch in Halle sind. Zusammen mit den Gemeindemitgliedern aus Halle sind sie 51 Menschen in der Synagoge.

Plötzlich dröhnen die Schüsse von draußen, dazu der Knall der Sprengladung. Vladislav S. ist der Sicherheitsmann der Gemeinde. Er sitzt vor einem Monitor, sieht, was draußen geschieht. Mehrere Gemeindemitglieder rufen: „Alle nach hinten!“

Die Polizei verzeichnet den ersten Notruf um 12.03 Uhr. Laut Einsatzprotokoll trifft der erste Streifenwagen um 12.11 Uhr an der Synagoge ein, eine Minute später ein zweiter. Die Beamten legen ihre Schutzausrüstung an. „Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, bis die ersten Polizisten in die Synagoge kamen“, sagt Borovitz.

12.03 Uhr, vor der Synagoge: Die Passantin Jana L., 40, erschrickt wegen des Knalls. Ihr Schimpfen ist im Video zu hören. B. schießt mehrmals auf die Frau, auch als sie schon leblos am Boden liegt. Er sei im „Kampfmodus“ gewesen, jede Störung habe ihn aus dem Konzept gebracht.

12.10 Uhr, Ludwig-Wucherer-Straße: „Döner? Nehmen wir“ ist im Video zu hören. Der Täter wirft zunächst eine Nagelbombe in den Eingangsbereich des „Kiez Döner“. Dort sitzt unter anderem der 20-jährige junge Maler Kevin S. B. betritt den Laden, schießt.

Er habe ihn mit einem „Nahöstler“ verwechselt, gibt B. bei der Vernehmung an. Der Täter – B. spricht von sich in der dritten Person – habe seine Aufgabe verfehlt. Nach einem Schusswechsel mit der Polizei flieht B. zunächst verletzt, wird am Nachmittag aber auf einer Bundesstraße in Richtung Zeitz festgenommen.

Gegen 15 Uhr, in der Synagoge: Die Gemeinde hat den Gottesdienst zunächst fortgesetzt, alle haben ihre Angst und Trauer in die Gebete gelegt. Die Polizisten drängen zur Eile: Die Synagoge müsse geräumt werden. „Wir haben zwei Probleme“, sagt Borovitz auf Englisch. „Unsere Tochter ist nicht hier. Und wir müssen das Essen mitnehmen.“ Die kleine Tochter von Borovitz und Blady ist bei einer Babysitterin irgendwo in der Nähe. Die Eltern drängen, dass sie zurückkommt. Die Polizisten wollen nicht warten. „Wir bleiben hier, bis die Kleine zurück ist!“, antwortet Borovitz. „Und wenn ihr mich mit Gewalt rauszerren müsst!“

Jom Kippur ist ein Fastentag, das Essen fürs Fastenbrechen steht bereit. „Das muss hierbleiben“, hätten die Polizisten zunächst gesagt, erinnert sich Borovitz. Und: „Wir bringen euch ins Krankenhaus, da ist eine Cafeteria, dort gibt es Würstchen.“ Nach langen Diskussionen dürfen die Gläubigen das koschere Essen mitnehmen. Und nach Stunden der Angst dürfen auch Borovitz und Blady ihre Tochter wieder in die Arme schließen.

Später, im Krankenhaus, kommt die Gemeinde zum improvisierten Abschlussgottesdienst zusammen. Die Polizei fordert, das Beten zu unterbrechen, sie müssen Zeugenaussagen aufnehmen, so erinnert sich Borovitz. Nur durch die Intervention des Chefarztes können die Gläubigen Jom Kippur wie vorgeschrieben beenden.

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