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Blick in Baaders Zelle in Stammheim (aus dem WDR-Film "Die Propaganda der RAF").

RAF in der Popkultur

Der gewollte Irrtum

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Die RAF als Pop-Gespenst. Oder: Vom Nutzen oder Nachteil der Kunst für die Politik.

Die RAF musste sterben, damit sie im Pop endlich leben konnte. Ein unheimliches Begehren, als hätte man es nicht abwarten können: Noch bevor sich 1998 die Rote Armee Fraktion offiziell aufgelöst hatte, zeigte die dänische Frauenzeitschrift „Damernes Verden“ (zu deutsch: Welt der Damen) eine erstaunliche Bilderstrecke. Eine wilde Fantasie, eine fiktive Reportage: Unter dem Titel „Moden der Revolution“ stellen Baader-Meinhof-Lookalikes einige Szenen aus dem Innenleben der RAF nach, etwa ein konspiratives Treffen in einem Café. Dazu hieß es im Text, dass eine „Manifestation geplant wird, die klar herausstellen soll, dass es zu wenig Frieden in der Welt gibt. Ulrike trägt einen gelben Overall aus Baumwolle und Polyamid von Diesel für 1199 Kronen. Andreas eine gestreifte schwarze Strickjacke mit Polokragen von Martinique. Sie ist aus reiner Baumwolle und kostet 599 Kronen …“

Das ist Pop, nämlich die Übersetzung eines beliebigen Themas in ein ästhetisches, mehr oder weniger unterhaltsames und massentaugliches Format. Die Ausgabe von „Damenrads Verden“ erschien im März 1997 und nahm Bezug auf den 20. Jahrestag des „Deutschen Herbstes“. Ein historischer Anlass, der am Beispiel der Terroristin Ulrike Meinhof allerdings so „übersetzt“ wird: „Sie ist seit über zwanzig Jahren tot, aber die Revolution lebt immer noch. Auf jeden Fall in der Mode … Die wirkliche Ulrike wurde von ihren revolutionären Genossen im Stich gelassen, als sie damals – vor circa 25 Jahren – im Gefängnis landete. Hier nahm sie sich das Leben. Das glänzende Diesel-Hemd aus 100 Prozent Polyamid hat lila und gelbe Karos. Der Preis für dieses 70er-inspirierte Teil beträgt 699 Kronen.“ Dazu sehen wir ein Schwarz-Weiß-Foto mit traurig dreinschauender „Ulrike“ hinter Gittern. Es ist der Abschluss der Fotostrecke. 



Die Vermengung von Historie und Kommerz ist mustergültig, das heißt, der geschichtliche Kontext nur insoweit entsorgt, als die RAF nicht mehr als politisches Thema erscheint, aber immer noch zum moralischen Skandal taugt: Mit verkaufsfördernder Empörung wird hier gerechnet. In der Mode hat der italienischen Klamottenhersteller Benetton bereits mit den „authentischen“ Bildern von sterbenden Aids-Kranken oder ertrinkenden Flüchtlingen geworben – da ist eine RAF, schließlich wurde hier gemordet, die nächstbeste Steigerung. Das Düsseldorfer Modemagazin „Tussi Deluxe“ jedenfalls veröffentlichte 2002 unter dem Titel „RAF-Parade“ eine 22 Seiten lange Bilderstrecke und feierte den neuen Terror-Chic, die Illustrierte „Max“ druckte die Mordsbilder nach und rief begeistert: „Die Zeit ist reif für RAF-Popstars!“ Damit war’s ausgesprochen: RAF ist Pop. 

