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US-Vizepräsident Mike Pence (Mitte) reitet mit Innenminister Ryan Zinke (l.) durch die grüne Landschaft Montanas.

Wahlkampf in Montana

Gewehr oder Gitarre?

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Ein singender Cowboy gegen einen millionenschweren Trump-Fan: Die Nachwahl im US-Bundesstaat Montana wird zum Stimmungstest für den Präsidenten.

Zuerst erspäht man in der Menschenmenge einen weißen Cowboyhut. Dann einen Schnurrbart in einem freundlich zerknitterten Gesicht. Händeschüttelnd bahnt sich Rob Quist den Weg zum Mikrofon. Das also ist der Mann, der angeblich auf Nacktpartys abstürzt, seine Steuern nicht zahlt, den Rinderfarmern ihre Waffen abnehmen und den Sozialismus nach Montana bringen will. Dabei sieht er aus wie der vertrauenerweckende Mann aus der Marlboro-Werbung.

Es gibt wenig, was die Republikaner in den endlosen Weiten des viertgrößten US-Bundesstaates dem demokratischen Kongresskandidaten nicht nachsagen. „Neuerdings behaupten sie, ich stiege mit Nancy Pelosi ins Bett“, erzählt der 69-Jährige schmunzelnd. Pelosi ist die Fraktionschefin der Demokraten in dem sieben Flugstunden entfernten Bürokratensumpf von Washington – und Hassfigur aller Konservativen. „Also, ich kann mich daran nicht erinnern“, fügt Quist mit einem schiefen Lächeln hinzu.

Der Scherz ist nicht politisch korrekt, aber das Publikum lacht und klatscht trotzdem. Im „Taproom“, einer Bierkneipe in Bozeman, der entspannten Kleinstadt am Fuße der schneebedeckten Galatin-Berge, ist man an diesem Abend unter sich: Die Männer tragen Bärte oder Pferdeschwänze, die Frauen lange Baumwollröcke. An den Wänden des Lokals hängen Snowboards und Skier. Hier im alternativ angehauchten Outdoor-Paradies erwartet niemand diplomatisch gedrechselte Vorträge. Und Quist ist kein typischer Politiker – genau deshalb mag man den Außenseiter-Kandidaten, der im Rennen um die Neubesetzung des einzigen Repräsentantenhaus-Mandats des Staates die Republikaner plötzlich das Fürchten lehrt.

Mit 20 Prozentpunkten Vorsprung hatte Donald Trump bei der Präsidentenwahl im November in Montana einen klaren Sieg eingefahren. Doch vor der Nachwahl am 25. Mai ist der Abstand zwischen dem republikanischen und dem demokratischen Bewerber in den Umfragen auf sechs Punkte geschrumpft. Nach den Turbulenzen und Affären der vergangenen Wochen ist die Abstimmung in Montana ein Stimmungstest für die Trump-Regierung. Starke Einbußen würden viele Abgeordnete im Kongress nervös machen, die im nächsten Jahr um ihre Wiederwahl fürchten müssen. Trump müsste um ihre Loyalität bangen. Und sollte ausgerechnet im ländlichen Montana, das bislang auf den Karten der linksliberalen Wahlstrategen gar nicht vorkam, der Demokrat stark abschneiden, wäre das mehr als ein Fingerzeig für die Spitze seiner orientierungslosen Partei: Graswurzel schlägt Establishment. Durch eine Vielzahl von Kleinspenden verfügt Quist mittlerweile über einen größeren Etat als sein Gegenbewerber Greg Gianforte, der von wirtschaftsnahen Großspendern und der Waffenlobby National Rifle Association (NRA) unterstützt wird.

Der weiße Cowboyhut, das Halstuch über dem dunklen Hemd und die Stiefel unter der schwarzen Jeans sind mehr als Requisite: Quist wuchs auf einer Ranch an der kanadischen Grenze auf. In den Nachwehen des legendären Woodstock-Festivals gründete er 1971 als Student die „Mission Mountain Wood Band“ und verdient seither – inzwischen solo mit Banjo und Gitarre – sein Geld als erfolgreicher Country-Rock- und Folkmusiker.

Bodenständig und naturverbunden – so muss ein Politiker sein, der in Montana Erfolg haben will. Hier am Rande der Rocky Mountains treiben sich Bulle und Bär nicht an der Börse, sondern auf endlosen Weiden und in den Kieferwäldern herum. In den klaren Flüssen angeln Fliegenfischer nach Forellen. Gerade mal eine Million Menschen verlieren sich auf einer Fläche, die größer als Deutschland ist.

