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Carlos Ghosn nach dem Besuch bei seinem Anwalt.

Carlos Ghosn

Ghosns teure Freiheit

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Der Ex-Nissan-Manager darf gegen eine hohe Kaution die Haft verlassen. In Japan steht die Justiz zunehmend in der Kritik.

Die Freilassung von Carlos Ghosn, Ex-Chef bei Renault und Nissan, ist eine juristische Sensation. Sie nagt am japanischen System, das in Angeklagten meist sofort Kriminelle sieht.

Vielen Menschen in Japan dürfte der Anblick am Mittwoch nicht gefallen haben. Als der Mann mit dem grimmigen Gesicht und dem Wohlstandsbauch, versteckt hinter Mundschutz und Basecap, aus seiner Zelle über die Gänge des Sicherheitstrakts ging, stand er am Ende in der frischen, freien Luft von Tokio. Reportern gegenüber versicherte er zuletzt immer wieder seine Unschuld, sein ganzer Fall sei eine Verleumdungskampagne. Er sei kein Steuerhinterzieher.

Für Carlos Ghosn, den ehemaligen Chef der Autobauer Renault und Nissan, sind die 108 Tage, die er in Haft verbracht hat, ein Skandal. Er wolle das nun in einem fairen Prozess beweisen. Für die Staatsanwaltschaft hingegen ist Ghosns Freilassung gegen umgerechnet acht Millionen Euro ein Riesenproblem, schließlich bestehe akute Fluchtgefahr. So oder so: Ein großes Ding ist die Freilassung des einstigen Starmanagers allemal. Sie könnte noch Folgen haben, die weit über diesen konkreten Fall hinaus reichen.

Die Causa Ghosn dokumentiert nicht nur, wie harsch in Japan einstige Helden in Ungnade fallen können, sondern womöglich auch, welchen großen Anteil die Justiz hieran hat. Als Ghosn im November unter dem Verdacht auf Veruntreuung und Steuerhinterziehung in Höhe von 38,8 Millionen Euro festgenommen wurde, dauerte es nur einen Tag, bis aus einem Business-Popstar, durch den sogar Mangas inspiriert worden waren, ein vorverurteilter Krimineller wurde. Die Nachricht, dass der gebürtige Brasilianer mit libanesischen Eltern festgenommen worden war, trat eine Welle von Berichten über dessen obszönen Reichtum los, von Villen in Paris, Rio, Amsterdam und anderswo.

Schnell wurden in der Debatte Gier und Gesetzesbruch in einem Atemzug genannt. Immerhin war Ghosn schon länger mit seinen hohen Salären aufgefallen. Für seine Posten bei Renault, Nissan und ab 2016 auch Mitsubishi kassierte er zuletzt knapp 20 Millionen Euro im Jahr. Das ist selbst in der fürstlich bezahlten Klasse der Konzernbosse noch viel, stellte in Japan zudem einen Rekord auf. Ghosn verdiente etwa fünfmal so viel wie Akio Toyoda, der Chef des weltweit größten Autobauers Toyota. Ghosn, der Nissan ab der Jahrtausendwende als Sparfuchs saniert hatte und dafür im Land gefeiert wurde, war fortan als Gierhals verschrien. Es war tatsächlich schwer von der Hand zu weisen, dass Ghosn ein nimmersatter Charakter ist.

Nur war mit seiner Verhaftung auch schon sein rechtliches Vergehen quasi besiegelt. Schließlich ist in Japan eine Verhaftung fast gleichbedeutend mit einer Verurteilung: In rund 99 Prozent der Fälle kommt es zu einem Schuldspruch, häufig auf ein Geständnis hin. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International kritisieren schon lange, dass Geständnisse häufig erzwungen würden, durch harte Haftbedingungen, teilweise mit Folter und ohne Zugang zu einem Anwalt. So werden Festgenommene auch fast nie auf Kaution freigelassen, sofern sie sich nicht zuvor zu einer Schuld bekannt haben.

In Ghosns Fall ist dies nun anders. Dem dritten Gesuch auf Freilassung gab das zuständige Tokioter Gericht statt, weil doch keine Fluchtgefahr bestehe. Nun will sein Anwaltsteam voll in die Offensive gehen und damit zumindest indirekt auch das Justizsystem anprangern.

Das wurde zuletzt auch von anderer Seite wieder verstärkt kritisiert. Stephen Givens etwa, Juraprofessor an der Sophia-Universität in Tokio, schrieb in einem Leitartikel für die Wirtschaftstageszeitung „Nihon Keizai Shimbun“, dass die Vorwürfe gegen Ghosn nach japanischem Recht keine Gefängnisstrafe rechtfertigen würden. Vermehrt ist zu hören, dass das Management von Nissan, das sich gegen eine von Ghosn geplante Fusion mit Renault sträubte, den Chef loswerden wollte und ihn deshalb auslieferte.

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