Die Hamburger Boutique „Manege und Knechte Elternhaus“ prägte den eingängigsten Slogan zu dieser Schreckensmelange, als sie ihre T-Shirts mit „Prada Meinhof“ labelte. Doch hatte man die RAF nicht nur als Mittel zur Aufmerksamkeits- und verkaufsfördernden Provokation entdeckt. Manchem diente der authentische RAF-Impuls auch zur Rebellion, etwa Jan Delay, der in seinem 2001 veröffentlichten Lied „Die Söhne Stammheims“ beklagte: „Nun kämpfen die Menschen nur noch für Hunde und Benzin, folgen Jürgen und Zlatko und nicht mehr Baader und Ensslin.“ Ja, das falsche Leben spielte jetzt im TV-Container von „Big Brother“ und war schlechter Pop geworden. Allerdings machte Delays polemische Gegenüberstellung nicht Jürgen und Zlatko zu Stadtguerillas, sondern Andreas Baader und Gudrun Ensslin post mortem zu Container-Bewohnern. Aus dem Pop-Dispositiv gibt’s kein Entkommen. 

Da hatte der Schriftsteller John von Düffel bereits eine sehr viel genauere Vorstellung von dem Heilsversprechen der RAF formuliert. In einem Interview der „Zeit“ erkannte er 2000 die enorme Kraft, die von Menschen ausgehe, die für ihre Überzeugung zu sterben bereit sind: Das habe „auch etwas Großes, Unbedingtes, Absolutes. Also Mythisches. Wie im Kino … Da gibt es Entführung, Flucht, Untergrund – das Land zu RAF-Zeiten war der letzte große Abenteuerspielplatz der deutschen Geschichte.“

Die Filmbilder dazu drehte 2002 Christopher Roth mit „Baader“ und präsentierte einen Dandy in Seidenhosen: Andreas Baader mit cooler Sonnenbrille, lässiger Kippe im Mund, ein todessehnsüchtiger Frauenheld, der im Kugelhagel der Polizei sein Hollywood-Ende findet. Seinen Märtyrer-Tod für die gute Sache stirbt, die allein deswegen gut ist, weil er für sie zu sterben bereit war. In aller Schönheit. 

Der frivole Einzug der schrillen RAF-Pose in die Pop-Kultur um die Jahrtausendwende geriet dann doch alsbald ins Stocken. Vielleicht unter dem Eindruck der Terroranschläge des 11. Septembers und des folgenden „Krieges gegen den Terror“ der USA – die Gewalt rückte ja dadurch wieder bedenklich nahe. Nur wenige, wie etwa der Komponist Karlheinz Stockhausen, waren schon wieder auf der Suche nach dem nächsten großen Ding und wollten in den brennenden und stürzenden Türmen des New Yorker World Trade Centers „das größte Kunstwerk, das es je gegeben hat“ entdeckt haben. Allerdings wirkte diese Koketterie mit dem Ungeheuerlichen, obwohl sie den Pop-inhärenten, alles verschlingenden Ästhetizismus durchaus konsequent weiterdachte, eher abschreckend. Und sollte erst einige Jahre später eine ganz andere Terror-Jugend faszinieren: den Nachwuchs von Al-Qaida und Islamischem Staat (IS). 

Bands lieferten den affirmativen Soundtrack

Zu der suizidalen Sehnsucht der RAF-Hipster gab es indes auch einige bedächtige, alles andere als jubilatorische Gegenentwürfe. Erinnert sei nur an die Filme von Andres Veiel („Black Box BRD“/siehe Interview S. 12) und Christian Petzold („Die innere Sicherheit“) sowie Klaus Biesenbachs Ausstellung „Zur Vorstellung des Terrors“ in den Berliner Kunst-Werken. Hier fand die kritische Reflexion der rückstandsfreien Übersetzung des Terrors in Pop-Zeichen statt. Sie wurde fassbar als bloß ästhetisierende, das heißt: als enthistorisierende und -politisierende, den Terror gegen alle historische und politische Vernunft idealisierende und damit zugleich bagatellisierende Pose. Im besten Falle, denn im schlimmsten erwies sich die Ästhetisierung des Politischen als faschistoide Überwältigungsfantasie, als Endlösungsspektakel, das mit der Zivilisation und ihren Standards bricht. Die Selbstbefreiung von aller Verantwortung. 

