LEITARTIKEL

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Seit sieben Wochen befindet sich nun der italienische Christdemokrat Aldo Moro in der Gewalt der Roten Brigaden. In dieser langen, qualvollen Zeit haben die

Von Karl-Heinz Krumm

Seit sieben Wochen befindet sich nun der italienische Christdemokrat Aldo Moro in der Gewalt der Roten Brigaden. In dieser langen, qualvollen Zeit haben die Terroristen immer wieder ihre harten Forderungen an die italienische Regierung gerichtet, aber ihre Drohung, Moro zu töten, wenn die ultimativ gestellten Bedingungen nicht eingehalten werden, nicht wahrgemacht. Persönliche Briefe und Botschaften der prominenten Geisel beweisen, daß Moro noch lebt, aber die Chance, daß er die blutige Gewalttat auch überlebt, hängt wohl allein vom Glück und Geschick der Polizei ab, doch noch das Versteck von Entführern und Entführtem zu entdecken und Moro gewaltsam zu befreien. Unbegründete Illusion hingegen wäre es wohl zu hoffen, daß die Terroristen angesichts der konsequenten Haltung der römischen Regierung aufgeben und den entführten Christdemokraten freilassen.

In Planung, Durchführung und Zielsetzung ist die Entführung Moros ein Lehrstück mitteleuropäischer Terroristen. Zwar erhöht, zumindest theoretisch, jeder Tag, den sie mit ihrer Geisel in einem unbekannten Versteck verbringen, das Risiko der Entdeckung. Aber dieses Risiko gehen Erpresser fast immer ein: je wertvoller ihr Faustpfand, um so größer die Bereitschaft zum Risiko. Die frühzeitige Tötung einer Geisel bedeutet in jedem Fall auch die frühzeitige Aufgabe eigener Zielsetzung, nämlich den Nachweis zu führen, daß der verhaßte Staat hilflos und erpreßbar oder rigoros und menschenfeindlich ist.

Unabhängig von der von Frage, ob Staat und Regierung schließlich nachgeben werden, hat die Entschlossenheit der Terroristen, eine Entführung über Wochen und Monate durchzuhalten, für sie eine erhebliche taktische und politisch-psychologische Bedeutung. Sieben lange Wochen, wie im Fall Moro, stößt staatliche Gewalt trotz eines großen personellen und technischen Aufwandes ins Leere, sieben lange Wochen, das ist die Erwartung der Terroristen, gibt der Staat seinen verunsicherten Bürgern ein Bild der Hilf- und Machtlosigkeit. Das muß nicht, kann aber zur Vertrauenskrise, zu tiefen Zweifeln in die Funktionsfähigkeit staatlicher Ordnung führen.

Terroristen lehnen den demokratischen Staat und damit auch das staatliche Gewaltmonopol rigoros ab. Sie fühlen sich als Gegengewalt zum Staat und wollen deshalb Respekt und Anerkennung bei ihren Aktionen erzwingen. Experten sprechen deshalb schon lange von der Bestrafungstheorie der Terroristen: Wer sich ihren Forderungen beugt, wird belohnt, wer sich widersetzt, wird bestraft.

Die beiden bundesdeutschen Entführungsfälle Lorenz und Schleyer vermitteln überzeugende Beweise für die Zuverlässigkeit dieser Erkenntnis. Im Fall des Berliner Peter Lorenz erfüllte der Staat alle Forderungen der Terroristen, die den Entführten dann auch unversehrt freiließen. Bei Hanns-Martin Schleyer setzte die Bundesregierung, schon mit Blick auf die fünf Toten von Köln, dem Ultimatum der Entführer ein hartes Nein entgegen, auch wenn aus Gründen des Zeitgewinns formell mit ihnen verhandelt wurde. Mit der gewaltsamen Befreiung der Lufthansa-Passagiere in Mogadischu mußte zwangsläufig die Hoffnung der Terroristen, Bonn doch noch zum Nachgeben zwingen zu können, zerbrechen - Schleyers Schicksal war damit besiegelt.

Es spricht viel dafür, daß die Roten Brigaden nach denselben Prinzipien vorgehen. Der hartnäckigen Weigerung der Regierung, ihre Forderungen zu erfüllen, folgten überall im Lande neue Bombenattentate und Anschläge auf prominente Persönlichkeiten - Bestrafungsaktionen gegen die Institutionen des Staates, die die Terroristen als "Verhandlungspartner" nicht anerkennen wollen.

Sieht man einmal von der nicht sicher zu klärenden Frage ab, ob auch deutsche Terroristen, planend oder handelnd, an der Moro-Entführung beteiligt waren: Taktik und Strategie der Roten Brigaden und der deutschen RAF sind auf jeden Fall weitgehend identisch. Schon deshalb wohl müssen die Hoffnungen, daß die Entführer selbst Moro in absehbarer Zeit freigeben, als unrealistisch eingeschätzt werden.

Mag sein, daß die Roten Brigaden weiterhin auf Zeit spielen, weil sie aus den aufkommenden öffentlichen Zweifeln am harten Nein der italienischen Parteiführungen Chancen ableiten, die Freipressung ihrer inhaftierten Gesinnungsgenossen doch noch durchsetzen zu können. Die fünf Begleiter Moros, die bei der Entführung ermordet wurden, und die unerfüllbaren Forderungen der Terroristen lassen aber kaum vermuten, daß Parteien und Regierung in Rom ihre bisherige klare Haltung ändern werden.

FR vom 5. Mai 1978

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