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Gibt es ein Recht auf ein Kind?

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Von: Ruth Herberg

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Nach offiziellen Angaben ist fast jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos.
Nach offiziellen Angaben ist fast jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos. © Getty Images/iStockphoto

Deutschland ist eines der wenigen Länder in Europa, das die Eizellspende explizit verbietet. Betroffene kämpfen für einen besseren Zugang, doch es gibt auch gesundheitliche Risiken

Kurz vor ihrem 18. Geburtstag wurde bei Jana Hövel das Swyer Syndrom festgestellt. Durch den Gendefekt hat die heute 27-Jährige keine funktionierenden Eierstöcke. Die Folge: Sie wird nie genetisch eigene Kinder bekommen können. „Die einzige Möglichkeit für mich, jemals schwanger zu werden, ist die Eizellspende“, sagt Hövel – also mit Hilfe einer Eizelle einer anderen Frau. Das ist in Deutschland jedoch verboten, weswegen Hövel im Juni eine Petition für die Legalisierung gestartet hat. „Wir haben in Deutschland die medizinischen Möglichkeiten für dieses Verfahren, aber warum nutzen wir sie nicht?“, fragt Hövel.

Tatsächlich haben SPD, Grüne und FDP in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten, eine „Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin“ einsetzen zu wollen. Die soll neben einer Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen auch die Möglichkeiten zur Legalisierung der Eizellspende und der sogenannten altruistischen Leihmutterschaft (siehe nebenstehendes Interview) prüfen. Diese Kommission besteht zwar noch nicht; ihre Einsetzung werde aber gegenwärtig vorbereitet, teilte eine Sprecherin des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) auf Anfrage mit.

Dem BMFSFJ zufolge ist fast jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos. Das kann an einer genetisch bedingten Unfruchtbarkeit liegen, an Krankheiten oder häufig auch dem höheren Alter der Wunscheltern. Um trotzdem ein Kind zu bekommen, haben Paare mit Kinderwunsch in Deutschland verschiedene Möglichkeiten (siehe nebenstehende Box); die Eizellspende gehört bislang nicht dazu.

In Deutschland verbietet das Embryonenschutzgesetz vom Dezember 1990 diese Methode, selbst die Beratung darüber ist strafbar. Zur Begründung heißt es im Gesetzentwurf von 1989, dass sogenannte gespaltene Mutterschaften, „bei denen genetische und austragende Mutter nicht identisch sind“, verhindert werden sollen; dies könne die spätere Identitätsfindung des Kindes wesentlich erschweren.

Neben Deutschland verbietet in Europa nur noch die Schweiz explizit die Spende, und dort diskutiert das Parlament derzeit eine Legalisierung. In allen anderen europäischen Ländern ist sie entweder geduldet oder explizit erlaubt, meist verbunden mit einer Aufwandsentschädigung für die Spenderin. Viele Paare aus Deutschland reisen deswegen ins Ausland, vor allem nach Spanien, wo der Eingriff seit vielen Jahren etabliert ist. Auch Anke Schwarz ist mit Hilfe im Ausland gespendeter Eizellen zwei Mal Mutter geworden. Schwarz, die eigentlich anders heißt, kam bereits mit Anfang 20 in die vorzeitige Menopause und kann seitdem keine eigenen Kinder bekommen, wie sie erzählt. Als sie zehn Jahre später ihren Mann kennenlernte, hätten sich die beiden nach einer Alternative umschauen müssen. Eine Gynäkologin habe sie damals auf eine Eizellspende im Ausland hingewiesen – für Schwarz die einzige Möglichkeit, schwanger zu werden. „Ich bin ihr sehr dankbar dafür, dass sie das damals erwähnt hat, denn legal war es ja nicht“, sagt sie heute.

Nach einer Internetrecherche über Behandlungsmöglichkeiten und -orte fiel die Wahl auf Tschechien, doch drei Versuche schlugen fehl. Der nächste, diesmal in der Ukraine, war erfolgreich, 2018 kam ihre erste Tochter zur Welt.

Vor zwei Jahren bekam die Familie erneut Nachwuchs, auch diesmal mit Hilfe einer Eizellspende in der Ukraine. Eine Legalisierung sei für sie auch deshalb wichtig, „damit meine Töchter nicht mit diesem Stigma aufwachsen: Ach, das sind die Eizellspende-Kinder“. Allerdings hält Schwarz, die sich heute im Verein „FE-Netz“ für die Legalisierung engagiert, Bedingungen wie zum Beispiel eine Obergrenze für die Anzahl von Spenden pro Frau für wichtig.

