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Bahnsteig in Frankfurt am Main.

Passagiere

„Die Gleichgültigkeit hat zugenommen“

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Thomas Kraft von Pro Bahn Hessen über fehlende Aufmerksamkeit von Passagieren.

Herr Kraft, es gibt Leute, die haben jetzt Angst, am Bahnsteig zu stehen. Was hilft dagegen?
Wenig. Denn es gibt keine Patentlösung. Wenn ein Verkehrsmittel an einem vorbeirollt oder auf einen zurollt, gibt es keine Garantie, dass nichts passieren kann. Egal ob ich an der Straße stehe oder am Gleis.

Thomas Kraft ist der Landesvorsitzende des Fahrgastverbandes Pro Bahn Hessen.

Jetzt gibt es Stimmen, die fordern die Wiedereinführung der Bahnsteigkarten. Was halten Sie davon, die Zugänge zu beschränken?
Wie will ich verhindern, dass Einzeltäter diese Tat begehen? Dann kauft sich derjenige halt eine Bahnsteigkarte oder einen Kurzstreckenfahrschein für 1,50 Euro. Wer diese Tat verüben will, lässt sich davon nicht abschrecken. Man kann Bahnsteige auch nicht einhausen wie in Japan oder am Terminal-Shuttle am Frankfurter Flughafen. Dafür haben wir zu viele verschiedene Zugarten in Deutschland und zu viele Bahnhöfe. Die sind noch nicht einmal alle barrierefrei, weil das Geld fehlt.

Was könnte Ihrer Meinung nach mehr Sicherheit an Bahnstationen schaffen oder zumindest das Gefühl von mehr Sicherheit?
Sicherheit schaffen kann man nicht. Mir machen eher die kleineren Bahnhöfe Sorgen wie der in Voerde, vor erst vor einigen Tagen Ähnliches geschah wie in Frankfurt. Zwei Bahnsteige, an denen auch schnelle Züge vorbeikommen. Und dahinter Gebüsch. Das haben wir ja hier im Rhein-Main-Gebiet oft bei der S-Bahn. In diesen kleineren Bahnhöfen war früher ein Aufseher, da waren Gepäckträger. Personal fördert das Gefühl, sicher zu sein. Seit der Bahnreform haben wir Hunderte Kilometer ohne einen einzigen Bahnbediensteten. Höchstens noch den Fahrdienstleiter, und der sitzt weit oben im elektronischen Stellwerk.

Nun gibt es ja Personal am Frankfurter Hauptbahnhof. Was dort aber stark zu spüren ist, ist die Anonymität der Stadt. Spielt das bei solchen Taten eine Rolle?
Durchaus. Das ist ja auch an Straßenbahnstationen zu beobachten. Da wird gepöbelt, jemand von der Bank geschubst. Da mischt sich niemand ein. Da gucken die Leute weg. Die Gleichgültigkeit ist definitiv größer geworden. Was ich nicht sagen will, dass die Kriminalität gestiegen ist. Das ist statistisch nicht erwiesen, und solche Aussagen werden schnell von einer bestimmten Ecke instrumentalisiert. Aber was zugenommen hat, ist die Gleichgültigkeit. Auch was Vandalismus betrifft, oder wenn jemand im Nichtraucherbereich raucht. Da fühlt sich keiner verantwortlich und spricht ihn an. Da muss man ansetzen.

Interview: Jutta Rippegather

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