So sieht das ländliche Amerika aus, das sich bei den Präsidentschaftswahlen in Scharen von den Demokraten abgewandt hat. Angeln, Klettern und Skifahren gibt auch der republikanische Kandidat Gianforte als seine liebsten Freizeitbeschäftigungen an. Doch ansonsten könnten die Kontrahenten unterschiedlicher kaum sein. „Wir brauchen nicht noch einen weiteren Millionär im Kongress!“, ruft Quist seinen Zuhörern in Anspielung auf den Reichtum des Software-Unternehmers Gianforte zu, der seine Firma 2011 für 1,5 Milliarden Dollar an den Computerriesen Oracle verkaufte. Umgekehrt stellen die Republikaner Quist, der nach einer schweren Gallenoperation vor ein paar Jahren mit der Steuer in Verzug geriet, als unseriösen Geschäftsmann dar. Sein Vermögen mache ihn unabhängig, behauptet Gianforte: Quist hingegen sei von den verhassten Demokraten in Washington abhängig.

Die Realität sieht etwas anders aus. Angesichts sinkender Umfragewerte hat der Republikaner alles an nationaler Unterstützung mobilisiert, was er bekommen konnte: Selbst Vizepräsident Mike Pence ist mit Innenminister Ryan Zinke, dessen Parlamentssitz in der Wahl nachzubesetzen ist, zu einer Kundgebung eingeflogen. Vorher hat er sich in einem Indianerreservat auf ein Pferd geschwungen. Das gab einen Aufmacher und ein schönes Titelbild in der „Billings Gazette“. Und auch Donald Trump junior, der älteste Sohn des Präsidenten, mischt in Montana ein paar hundert Meilen westlich kräftig mit.

Das kleine Butte hat schon bessere Zeiten gesehen. Vor 35 Jahren wurde die letzte Mine im einstigen Zentrum des Kupferbergbaus geschlossen. Geblieben sind rostige Fördertürme, eine riesige Grube mit giftigem Wasser und abgeschürfte Berge, die den Besucher wie offene Wunden in der Landschaft empfangen. Das stolze Rathaus mit dem roten Turm in der menschenleeren Innenstadt ist längst geschlossen. Tourismus gibt es kaum, die Farmer im Umland leben von der Rinderzucht.

Etwas außerhalb, auf dem Gelände eines Autoteilehändlers, warten rund 200 Menschen. Die Männer tragen Cowboyhüte und Basecaps, die Frauen haben sich herausgeputzt. Es gibt Donuts und Kaffee und ein Zeltdach zum Schutz vor der Sonne. „Rückt näher zusammen hier vor den Kameras, damit wir nicht wie eine kleine Gruppe aussehen“, fordert ein Organisator die Zuhörer auf. Immerhin kommt Donald Trump junior zur Kundgebung der Republikaner.

Draußen an der Straße haben sich hundert Demonstranten aufgereiht. „You are the swamp“ (Ihr seid der Sumpf), „Fight Trump! Fight for Democracy!“ (Kämpft gegen Trump und für die Demokratie) oder „Save our Public Land“ (Rettet unsere Natur) steht auf ihren Schildern. Als Gianforte schließlich in einem kleinen Konvoi anrollt, hat er neben Trump auch noch Chris Cox, den Geschäftsführer der Waffenlobby NRA, zur Unterstützung mitgebracht. Die NRA hat beide Kandidaten bewertet: Gianforte erhielt ein „A“-Rating, Quist ein „F“, weil er seit drei Jahren seinen Jagdschein nicht verlängert hat. „Neulich rief mich so ein Ostküstenreporter an“, setzt Gianforte gleich süffisant an. „Er fragte: Wie viele G...G…G…ewehre haben Sie? Er konnte das Wort nicht einmal aussprechen!“ Das Publikum ist bester Laune. „Ich sagte: Ein paar Dutzend. Aber die richtige Antwort ist immer: noch eins mehr“, schießt Gianforte seine Pointe ab. Die Zuhörer johlen. Und buhen, als der Redner behauptet, sein Gegenkandidat wolle ihnen die Waffen wegnehmen.

Ein bisschen Wettern gegen illegale Einwanderer (obwohl es in Montana kaum Latinos gibt), kräftige Streicheleinheiten für das Militär und das Versprechen, Trump werde die Steuern senken – so einfach ist die Rede gestrickt. Doch nun kommt der Höhepunkt – der Sohn des Präsidenten erweist dem 30 000-Seelen-Kaff die Ehre. Anzug und Krawatte habe er zu Hause gelassen, denn er wolle noch Jagen und Fischen gehen, sagt Trump junior. Das kommt schon einmal gut an. Er preist den Kandidaten als Unternehmer mit gesundem Menschenverstand – ganz im Gegensatz zu anderen Kräften. „Die Presse ist verrückt geworden“, wettert der Sohn ganz wie der Vater. Und erst die Linksliberalen in Los Angeles und New York: „Die Demokraten pumpen hier jede Menge Geld herein“, warnt er. Es gehe darum, die Arbeit seines Vaters zu sabotieren: „Er macht das alles, weil er das Land liebt. Denen geht es nur um die Macht.“ Der Beifall ist ordentlich, wenn auch nicht euphorisch. Anschließend posiert Trump junior mit eingefrorenem Lächeln zwanzig Minuten lang für Selfie-Fotos.