Das Verfahren hat allerdings auch viele Kritiker:innen. Sie verweisen vor allem auf das gesundheitliche Risiko, das die Spenderin auf sich nimmt. Damit vermehrt Eizellen heranreifen, ist eine Hormonbehandlung nötig, und um die Zellen zu entnehmen, ein invasiver Eingriff. Zwar sind die Methoden mittlerweile sehr viel schonender als noch vor einigen Jahren. Trotzdem bleibt, wie bei jeder medizinischen Behandlung, das Risiko für Nebenwirkungen theoretisch bestehen; etwa für ein sogenanntes Überstimulationssyndrom, das in sehr seltenen Einzelfällen lebensbedrohlich sein kann.

Auch die Empfängerin kann gesundheitliche Probleme bekommen. Nach dem Einsetzen der befruchteten gespendeten Eizelle ist etwa das Risiko für eine Fehlgeburt sowie für schweren Bluthochdruck etwas höher – und das bei moderaten Erfolgschancen: Die Wahrscheinlichkeit, dass es nach einer Eizellspende zur Geburt kommt, wird unterschiedlich hoch angegeben, liegt internationalen Daten zufolge aber nicht höher als 50 bis 60 Prozent, teilweise auch deutlich niedriger.

Behandlung bei Kinderwunsch

Vor 40 Jahren, am 16. April 1982, wurde hierzulande das erste Kind geboren, das im Reagenzglas gezeugt wurde. Was damals eine Sensation war, ist heute normal: Mehr als 340 000 Babys sind bislang nach einer Kinderwunschbehandlung zur Welt gekommen.

Ungewollt kinderlosen Paaren stehen in Deutschland unterschiedliche Verfahren zur Auswahl – abhängig von der medizinischen Ursache. Neben genetisch bedingten Störungen können auch Infektionen der Grund für Unfruchtbarkeit sein. Zudem entscheiden sich viele Paare erst spät, Kinder zu bekommen, was die Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft sinken lässt.

In-vitro-Fertilisation bedeutet wörtlich „Zeugung in der Glasschale“ und ist wohl die bekannteste Kinderwunschbehandlung. Daneben gibt es weitere Verfahren wie etwa eine hormonelle Stimulation, um die Eizellreifung anzuregen. Viel diskutiert ist zudem das Einfrieren von Eizellen, die zu einem späteren Zeitpunkt aufgetaut werden können.

Die Erfolgschancen sind je nach Methode unterschiedlich und hängen auch von anderen Faktoren ab. Das Deutsche IVF-Register, das die Behandlungsdaten aus fast allen Kinderwunschzentren in Deutschland zusammenträgt, spricht in dem Zusammenhang etwa von einer „starken Altersabhängigkeit“: Patientinnen unter 35 Jahren seien nach mehr als vier Transfers zu mehr als 80 Prozent schwanger; bei der Altersgruppe der Frauen ab 40 Jahren seien es nur noch 34,8 Prozent.

Zu den Risiken zählen Mehrlingsschwangerschaften, die Komplikationen für Mutter und Kinder nach sich ziehen können. Sie sind nach einer Kinderwunschbehandlung wahrscheinlicher, weil Frauen in Deutschland bis zu drei Embryonen eingesetzt werden dürfen. Reproduktionsmedizinische Verfahren gehen auch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für Fehlgeburten einher; als Grund vermutet man das durchschnittlich höhere Alter der Frau.

Die Kosten für die Behandlungen übernehmen zur Hälfte die gesetzlichen Krankenkassen, jedoch nur für eine gewisse Anzahl an Versuchen. Frauen müssen zwischen 25 und 40, Männer jünger als 50 Jahre sein; das Paar muss zudem verheiratet sein. Behandlungen für gleichgeschlechtliche Paare übernehmen die Krankenkassen nicht. Einige wenige Bundesländer gewähren unter bestimmten Bedingungen jedoch finanzielle Förderung für homosexuelle Paare. thh

Taleo Stüwe hält die Datenlage derzeit für zu schlecht, um potenzielle Spenderinnen umfänglich über die Risiken aufklären zu können – etwa auch, was deren eigene Fruchtbarkeit angeht. „Es gibt Studien über Nebenwirkungen und Langzeitfolgen der Hormonbehandlung, aber sehr wenige, und die Kohorten sind sehr klein“, sagt der Mediziner, der sich im Verein GEN-ethisches Netzwerk unter anderem mit Reproduktionstechnologien beschäftigt. „Daraus können keine allgemeingültigen Aussagen abgeleitet werden.“ Um selbstbestimmt entscheiden zu können, müssten die Spenderinnen vollständig aufgeklärt sein. „Aber wenn bestimmte Dinge einfach nicht bekannt sind, dann kann über die ja auch nicht umfassend informiert werden.“

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften dagegen haben sich bereits im Juni 2019 für eine Legalisierung ausgesprochen. In einer Stellungnahme nennen die Fachleute aber bestimmte Bedingungen: etwa die Hormonstimulation so zu gestalten, dass die Risiken für die Spenderin minimiert werden; die Empfängerin über die gesundheitlichen Risiken angemessen aufzuklären; und eine Aufwandsentschädigung für die Spenderin bis zu einer bestimmten Höhe zu ermöglichen.

