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Es kann losgehen: Ein Plakat mit Benjamin Netanjahu und Kandidaten seiner Partei.

Dokumentation über Netanjahu

„Es gibt fast so eine Art Bürgerkrieg hier im Land“

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Der israelische Filmemacher Dan Shadur hat eine Dokumentation über Premierminister Benjamin Netanjahu gemacht, die Israel spaltet. 

Dan Shadur setzt sich auf eine Bank in die Sonne, in der Hand einen Kaffeebecher. Es ist ein heller Frühlingstag in Tel Aviv, kurz vor den Wahlen in Israel. Leute auf den Nachbarbänken sehen neugierig herüber, eine Frau gratuliert ihm zu seinem Film. Der ehemalige Journalist ist der Mann, der Israels Ministerpräsident porträtiert hat, anders als jeder andere Filmemacher zuvor. „King Bibi. Benjamin Netanjahu – Der Medienprofi und die Macht“ zeigt anhand von alten und neuen, zum Teil völlig unbekannten Archivaufnahmen, wie sich ein junger, weicher Mann durch einen persönlichen Schicksalsschlag zum knallharten Politiker entwickelt. Heute um 22.10 Uhr ist der Film auf Arte zu sehen.

Herr Shadur, haben Sie jemals Netanjahu gewählt?
Nein.

Kennen Sie jemanden, der ihn gewählt hat?
Jetzt, durch meinen Film, habe ich Bibi-Wähler kennengelernt. Sonst gehören sie nicht zu meinem Bekanntenkreis. In Tel Aviv wählt ja so gut wie niemand Netanjahu.

Warum wollten Sie dann überhaupt einen Film über ihn machen?
Vor vier Jahren war ich in den USA, um einen Film vorzustellen. Bibi war zufällig zur gleichen Zeit da, und im Fernsehen sah ich, wie wohl er sich dort fühlte und dass er sogar mit den Medien sprach. Dieser Unterschied hat mich interessiert. In Israel gibt er ja keine Interviews. Ich musste meinen Film ausschließlich aus Archivaufnahmen zusammensetzen.

Haben Sie ihn um ein Interview gebeten?
Ja, vor einem Jahr.

Und?
Keine Antwort bis heute.

Dan Shadurs Familie lebte einige Jahr im Iran. Er war ein Jahr alt, als im Iran die Revolution ausbrach und seine Familie zurück nach Israel ging. Bevor Shadur sich als Drehbuchautor und Regisseur etablierte, schrieb er für verschiedene israelische Zeitungen.

Welche Archivaufnahme hat Sie am meisten überrascht?
Die Bilder von der Beerdigung seines Bruders Jonathan. Er war Kommandeur einer israelischen Eliteeinheit und starb in der Nacht vom 4. Juli 1976 bei der Geiselbefreiung von Entebbe. Netanjahu studierte zu dieser Zeit gerade am MIT in Boston. Am 4. Juli feierte er den 200. Jahrestag von Amerikas Unabhängigkeitserklärung. Bei der Beerdigung seines Bruders zwei Tage später auf dem Herzl-Berg steht er neben Yitzchak Rabin. Er ist das erste Mal im Fernsehen zu sehen, er wirkt müde und verletzlich, und er steht genau an derselben Stelle, an der er 1995 bei Rabins Beerdigung stehen wird, als Politiker, ein ganz anderer Mann. Diese Szene ist fast wie eine Prophezeiung. Denn erst durch den Tod des Bruders, durch dieses tragische, persönliche Ereignis ist Netanjahu überhaupt in die Politik gekommen. Und die Vermischung von persönlichem und politischem zieht sich von nun an durch sein ganzes Leben. Ein gutes Beispiel ist ein Fernsehauftritt von ihm im Jahr 1993, wo er öffentlich über seinen Seitensprung spricht. Ganz freiwillig, niemand hat ihn darum gebeten.

Er gibt den Seitensprung zu und dreht den Spieß einfach um, indem er die Medien für den Umgang mit ihm und seiner Frau beschimpft. Aus dem Angeklagten wird ein Ankläger.
Ja, schon damals konnte man sehen, in welche Richtung er sich nicht nur selbst entwickelt, sondern auch die israelische Demokratie. Immer sind die Medien schuld. Wobei er in seiner ersten Amtszeit noch anders war, er hat mit Journalisten gesprochen, und die Linken waren immer noch wichtig für ihn, er versuchte, sie auf seine Seite zu ziehen. Heute sind sie ihm egal. Er konzentriert sich allein auf seine Basis und darauf, an der Macht zu bleiben.