Liebe zum Land gegen Machthunger? Das ist eine bemerkenswerte Beschreibung eines Duells, bei dem ein steinreicher Unternehmer gegen einen linken Musiker antritt, der gegen Privatisierungen und für höhere Mindestlöhne kämpft. Auch manches andere ist schräg an der Negativ-Kampagne der Republikaner gegen Quist. So hat sich der Kandidat niemals für ein Waffenverbot, sondern nur für die Registrierung automatischer Gewehre ausgesprochen. Auch war er bei keiner Sexparty, sondern ist als Musiker mit Kleidung einmal in einem FKK-Camp aufgetreten. Ein U-Boot der Demokraten in Washington ist er ganz sicher auch nicht. Auf die Frage nach seinem Verhältnis zur Bundespartei antwortet er: „Ich habe keins. Wir machen hier unser eigenes Ding.“ Die Unterstützung seiner nationalen Partei hat Quist dankbar abgelehnt. Er holt alleine Bernie Sanders, den linken Senator von Vermont und einstigen Gegenspieler von Hillary Clinton, ins Land: „Er ist ein Mann des Volkes und steht gegen die Konzerne, die Washington schon viel zu lange kontrollieren.“

Zurück zum „Taproom“ in Bozeman: Quists Rede ist kurz: Er spricht über den Schutz der öffentlichen Wälder, Berge und Flüsse vor dem Zugriff privater Investoren, die den Zugang beschränken und die rohstoffreichen Böden ausbeuten wollten. „Mein Gegenkandidat will das Land privatisieren“, warnt Quist: „Das ist ein Kampf um die Seele Montanas!“ Da gibt es großen Beifall. Auch das Plädoyer des Demokraten für das Recht auf Abtreibung und die Unterstützung der Schwangerschaftsberatung durch Planned Parenthood findet viel Unterstützung. Am Ende spielt Quist noch seinen Wahlkampfsong „Stand with me, Montana, and I will stand up for you!“ – ein leicht pathetisch klingender Aufruf zur Solidarität.

„Wir müssen mehr denn je zusammenstehen und unsere Führer zur Verantwortung ziehen!“, ruft Quist schon im Abgang seinen Anhängern zu. Es ist das einzige Mal, dass er zumindest indirekt Bezug auf Trump nimmt. Für ein gutes Ergebnis ist er auch auf Stimmen von unabhängigen Wählern angewiesen. Deshalb will er eine weitere Polarisierung vermeiden. Allerdings spielt Trumps geplante Gesundheitsreform im Wahlkampf eine große Rolle. Auch in Montana würden Zehntausende ihren Gesundheitsschutz verlieren. „Niemand sollte in den finanziellen Ruin getrieben werden, weil er krank wird“, argumentiert Quist in den sozialen Medien unter Bezug auf seine eigene Geschichte: „Das ist keine Frage von rechts oder links!“ Sein Gegner Gianforte hat es nicht ganz so einfach. In Interviews daheim erklärt er regelmäßig ausweichend, er könne sich noch kein Urteil erlauben, da er die Details nicht kenne. Doch als Kreationist, der ernsthaft behauptet, die Erde sei vor 6000 Jahren geschaffen worden, hält er wenig vom Sozialstaat: Noah habe auch keine Altersvorsorge gebraucht, soll er vor einiger Zeit erklärt haben. Und nun ist auch noch der Mitschnitt einer Telefonkonferenz mit Lobbyisten in Washington aufgetaucht, bei der Gianforte erklärt: „Ich bin dankbar, dass wir jetzt das Gesundheitsding durchkriegen.“

Sollte der Graswurzel-Politiker Quist tatsächlich zum ersten Mal seit 1996 den riesigen Wahlkreis holen oder zumindest – wie schon seine Kollegen in Kansas und Georgia – deutlich besser abschneiden als erwartet, würde das Beben auch in Washington zu spüren sein. Zwar änderte sich an den Mehrheitsverhältnissen im Abgeordnetenhaus vorerst nichts. Aber die psychologische Wirkung auf die Republikaner wäre eindringlich: Trump hilft nicht. Er schadet.

Unermüdlich kurvt Quist auch deshalb mit seinem Wohnwagen durch das Land und sucht das persönliche Gespräch. „Das Pendel ist weit nach rechts ausgeschlagen. Ich möchte Teil der Bewegung sein, die es zurückholt“, sagt er. Derweil warnt sein Gegner Gianforte eindringlich: „Die Demokraten wollen uns den Sitz wegnehmen, um den Trump-Zug zu stoppen und die Steuerreform zu verhindern.“

So endlos der sprichwörtliche „Große Himmel“ über Montana ist – am Boden ist der Bergstaat tief gespalten.

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