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Die meisten Stadionbesucher in Augsburg wünschen sich im Gegensatz zu Gauland Boateng als Nachbarn.

Gauland und Boateng

Gezielte Provokationen

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Die Funktionäre der AfD nutzen jede Gelegenheit, um Aufmerksamkeit für die Partei zu erlangen. Das reicht von Islamophobie beim Treffen mit Muslimen bis zu Rassismus bei Kommentaren über Nationalspieler.

Je brutaler, aggressiver und dröhnend dümmer ein Verhalten, desto größer die öffentliche Aufmerksamkeit, die sich damit erzielen lässt. Das weiß jedes um Prominenz buhlende Film-Starlet genauso wie der mörderische Terrorist, und das wissen auch die Spitzenfunktionäre der AfD, die mit immer brutaleren, aggressiveren und dröhnend dümmeren Sprüchen inzwischen wöchentlich die Medien in Wallung versetzen.

Das Verfahren ist nicht neu, es beruht auf einer elementaren Einsicht aus den Anfängen der PR-Branche in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, wonach das Ziel darin bestehen müsse, „to get free newspaper space“ (kostenlose Berichterstattung in der Presse zu bekommen). Einen bis dahin einmaligen Reklameerfolg erzielte beispielsweise 1926 in New York eine Tänzerin, die von einem Gericht zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, weil sie in Gegenwart einer angeblich gediegenen Herrengesellschaft in Sekt gebadet hatte. Die Boulevard-Presse hatte darüber erwartungsgemäß in großer Aufmachung berichtet, die Aufführungen der Tänzerin am Broadway waren ausverkauft.

Die Funktionäre der AfD baden nicht in Sekt, sondern in einer sich zunehmend bräunlich verfärbenden Brühe von Rassismus und Islamophobie. Aber die öffentliche Aufmerksamkeit, die sie damit erzielen, übertrifft die Broadway-Triumphe der unschicklichen Tänzerin bei weitem. Die Erfolge der Partei bestehen nicht nur darin, dass die Medien sich inzwischen derart hysterisch auf jede provokante Äußerung ihrer Funktionäre stürzen, als habe sich der Beelzebub persönlich zu Wort gemeldet. Nicht einmal ihr Abschneiden bei den vergangenen Landtagswahlen macht das Besondere ihrer Erfolge aus. Vielmehr ist es der AfD inzwischen gelungen, die Themen der öffentlichen Debatte zu bestimmen – gesprochen wird nicht mehr vor allem über die von Tod und Elend bedrohten Flüchtlinge an den Grenzen Europas, sondern vor allem von den „Positionen“ der AfD zur Flüchtlingsfrage, von denen eine ist, die schutzbedürftigen Menschen bei „illegalem“ Grenzübertritt gegebenenfalls erschießen zu lassen.

Petrys Strategie wird umgesetzt

Diese Erschießungsfantasie der AfD-Bundesvorsitzenden Frauke Petry war so wenig eine unbeabsichtigte Entgleisung wie die von ihrer Stellvertreterin Beatrix von Storch nachgeschobene Beteuerung, Frauen und Kinder von der Exekution nicht ausnehmen zu wollen. In beiden Fällen handelte es sich offenkundig um gezielte Provokationen, die der von Petry formulierten Strategie genau entsprechen. In einer E-Mail vom 7. März dieses Jahres an die „lieben Mitglieder und Förderer“ schrieb Petry: „Um sich medial Gehör zu verschaffen, sind daher pointierte, teilweise provokante Aussagen unerlässlich. Sie erst räumen uns die notwendige Aufmerksamkeit und das mediale Zeitfenster ein, um uns in Folge sachkundig und ausführlicher darzustellen.“ Von Sachkunde ganz gleich zu welcher Frage war bisher in der AfD nicht viel zu sehen, auch Frauke Petry macht sich jenseits brachialer Polemik mit sachkundigen Äußerungen rar. Aber „provokante Aussagen“ gelingen ihr und ihren Parteifreunden ohne Probleme.

Ob es sich um ein Treffen mit Vertretern des Zentralrats der Muslime handelt, das Petry ebenso geplant wie spektakulär platzen lässt, oder um die Anregung des rechtsradikalen thüringischen AfD-Landesvorsitzenden Bernd Höcke, mit dem rechtsextremen französischen Front National zu kooperieren, oder – wie jüngst – um die rassistische Äußerung Alexander Gaulands, Jérôme Boateng werde von den Leuten als Fußball-Nationalspieler geschätzt, jedoch als Nachbar vermieden – stets ist von „Skandal“ die Rede, weshalb die Medien in großer Aufmachung berichten und die sozialen Medien sich vor Erregung schier zu überschlagen drohen.

Natürlich würde die Strategie der AfD schlagartig scheitern, wenn die Medien die Partei und deren unappetitliches Gesülze mit verdienter Nichtbeachtung bestraften. Aber daran ist nicht zu denken. Denn den Gesetzen, die sich Petry und Co. zunutze machen, kann kein Medium entkommen. Und danach gilt, dass nicht derjenige die größte Aufmerksamkeit bekommt, der sie verdient (zum Beispiel die Flüchtlinge), sondern derjenige, der sie am lautesten verlangt. In der Lautstärke aber lässt sich die AfD derzeit von keiner anderen Partei übertreffen, von keiner „Altpartei“, wie die AfD-Funktionäre in der angemessenen terminologischen Nachfolge von Joseph Goebbels die demokratischen Parteien bezeichnen.

Die Medien sind dazu verurteilt, über die AfD zu berichten. Aber anders als die Presse der Weimarer Republik haben sie es – und haben es auch die demokratischen Parteien – in der Hand, die AfD bis zur Kenntlichkeit als eine Versammlung von Menschenfeinden zu entstellen. Zur „Lügenpresse“ wird die Presse erst durch die unkommentierte Verbreitung der Lügen der AfD.

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