Fassbar wurde auch eine wichtige Unterscheidung. Schließlich hatte es eine „RAF im Pop“ schon zu Terrorzeiten gegeben, besonders im Punk: Bands wie Ton Steine Scherben („Der Kampf geht weiter“), Mittagspause („Derendorf“), S.Y.P.H. („Klammheimlich“), Slime („Gerechtigkeit“), WIZO („Kopfschuss“), Die Goldenen Zitronen („6 gegen 60 Millionen“) und etliche andere lieferten den mehr oder weniger distanzierten, in der Tendenz jedoch affirmativen Soundtrack zum Terror. So kritikwürdig die hier verhandelten Positionen auch sind, riss ihnen gegenüber die „RAF als Pop“ eine ganz andere Dimension auf: Sie verstand sich nicht mehr als politischer Kommentar, sondern als ästhetisches Statement. Als gewollter Irrtum. Als blanker Zynismus. Und die mit ihm einhergehende Entleerung wird der eigentliche Grund für das schnelle Ende des RAF-Hypes gewesen sein: Das Thema war schlicht ausgelutscht. 

Dabei ist da noch etwas zu lernen. Und das hat mit der Versuchung, die RAF zu Popstars zu verklären, durchaus zu tun: War die RAF nicht irgendwie auch eine Pop-Band? Dem ersten Anschein nach ließe sich ihr Sympathisanten-Umfeld, ihre in klammheimlicher Freude verschworene Anhängerschaft doch als Fan-Base verstehen. Und ein schnelles und kurzes, vor seiner Zeit beendetes Leben, die Todesnähe als Feier juveniler Lebenskraft à la Baader und Ensslin – das wäre eines Popstars doch allemal würdig. Die Terroristen sollte auch die geschickte Nutzung der Massenmedien, über die sie zuletzt bei der Entführung Hanns Martin Schleyers via „Tagesschau“ ein Millionenpublikum erreichten,  zu Celebrities machen. Das einprägsame Logo mit rotem Fünfzack, schwarzer Heckler & Koch und den weißen Buchstaben taugte doch für endlose Verwertungsketten … 

Nicht vorgesehen war die Vermittlung ins Konkrete

Das alles ist aber nur Oberfläche. Als viel aufschlussreicher erweisen sich die Pamphlete der RAF, ihre Bekennerschreiben und Kampfschriften: Es sind selbstzweckhafte, also vor allem der Selbstverständigung dienende Texte einer Gruppe und ihres Milieus; sie richten sich gerade nicht an die proletarischen Massen oder ein anderes wirkmächtiges Subjekt der Geschichte, das für sich zu gewinnen allerdings die Voraussetzung für eine gesellschaftliche Umwälzung gewesen wäre. Nur konsequent war dann das RAF-Konzept der „Stadtguerilla“ mit dem Ziel, die revolutionären Verhältnisse erst herbeizubomben. Konsequent deswegen, weil der normativ hypertrophe, eben revolutionäre Überschuss einer krypto-marxistischen Ideologie sich nur gewalttätig entladen konnte. Die Vermittlung ans Konkrete war hier gar nicht mehr vorgesehen. Philosophisch gesagt: Die RAF hatte ein Anschlussproblem.

Das irritierende, faszinierende Flirren der RAF rührt von diesem ideologischen Überschuss her, der, wenn er nicht als Treppenwitz der Geschichte verstummen will, kaum anders als in seiner rückhaltlosen Ästhetisierung aufzuheben ist. Und sich dann mit Angst und Schrecken, schockierend und rücksichtslos seine Bahn bricht: ganz analog zum Kunstwerk, das, weil es absolut gelten will, nichts neben sich dulden darf und deshalb vom anderen seiner selbst, dem Lebendigen, die Unterwerfung fordern muss, eine abstrakte Negation – den Tod. Die RAF gehört, ihr Selbstverständnis zu Ende gedacht, ins Reich der Ästhetik. Das und nicht etwa, dass sie eine linksterroristische Mörderbande war, macht sie politisch gefährlich. Bis heute: als Role-Model, als Passepartout für ganz andere Mörderbanden. Das aber hat mit Pop nichts mehr zu tun, sondern betrifft das Prinzip aller totalitären Bewegungen.

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