1. Startseite
  2. Politik

Glaube, Hoffnung, Obrigkeit

Erstellt:

Von: Stefan Scholl

Kommentare

Andacht: Russische Christinnen und Christen in einer Moskauer Kirche.
Andacht: Russische Christinnen und Christen in einer Moskauer Kirche. © Imago Images

Nicht alle in der russisch-orthodoxen Kirche teilen die extremen Vorwürfe ihres Patriarchen gegenüber Kiew. Ihre Oberhirten schielen derweil auf Macht- und Gebietszuwachs.

Moskau – Wirklicher Patriotismus komme bei ihr nicht auf, sagt Anna Fjodorowna (voller Name ist der Redaktion bekannt) aus der Moskauer Vorstadt Odinzowo. „Auch wenn unsere Geistlichen jetzt alle hinter Putin stehen: Sie predigen, dass unsere russischen Menschen in der Ukraine ermordet werden und dass unsere Soldaten dort für die Freiheit kämpfen.“ Anja, eine praktizierende russisch-orthodoxe Christin, sagt, sie sei unpolitisch, aber skeptisch, dass das Staatsfernsehen und auch die hohe Geistlichkeit immer die Wahrheit erzählten.

Seit über drei Wochen kämpfen die russischen Soldaten in der Ukraine, laut UN kamen dabei bis Mittwoch mindestens 726 ukrainische Zivilistinnen und Zivilisten, darunter 52 Kinder, ums Leben. Die UN schließen nicht aus, dass die tatsächliche Zahl der Opfer um ein mehrfaches höher ist. Doch Patriarch Kyrill, das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, entsetzte sich unlängst in einer Predigt über die Schwulenparaden, die jahrelang in ukrainischen Städten stattgefunden hätten. Wegen ihrer sei acht Jahre lang Krieg gegen die Menschen im Donbass geführt worden. „Im Donbass gibt es eine prinzipielle Ablehnung der Werte, die heute jene anbieten, die die Weltherrschaft anstreben.“ Deshalb litten die Menschen im Donbass, so Kyrill. „Wir kämpfen einen Kampf, der nicht physische, sondern metaphysische Bedeutung hat.“

Die Schwulenphobie des Kirchenfürsten mischt sich mit der Rhetorik seines Erzpriesters Artjomi Wladimirow, der Russlands Soldaten von der Kanzel anfeuerte, sie kämpften gegen „Faschisten, Kannibalen und Unholde in Menschengestalt“. Und für einen neuen Nürnberger Prozess über ganz Europa. „Wer zählt die vergewaltigten Mädchen, die lebenden Landsleute, denen die Organe herausgeschnitten wurden, um sie nach Europa zu schicken.“

Russlands Kirche gilt traditionell als obrigkeitshörig. Nur vereinzelte russisch-orthodoxe Geistliche protestieren offen. „Am frühen Morgen des 25. Februar haben russische Streitkräfte die Ukraine angegriffen, Kiew, Odessa, Charkow, Mariupol und andere ukrainische Städte werden beschossen“, schrieben die Priester Johann Burdin und Georgi Edelschtejn in einem Blog auf dem Portal der Kirchengemeinde des nordrussischen Dorfes Karabanowo. „Russische Soldaten töten ihre Brüder und Schwestern in Christus.“ Gemeindepfarrer Burdin droht ein Ordnungs- oder gar Strafverfahren wegen Diskreditierung der russischen Streitkräfte. Auch Anna Fjodorowna hegt Zweifel. „Unsere Kirchenfürsten unterstützen Putins Feldzug doch schon aus wirtschaftlichen Interessen“, sagt sie. „Für sie geht es um viel Geld.“

Die russische Amtskirche pflegt seit Jahren eine innige Feindschaft gegenüber der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“. Diese unterstand bis 2019 dem Moskauer Patriarchat, erhielt 2019 aber die Urkunde über ihre Unabhängigkeit durch den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel. Eine militärische Besetzung vor allem der östlichen Regionen der Ukraine, wo die meisten „Rechtgläubigen“ leben, würde die 6500 Gemeinden der orthodoxen ukrainischen Nationalkirche und ihre Klingelbeutel wieder unter Kyrills Kontrolle bringen – während sich jetzt viele der 12 400 noch offiziell moskautreuen orthodoxen Gemeindevorsteher über die russische Militäraktion empören und nach einem Rückzug der russischen Truppen dem Moskauer Patriarchat den Rücken zukehren könnten.

Siege würden also nicht schaden. Schon hofft Erzpriester Wladimirow auf den religiösen Wiederanschluss der Ukraine, aber auch der Moldau, Kasachstans und Georgiens. „Was mit dem Baltikum wird, können Sie selbst erraten. Jetzt dient es als Umschlagplatz, um Waffen zur Ausrottung der Slawen zu liefern.“

Anna Fjodorowna aber will mit ihren zwei Töchtern den Großraum Moskau verlassen. Sie erzählt von Vater Ippolit, einem alten Mönch, der seit langem predige, die Gläubigen sollten sich bereitmachen, um mit ihren Familien in die Wälder zu gehen. „Er sagte schon vor acht Jahren, es werde bald losgehen. Wir müssten in den Gebieten Iwanowsk, Jaroslawl und Kostroma, mehrere Hundert Kilometer nordöstlich von Moskau, nach kleinen Dörfern an einem Gewässer suchen. Und dort Holzhäuser kaufen oder bauen.“ Das Unglück werde von Westen, aus der Ukraine, kommen. „Am zehnten Februar war er wieder in unserer Gemeinde und hat alle gewarnt, nach dem 20. Februar werde es losgehen.“

Anna Fjodorowna erzählt, einige Gläubige hätten patriotische Einwände gemacht, man müsse doch bleiben und die Hauptstadt verteidigen. „Es ist nicht Eure Sache, um die Welt zu zanken“, habe der Mönch geantwortet. „Ich spüre“, sagt Anna, „für meine Familie und mich ist es dringend an der Zeit, in das Walddorf hinter Jaroslawl zu fahren, wo wir uns ein Haus ausgesucht haben.“ Dort wollten sie leben, bis das große Unglück vorbei sei. (Stefan Scholl)

Auch interessant

Kommentare