Laura Perler ist Sozialanthropologin an der Universität Bern und forscht seit mehreren Jahren zur Eizellspende, unter anderem zehn Monate lang in einer spanischen Reproduktionsklinik. „Die Technik an sich ist nicht schlecht“, sagt sie, berichtet aber von „massiven Problemen bei der Art und Weise, wie es derzeit läuft“. Sie verweist auf die Spenderinnen in Spanien: Neben Frauen, die das sehr selten, zum Beispiel in einer finanziellen Notsituation, machten, „gibt es auch Frauen, die das wie einen Nebenjob machen.“

Für eine gespendete Eizelle gibt es in Spanien wie auch in vielen anderen europäischen Ländern eine Aufwandsentschädigung von um die 800 bis 1000 Euro. In dem Land ist das Verfahren schon seit vielen Jahren erlaubt, allerdings nur anonym: Sowohl die Wunscheltern als auch das Kind wissen nicht, wer die genetische Mutter ist. Weil es zudem Hunderte etablierte Reproduktionskliniken gibt, ist Spanien die Anlaufstelle schlechthin in Europa: Jedes Jahr werden auf dem Kontinent Zehntausende gespendete Eizellen eingesetzt, geschätzt die Hälfte davon in Spanien – Empfängerinnen sind auch Frauen aus Deutschland. Perler spricht deshalb von „Reproduktionstourismus“, den eine Legalisierung in Deutschland nicht unterbinden könne. Selbst wenn die Eizellspende in Deutschland unter bestimmten, strengen Bedingungen erlaubt wäre, gäbe es vermutlich zu wenig Spenderinnen, das zeigten Erfahrungen aus anderen Ländern. „Und dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Paare gehen trotzdem ins Ausland oder es müssen Eizellen importiert werden.“ Das sehe man am Beispiel Italien, wo eine Spende nicht vergütet wird: Eine spanische Klinik, in der sie geforscht hat, hat alle zwei Wochen einen Transporter mit Eizellen nach Italien geschickt, wie sie erzählt. „Ich sehe schon die Gefahr, dass da ein Markt entsteht, bei dem vor allem junge Frauen aus anderen Ländern zum Spenden kommen.“

Sie plädiert wie auch Mediziner Taleo Stüwe für eine europäische Lösung. „Wir haben europaweit im Moment einen Flickenteppich an Regeln, was wo erlaubt ist und was nicht“, sagt Stüwe. „Deutschland und die Schweiz erlauben die Eizellspende als einziges nicht, und das ist jetzt die letzte Chance, auf europäischer Ebene zu fragen: Welche Regulierungen muss es geben? Wie wollen wir Kinderwunschbehandlungen unterstützen, was finden wir legitim und was nicht?“

Dass die Kommission der Ampel-Regierung schnell zu einem Ergebnis kommt oder sogar einen Gesetzentwurf vorbereitet, ist indes unwahrscheinlich. Vielmehr dürfte ihre Arbeit der Auftakt zu langwierigen Debatten sein. Denn wie bei der Organspende, der Impfpflicht, der Sterbehilfe oder dem Schwangerschaftsabbruch prallen auch beim Thema Eizellspende ethische und juristische Fragen aufeinander:

Gibt es ein Recht auf ein Kind? Bedeutet freiwillig wirklich immer aus freiem Willen, unbeeinflusst von äußeren Faktoren? Wo beginnt, wo endet körperliche Selbstbestimmung? Und wer entscheidet darüber: man selbst oder der Staat?

„Für mich war die Eizellspende der richtige Weg“, resümiert Schwarz. Auch Jana Hövel will sich weiter für ihr Anliegen einsetzen. Ein Kompromiss wäre für sie schon ein Erfolg: Wenn wenigstens die Beratung zur Eizellspende legal wäre, sei das ein Fortschritt, sagt sie. „Dann hätten wir nicht länger das Gefühl, dass wir alleingelassen werden.“

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