Welche Auswirkungen hat die Ankündigung der Staatsanwaltschaft, ihn wegen Bestechlichkeit, Betrug und Untreue in allen drei Fällen anzuklagen, auf die Wahlen am kommenden Dienstag?
Die Vorwürfe sind schwerwiegend. Eigentlich hätte Netanjahu gleich nach der Bekanntgabe zurücktreten müssen. Dass er einfach weiter Wahlkampf gemacht hat, ist verrückt. Und dass niemand wirklich seinen Rücktritt verlangt hat, auch. Vor zehn Jahren wäre das undenkbar gewesen.

Woran liegt das?
An dem hohen Maß der Identifikation mit ihm. Es gibt fast so eine Art Bürgerkrieg hier im Land, zwischen zwei Lagern, das linke ist gegen Bibi, das rechte für Bibi. Manchmal weiß man allerdings nicht, worin die Unterschiede zwischen den Lagern bestehen. Benny Gantz und Yair Lapid von der Oppositionspartei Blau-Weiß sagen immer nur, was sie nicht wollen. Und Gantz wirkt mitunter wie ein Prototyp von Netanjahu.

Inwiefern?
Wie er hat er einen politischen Berater und lässt sich von dem in Szene setzen. Vor Bibi gab es das hier nicht. Es gab Berater, aber die hatten nichts zu sagen. Es gibt im Film eine Szene von Bibi im Weißen Haus mit Ronald Reagan und Yair Shamir, dem ehemaligen israelischen Premierminister. Shamir ist alt und hat einen polnischen Akzent. So sahen Politiker aus, als ich aufwuchs. Heute sehen alle blendend und makellos aus.

Wie erklären Sie sich das?
Das ist Kapitalismus. Dieses Phänomen gibt es ja auch woanders, in Kanada oder in Frankreich. Aber bei Netanjahu ist es extrem. Er färbt sich die Haare und ändert ständig die Farbe. Manchmal blau, manchmal silbrig. Bevor er auf die Bühne geht, kontrolliert er die Klimaanlage, sein Makeup. Früher hat er manchmal geschwitzt. Heute klagen Leute, die mit ihm reisen, darüber, es sei immer zu kalt.

Nach den letzten Umfragen führt das rechte Lager vor dem linken, das heißt, Netanjahu wird wahrscheinlich am Dienstag wieder zum Premierminister gewählt. Wie ist ihm das gelungen?
Er hat seine Wähler überzeugt, dass es sich bei den Korruptionsvorwürfen um eine Verschwörung gegen ihn handelt, oder dass die Vorwürfe doch gar nicht so schwerwiegend sind. Viele Likud-Anhänger wissen, dass er zwar das Gesetz gebrochen hat, aber finden, dass ihm das als großem Staatsführer irgendwie auch zusteht. Sie fürchten, dass der Wohlstand und die Stabilität der letzten zehn Jahre ohne ihn verschwinden werden. Die rechten Wähler in Israel sind sehr loyal und wenden sich im Gegensatz zur Linken nie gegen ihren Führer.

Wirkt Netanjahu auf Sie nervöser als sonst vor der Wahl?
Auf mich ja, aber ich bin sehr vorsichtig, das zu bewerten. Man kann bei ihm immer falsch liegen. Er ist ein sehr narzisstischer Politiker mit außerordentlichen Fähigkeiten. Und für ihn ist fast jedes Mittel recht, um an der Macht zu bleiben. Das darf man nicht vergessen.

Samstagnacht hat er in einem Fernsehinterview die Annexion jüdischer Siedlungsgebiete im Westjordanland angekündigt. Dabei galt er bisher immer noch als jemand, der eine Zwei-Staaten-Lösung vertritt. Hat Sie seine Ankündigung überrascht?
Es ist schwer, von Netanjahu überrascht zu werden. Im Jahr 2015 sprach er zwei Wochen vor den israelischen Wahlen vor dem amerikanischen Kongress und punktete damit. Diesmal war es die Anerkennung der israelischen Annexion der Golanhöhen durch die Amerikaner sowie die Rückgabe der Leiche eines vermissten israelischen Soldaten nach 37 Jahren mit Hilfe von Putin. Mit einem Toten Wahlkampf zu machen, ist unverblümt und zynisch, aber Netanjahu weiß, dass er damit durchkommt. Seine Botschaft ist: Bibi ist der Mann, der mit den Supermächten der Welt verkehrt, bei ihm sind wir sicher.

