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Bereit für den Ansturm: Ein Notkrankenhaus im kalifornischen Indio.

Behandlungsmethoden

Corona-Krise in den USA: Mit giftigem Gas gegen Covid-19

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Angesichts explodierender Infiziertenzahlen setzen die USA auf kaum erprobte Therapien.

Washington - Das rasante Fortschreiten der Covid-19-Pandemie in den USA bringt die amerikanische Arzneimittelbehörde „Food and Drug Administration“ (FDA) dazu, nun Behandlungsmethoden zu erlauben, die für die Therapie von Covid-19 bislang nicht zugelassen und auch nicht ausreichend oder teils noch nicht bei der Krankheit erprobt worden sind. Es mutet wie ein verzweifelter Versuch an, das Sterben durch das Coronavirus aufzuhalten.

So soll im Rahmen einer als „Compassionate Use“ bezeichneten Ausnahmeregelung Stickstoffmonoxid eingesetzt werden – ein giftiges Gas mit zwei Gesichtern, das als Schadstoff aus Industrieschornsteinen und Auspuffrohren entweicht, das aber auch vom Körper erzeugt wird und unter anderem den Blutdruck reguliert. Im Fall von Covid-19 sollen die Patienten Stickstoffmonoxid als Inhalation direkt in die Atemwege bekommen. In China wird ein solches Verfahren derzeit bereits in klinischen Studien untersucht.

Die Kliniken in den USA nutzen dafür ein Beatmungssystem der Pharmafirma Bellerophon Therapeutics. Man erhofft sich von der experimentellen Behandlung, dass das Stickstoffmonoxid die Muskelzellen der Lungengefäße entspannt und so die Atemnot lindert. Bellerophon Therapeutics hatte das Verfahren 2003 bereits bei Sars getestet, einer Infektionskrankheit durch das genetisch sehr ähnliche Coronavirus Sars-CoV-1. In Studien verlangsamte Stickstoffmonoxid damals die Vermehrung der Viren und senkte das Risiko einer späteren Langzeitbeatmung als Folge der Infektion. Bevor Sars-CoV-2 auftauchte, hatte der Pharmakonzern geplant, das Beatmungssystem als Therapie bei Lungenfibrose zu testen. Diese krankhafte Veränderung des Lungengewebes wird auch als mögliche Langzeitfolge von Covid-19 diskutiert.

Der zweite Versuch, schwer kranken Patienten in den USA zu helfen, hat weit größere Dimensionen. Bereits Mitte März hatte Präsident Donald Trump vom „großartigen“ Potenzial der alten Malariamittel Chloroquin und Hydroxychloroquin als Therapie bei Covid-19 geschwärmt. Anthony S. Fauci, Chef des nationalen Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten, mahnte damals angesichts der fehlenden Evidenz noch zur Vorsicht. Doch nun hat die FDA offenbar alle Bedenken beiseite gewischt und überraschend den Plänen der Regierung zugestimmt, die Mittel bei Covid-19 im großen Stil Patienten zu verabreichen.

Risiken für Herzkranke

Wie die Washington Post jetzt berichtete, werden Millionen Dosen der alten Malariaprophylaxe an Klinken überall im Land verteilt. Der deutsche Pharmakonzern Bayer und das schweizerische Unternehmen Novartis haben die Packungen demnach an die Regierung geschickt. Die Hoffnung, dass die beiden verwandten Substanzen das Krankheitsbild von Covid-19 positiv beeinflussen können, rühren bislang nur von vereinzelten, kleinen Studien her. Gesundheitsexperten in den USA warnen aber vor einer breiten Anwendung wegen befürchteter schwerer Nebenwirkungen. So zitiert die „Washington Post“ einen Kardiologen des Mayo Clinic College for Medicine and Science: Er fürchtet, es können gehäuft zu Fällen von plötzlichem Herztod kommen, vor allem bei Herzkranken.

Eine andere Gefahr droht anderen Patienten: Mit Hydroxychloroquin werden auch rheumatoide Arthritis und die Autoimmunerkrankung Lupus erythmatodes behandelt. Laut „Washington Post“ haben Patienten mit diesen Erkrankungen in einigen Landesteilen wegen des corona-bedingten Runs auf die Mittel ihre Medikamente nicht mehr bekommen.

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