+
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht vor der Neuen wache in Berlin.

Zweiter Weltkrieg

„Es gibt kein Ende des Erinnerns“

  • schließen

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht zum 75. Jahrestag des Sieges der Alliierten über Hitlerdeutschland. Und verordnet der Nation die Selbstbefreiung vom Nationalismus.

Es war einsam Unter den Linden, der Boulevard in Berlins Mitte weiträumig abgesperrt. Nacheinander stiegen zur Mittagsstunde die Vertreter der fünf Verfassungsorgane aus ihren schwarzen Limousinen: Erst Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts. Dann der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke als Vorsitzender des Bundesrats, er nahm noch im Aussteigen seinen Mundschutz ab. Bundeskanzlerin Angela Merkel erschien, ebenso Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und schließlich auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Mit der korrekten Distanz zueinander standen sie schweigend vor fünf Kränzen. Danach bildeten die Vier das einzige Publikum links und rechts vom Rednerpult des Bundespräsidenten.

So gedenkt Deutschland während der Corona-Pandemie des Kriegsendes vor 75 Jahre, der Befreiung vom Nationalsozialismus. Außerhalb der Absperrungen begingen die Berliner erstmals einen Feiertag 8. Mai (bisher nur dieses Jahr und nur in der Hauptstadt). Voll war es in der Stadt, voll auch an den Gedenkorten in der Stadt wie am sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park.

Dieses Gedenken war natürlich anders geplant. Als Staatsakt, mit Tausenden Teilnehmern einer internationalen Jugendbegegnung und mit Diplomaten aus aller Welt. Alles abgesagt und die Rede gekürzt; Steinmeier wollte eine halbe Stunde vor der Neuen Wache sprechen, es wurden dann nur gut zehn Minuten.

Alle Gedenkreden zum 8. Mai müssen sich messen lassen an der einen, 1985 im Bonner Bundestag gehaltenen, vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung“, hatte Weizsäcker als erstes westdeutsches Staatsoberhaupt klargestellt. „Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“

Es war damals eine merkwürdige Satzkonstruktion ohne Akteur, denn die Rote Armee, die Briten und die Amerikaner, die Franzosen, Belgier, Niederländer und Kanadier kamen nicht als Befreier, sondern als Sieger. Und dennoch war und bleibt der Satz richtig und wird heute, anders als vor 35 Jahren, fast ausschließlich von den Parteigängern Alexander Gaulands bestritten. Bekanntlich findet der AfD-Obere, dass „die absolute Niederlage“ auch mit dem „Verlust von Gestaltungsmöglichkeiten“ einherging.

Wie in seinen erinnerungspolitischen Reden üblich, nennt Steinmeier die AfD und andere Rechte nie beim Namen, spricht sie aber dennoch an. Ihm gilt für das heutige Deutschland: „Damals wurden wir befreit. Heute müssen wir uns selbst befreien.“ Steinmeier benennt neuen Nationalismus, Hass, Hetze sowie „Fremdenfeindlichkeit und Demokratieverachtung“.

Zur Befreiung von außen sei nach 1945 die „innere Befreiung“ durch die schmerzhafte Aufarbeitung des Geschehenen gekommen, sagt Steinmeier. „Diese Jahrzehnte des Ringens mit unserer Geschichte waren Jahrzehnte, in denen die Demokratie in Deutschland reifen konnte.“ Einen Schlussstrich unter diesen Prozess lehnte Steinmeier strikt ab: „Es gibt kein Ende des Erinnerns. Es gibt keine Erlösung von unserer Geschichte.“ Wer einen Schlussstrich fordere, der „entwertet auch all das Gute, das wir seither errungen haben – der verleugnet sogar den Wesenskern unserer Demokratie“.

Dass es dieses Appells bedarf, zeigt eine weltweite Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos. In den Ländern der Alliierten prägt die Erinnerung an den siegreichen Krieg bis heute: In Russland (81 Prozent), Großbritannien (80), den Niederlanden, Australien (je 77) und den Vereinigten Staaten (75) erachten die Meisten Ehrungen zum Gedenken an die Opfer des NS-Regimes für wichtig. In Deutschland ist es nicht mal jeder Zweite (44 Prozent), in Japan sogar nur 18 Prozent.