Was hat er in diesem Wahlkampf anders gemacht als sonst?
Dieser Wahlkampf war der erste, der fast ausschließlich im Internet, Fernsehen und Mobilfunk ausgetragen wurde. Das gilt nicht nur für Netanjahu und die Likud, sondern auch für alle anderen Parteien. Klassische Wahlkampfauftritte gab es so gut wie gar nicht, auch keine großen Kundgebungen. Insgesamt kann man sagen: Netanjahu hat die Kampagne sehr gut gemeistert und war auf jeden Schritt seiner Gegner vorbereitet. Er wusste ganz genau, dass es diesmal nicht nur um sein politisches Überleben geht – sondern auch darum, nicht im Gefängnis zu landen.

Kam es ihm gelegen, dass die Wahlen vorgezogen wurden?
Ich denke, ja. Wenn Netanjahu die Wahl trotz der Korruptionsvorwürfe gewinnt, kann Bibi sagen: Die Wähler wissen, worum es geht, und sie wollen mich trotzdem als Premierminister. Das könnte die Generalstaatsanwaltschaft beeindrucken.

Konnten Sie für Ihren Film die Vorwürfe mit der Schmutzwäsche recherchieren? Seine Frau soll ihm ganze Koffer mit dreckiger Wäsche mitgegeben haben, um sie in ausländischen Hotels waschen zu lassen, weil sie den Geruch des Waschpulvers so mochte.
Nein, in diese Details bin ich nicht eingestiegen, aber sie passen zur letzten Szene im Film, wo die Familie Trump zu Besuch zu den Netanjahus kommt und sie sich dafür entschuldigen, wie es bei ihnen aussieht. Völlig pathetisch. Champagner und Zigarren, davon sind sie beeindruckt, dabei ist es gar nicht das, was Reichtum ausmacht, sondern nur das Image davon. Aber das ist ein anderer Film.

Hat Netanjahu Ihren Film gesehen?
Ja, auf einem Flug nach Tschad, Afrika. Er sagte, es sei ein interessanter Film, in der Mitte sei er eingeschlafen.

Oh.
Ja, aber nicht, weil es nicht interessant gewesen sei, sondern weil er müde war, sagte er.

Wie reagieren die Israelis auf den Film?
Der Sender hat mit dem Film die höchste Einschaltquote in seiner Geschichte erreicht. Damit hat keiner gerechnet, alle dachten schon alles über Netanjahu zu wissen. Und natürlich ist nichts, was ich zeige, wirklich neu. Neu ist nur der Zusammenhang: wie Netanjahu durch ein persönliches Schicksal in die Politik gespült wurde, wie er das Internet für sich nutzt. Und neu ist sicher auch, dass sich so ein Film über ihn auf keine Seite schlägt, links oder rechts. Für Israel, wo die Stimmung zwischen den Lagern so vergiftet ist, ist das sehr ungewöhnlich. Leute, die Bibi mögen, sind berührt davon, dass er nicht attackiert oder zerstört wird. Und Leute, die ihn hassen, sehen ihn auf einmal nicht mehr als das Böse an sich, sondern als einen Politiker, der seinen Job macht.

Hat Ihr Film den Wahlkampf beeinflusst?
Das wird mir zumindest vorgeworfen.

Von wem?
Von einigen Linken. Sie sagen, Bibi wird zu sympathisch dargestellt, und ja, es ist wahr, einigen Unterstützern gefällt der Film. Aber auch Gantz hat schon darauf Bezug genommen. In einer Rede sagte er, wir brauchen keinen König, wir brauchen einen Premierminister.

Wen werden Sie am 9. April wählen?
Ich denke Gantz. Bei dieser Wahl ist es wichtiger, ein Lager zu unterstützen als eine Partei. Es geht darum, ein Regime zu stürzen. Es ist einfach nicht gut, wenn jemand so lange an der Macht bleibt.

„King Bibi“ wird am 8. April, einen Tag vor den Wahlen in Israel, auf Arte gezeigt.

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