Armenische Freiwillige bereiten sich auf den Kampfeinsatz in Berg-Karabach vor.
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Armenische Freiwillige bereiten sich auf den Kampfeinsatz in Berg-Karabach vor.

Konflikt in Berg-Karabach

Gewalt im Südkaukasus eskaliert

  • Christian Esch
    vonChristian Esch
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Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Kaukasusregion Berg-Karabach eskaliert. Beide Seiten bezifferten die Verluste des Gegners großzügig mit mehreren Hundert Soldaten, auch Zivilisten wurden getötet.

Einen „Großen Sieg“ hat der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew seinem Volk verkündet. Am Sonntag sprach er auf einer im Fernsehen übertragenen Sitzung des Sicherheitsrats über den Vormarsch, den seine Armee in den vergangenen Tagen in Berg-Karabach vermeldet hatte. Der schwelende Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region, die zwar aserbaidschanischem Staatsgebiet zugerechnet, aber de facto von Armenien kontrolliert wird, war am Wochenende eskaliert. Es sind die heftigsten Kämpfe seit mehr als zwei Jahrzehnten – seit dem Jahr 1994, als ein Waffenstillstand die faktische Abspaltung Berg-Karabachs besiegelt hatte.

Was am Wochenende genau geschehen ist, und wie es angefangen hat, ist umstritten. Aber aus den widersprüchlichen Meldungen kann man einen „Großen Sieg“ Aserbaidschans kaum herauslesen. Am Samstag hatte das aserbaidschanische Militär gemeldet, es habe – als Antwort auf einen nächtlichen Beschuss von armenischer Seite – feindliche Verteidigungslinien durchbrochen und mehrere „strategische Höhen“ genommen. Dabei habe man einen Mi-24-Kampfhubschrauber verloren sowie einen Panzer, zwölf Soldaten seien getötet worden. Die armenische Seite wiederum meldete 18 Tote und 35 Verwundete in den eigenen Reihen. Sie sprach aber auch von der Rückeroberung einer der eingenommenen Höhen. Beide Seiten bezifferten die Verluste des Gegners großzügig mit mehreren Hundert Soldaten. Auch Zivilisten wurden getötet und verletzt.

Scharmützel hat es an der Frontlinie um die armenisch kontrollierten Gebiete immer wieder gegeben, und in steigendem Maße. Die neue Eskalation unterscheidet sich nicht nur durch die Zahl der Opfer, sondern durch die Waffen. Aserbaidschan hat nach armenischen Angaben erstmals schwere Raketenwerfer eingesetzt. Noch am Sonntagmittag sei damit auf die Stadt Martakert geschossen worden, erfuhr das russische Nachrichtenportal kavkaz-uzel.ru von den Behörden der international nicht anerkannten „Republik Berg-Karabach“. Damit widersprach die armenische Seite der Ankündigung Bakus am Sonntag, man habe das Feuer einseitig eingestellt.

Präsidenten mahnten Dialog an

Pikanterweise hatten sowohl Aserbaidschans Präsident Alijew als auch sein armenischer Amtskollege Sersch Sargsjan noch am 31. März in Washington US-Vizepräsident Joe Biden getroffen; der hatte beiden gegenüber seine „Sorge über die anhaltende Gewalt“ ausgedrückt und zum Dialog aufgerufen. Nur einen Tag später, die Staatschefs waren noch nicht zurück im Südkaukasus, eskalierte der Konflikt.

Mehr Einfluss auf die Lage als Washington dürfte Moskau haben. Präsident Wladimir Putin forderte am Samstag beide Seiten über seinen Sprecher auf, das Feuer sofort einzustellen. Russlands Außen- und Verteidigungsminister telefonierten mit ihren Amtskollegen in Jerewan und Baku.

Armenien ist Moskaus engster Verbündeter in der Region. Russland unterhält dort einen großen Truppenstützpunkt, und Armenien ist Mitglied der „Organisation des Vertrags für Kollektive Sicherheit“, einem Moskauer Militärbündnis. Eine vorsichtige Annäherung Armeniens an die EU hat Moskau 2013 durch die Androhung höherer Gaspreise beendet.

Allerdings hat sich auch Aserbaidschan, das traditionell eher auf den Westen ausgerichtet ist und dort sein Öl und Gas absetzt, zuletzt Moskau angenähert. Westliche Kritik am autoritären Kurs Alijews hat dazu beigetragen ebenso wie die großzügigen Waffenlieferungen Moskaus. Aserbaidschan hat während des Ölbooms seine Armee deutlich aufgerüstet und russische Waffen im Wert von mehreren Milliarden Dollar importiert, darunter Kampfpanzer und Raketenwerfer. Bakus Militäretat von 3,7 Milliarden Dollar überstieg 2013 deutlich den gesamten armenischen Staatshaushalt, wie Präsident Alijew stolz verkündete. Russland rüstet beide Seiten auf, wenn auch zu unterschiedlichen Konditionen – das verbündete und ärmere Armenien erhält von Moskau Preisnachlässe.

Eindeutig auf die Seite Bakus schlug sich die Türkei, die mit Aserbaidschan historisch und sprachlich eng verbunden ist. „Wir verurteilen das Artilleriefeuer, das entlang der Kontaktlinie auf Aserbaidschan gerichtet wurde, und die Angriffe Armeniens auch gegen die Zivilbevölkerung in der Nacht auf den 2. April“, heißt es in einer Stellungnahme des Außenministeriums. Präsident Erdogan sagte Aserbaidschan die Unterstützung „bis zum Ende“ zu und kritisierte die Untätigkeit der Vorsitzenden der Minsker Gruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Die Gruppe soll unter dem Vorsitz von USA, Russland und Frankreich eine friedliche Lösung des Karabach-Konflikts bewirken und ist dabei seit Jahren nicht vorangekommen.

Das ist schmerzlich für beide Seiten, vor allem aber für Aserbaidschan. Während Armenien mit dem Erhalt des Status quo zufrieden ist, schwindet in Baku die Hoffnung auf eine Rückkehr der verlorenen Gebiete. Zu diesen gehört nicht nur das, was schon zu Sowjetzeiten als „Autonomes Gebiet Berg-Karabach“ einen Sonderstatus hatte und mehrheitlich armenisch besiedelt war. Unter armenischer Kontrolle ist außerdem eine ebenso große Pufferzone, deren frühere Bewohner vertrieben wurden oder geflüchtet sind. Insgesamt kontrolliert Armenien seit zwei Jahrzehnten ein Siebtel des aserbaidschanischen Territoriums.

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