Doch die deutsche Geschichte sei nun einmal eine „gebrochene Geschichte“, betont Steinmeier. Dazu gehöre die Verantwortung für millionenfachen Mord und Leid. „Das bricht uns das Herz. Deshalb: Man kann dieses Land nur mit gebrochenem Herzen lieben.“ Steinmeier nennt den Terror von Halle, Hanau und Kassel als Warnsignale. Die Opfer seien „durch Corona nicht vergessen“, mahnt der Bundespräsident.

Steinmeier spricht davon, dass wir Weizsäckers berühmten Satz von der Befreiung „heute neu und anders lesen“ müssten – mehr mit dem Blick nach vorne. Doch auch Weizsäcker richtete sich neben der Kriegsgeneration auch an die Nachgeborenen: „Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass, lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.“

Hass und Gewalt waren in Deutschland 1945 nicht verschwunden, die Alliierten hielten sie nur in Schach. Heute sind Hass und Gewalt wieder offen und real, man denke an den Unmut über Corona-Einschränkungen. Vielleicht muss man Weizsäcker n stärker beherzigen. Und während der den Bundestag und die „lieben Landsleute“ adressierte, richtet Steinmeier seine Rede an alle, die nicht nach Berlin kommen konnten, an die Verbündeten in aller Welt. Er steht alleine dort, am menschenleeren Mittag, und mahnt: „Wir müssen Europa zusammenhalten. Wir müssen als Europäer denken, fühlen und handeln. Wenn wir Europa, auch in und nach dieser Pandemie, nicht zusammenhalten, dann erweisen wir uns des 8. Mai nicht als würdig.“

Gedenken

In Frankreich hat Präsident Emmanuel Macron am Freitag an das Weltkriegsende vor 75 Jahren erinnert mit einer Kranzniederlegung an der Statue von Kriegsgeneral und Nachkriegspräsident Charles de Gaulle an den Pariser Champs-Elysées. Anschließend würdigte er die Kriegstoten am Grabmal des unbekannten Soldaten unter dem Triumphbogen. Am Eiffelturm wurde zudem die Trikolore gehisst, um „die Kämpfer und Widerstandskämpfer des Zweiten Weltkriegs zu ehren und den Frieden zu feiern“. 

Die Briten mussten wegen Corona auf alle geplanten Straßenfeste, Veteranen- und Gedenkfeiern verzichten. Sie waren durch Königin Elizabeth II. aufgefordert, Freitag um 21 Uhr den Weltkriegs-Schlager „We’ll Meet Again“ von Vera Lynn gemeinsam zu singen. 

Norwegen hat seiner Befreiung von der Nazi-Besatzung durch britische Truppen gedacht. König Harald V. ließ am Freitag einen Kranz auf der Festung Akershus in Oslo niederlegen, ehe er zu seinen Landsleuten sprach: Vieles von dem, was die Norweger heute feiern könnten – etwa Frieden, Freiheit und Vertrauen – habe es in der Weltkriegszeit nicht gegeben, sagte der 83-jährige Monarch, der zum Kriegsende acht Jahre alt gewesen war.  

Belarus feiert als einziger Kriegsteilnehmer (1945 ein Sowjetsatellit) den Sieg an diesem 9. Mai mit einer Militärparade. Corona zum Trotz. Präsident Alexander Lukaschenko will sich dieses Fest nicht nehmen lassen – auch wenn schon mehr als 20 000 Weißrussen infiziert sind. Er will sogar internationale Gäste in Minsk empfangen.  

Die Auschwitz-Überlebende Dorota Flug ist tot. Die Kinderärztin, Witwe des langjährigen Präsidenten des Internationalen Auschwitz Komitees, Noah Flug, starb am 1. Mai mit 94 Jahren in Jerusalem, wie das Komitee am Freitag erst mitteilte. 

Geboren wurde sie 1925 in Lodz. Sie überlebte das Ghetto, Auschwitz, Bergen-Belsen und andere KZ. Mit 19 Jahren wurde sie am 14. April 1945 gemeinsam mit ihrer Mutter in Salzwedel befreit und kehrte nach Polen zurück. Mit ihrem Ehemann, ein kommunistischer Widerstandskämpfer, der ebenfalls Auschwitz überlebte, ging sie 1958 angesichts antisemitischer Diskriminierung in Polen nach Israel. 

In den 80er Jahren lebte sie eine Zeit lang in Deutschland, als ihr Ehemann als israelischer Diplomat dort wirkte. Das Komitee verlautbarte, dass die Flugs stets hofften, die Deutschen würden durch die Erinnerung an die NS-Verbrechen ein Bewusstsein ihrer Befreiung entwickeln. (epd/dpa/afp)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion