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Ausnahmezustand in Mexiko: Die „Maus“ geht in die Falle

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Von: Klaus Ehringfeld

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Die Festnahme eines Sohnes des Drogenkönigs „El Chapo“ führt zu Chaos und tödlicher Gewalt in Mexiko. Die Mafia terrorisiert zwölf Stunden lang eine ganze Stadt.

Culiacán – Der Zugriff erfolgte am Donnerstag im Morgengrauen. Im Dorf Jesús Maria, 35 Kilometer nördlich von Culiacán, der Hauptstadt des Bundesstaates Sinaloa, ging Einheiten der mexikanischen Marine und Nationalgarde Ovidio Guzmán, einer der Söhne des legendären Drogenbosses Joaquín „El Chapo“ Guzmán in die Falle. Guzmán junior – Spitzname „El Ratón“ oder „die Maus“ – ist einer der führenden Köpfe des Sinaloa-Kartells, auf das sowohl in Mexiko als auch den USA ein hohes Kopfgeld ausgesetzt war. Ovidio führt gemeinsam mit seinen Brüdern Iván Archivaldo und Jesús Alfredo eine der mächtigsten Fraktionen des größten Verbrecher-Syndikats Mexikos. Sie sollen nach US-Angaben monatlich bis zu 2,2 Tonnen Fentanyl herstellen und den Großteil davon in die Vereinigten Staaten schmuggeln.

Sechs Monate verfolgten US- und mexikanische Geheimdienste offenbar die „Maus“. Der Zugriff jetzt gilt kaum als Zufall: Am Montag treffen US-Präsident Joe Biden und Kanadas Premierminister Justin Trudeau in Mexiko zu einem Nordamerika-Gipfel ein. Und Guzmán, für den die USA ein Auslieferungsgesuch gestellt haben, ist wohl so etwas wie ein Willkommensgeschenk.

Mexiko: Culiacán wurde 2019 schon einmal terrorisiert

Aber Mexikos Staatschef Andrés Manuel López Obrador hatte auch noch eine Rechnung offen mit dem 32-Jährigen. Im Oktober 2019 nahmen die Sicherheitskräfte „El Ratón“ erstmals fest – und ließen ihn wenige Stunden später wieder laufen. Denn nach der Festnahme hatte das Sinaloa-Kartell die Millionenstadt Culiacán terrorisiert und in einen Kriegsschauplatz verwandelt. López Obrador knickte daraufhin ein. Diese Schmach wollte der Präsident ganz sicher tilgen.

Auch jetzt versuchte das Kartell mit all seiner paramilitärischen Macht, die Verlegung von Ovidio Guzmán nach Mexiko-Stadt zu verhindern, und übernahm noch am Donnerstag für zwölf Stunden ganz Culiacán: brennende Barrikaden, Straßensperren, Überfälle und Schießereien. In den sozialen Netzwerken kursierten schnell Fotos und Videos von brennenden Autos und LKW und Gefechten. Scharfschützen der Mafia nahmen militärische wie zivile Flugzeuge unter Beschuss, um zu verhindern, dass Guzmán ausgeflogen wird. Panik brach am Flughafen in Culiacán aus, woraufhin auch die Flughäfen in anderen Teilen Sinaloas geschlossen wurden. Die Schulen blieben geschlossen, die Regierung ordnete einen arbeitsfreien Tag an. Krankenhäuser verrammelten ihre Pforten.

Patrouille der Nationalgarde im brennenden Culiacán. Marcos Vizcarra/AFP
Patrouille der Nationalgarde im brennenden Culiacán. Marcos Vizcarra/AFP © Marcos Vizcarra/afp

So konnte man wieder mal sehen, dass eigentlich die Kartelle in Sinaloa die Macht haben. Nach Angaben von Verteidigungsminister Luis Cresencio Sandoval wurden bei den Gefechten zehn Militärangehörige und 19 „Gesetzesbrecher“ getötet. Dem Militär gelang es erst am Nachmittag, Guzmán junior in die Hauptstadt auszufliegen. Dort soll er nun auf einem Militärstützpunkt sein.

Das US-Außenministerium hatte fünf Millionen Dollar auf ihn ausgesetzt. Ein Gericht in Washington erhob 2018 Anklage wegen Drogenschmuggels gegen „El Ratón“. Diese sehr mexikanische und sehr reale „Räuberpistole“ endet mit einem – blutigen – Punktsieg für die Regierung.

Mexiko: Kartell verteilt bei Prozession ganz ungeniert Geschenke an Kinder

Die Festnahme stärkt für den Augenblick das Ansehen von López Obrador, dem in den vergangenen Monaten zunehmend die Kontrolle über sein Land entglitt. Besonders die Tage seit Weihnachten waren erneut gezeichnet von Kaprizen der Kartelle und Machtdemonstrationen der Mafias: In Mexiko-Stadt wurde auf einen der bekanntesten Journalisten des Landes ein Attentat verübt, das er nur aufgrund seines gepanzerten Fahrzeugs überlebte. Fast gleichzeitig verteilte das Kartell „Jalisco Nueva Generación“ in der Millionenmetropole Guadalajara in einer Prozession ganz ungestört Weihnachtsgeschenke und erfreute so Hunderte von Kindern und ihre armen Familien. Und zu Neujahr zeigten die Kartelle in der Grenzstadt Ciudad Juárez, dass sie auch machen können, was sie wollen, als sie mit gepanzerten Fahrzeugen vor der Haftanstalt auffuhren und das Feuer eröffneten. 24 Inhaftierte konnten flüchten.

Jeden Tag werden in Mexiko etwa 100 Morde verübt, mehr als 100 000 Menschen gelten als vermisst, 33 000 verschwanden allein während der aktuellen Regierung. Im vierten Jahr in Folge ist Mexiko das gefährlichste Land auf der Welt für die Medien – außerhalb von Kriegsgebieten.

Mexiko: Obradors Strategie gescheitert

Der Linke López Obrador wurde 2018 gewählt, weil er versprach, der Gewalt ein Ende zu setzen. Seine Vorgänger hatten versucht, die Kartelle durch die Streitkräfte in die Knie zu zwingen, was nur zu noch mehr Blutvergießen führte. Der Neue hingegen trat mit einem völlig anderen Ansatz an: „Abrazos no balazos“: Umarmungen statt Kugeln. Prävention statt Repression sollte besonders junge Leute vor den Verführungen der Kartelle bewahren. Stipendienangebote und Straferlass gehörten dazu.

Diese Strategie ist offensichtlich krachend gescheitert. Immer größere Teile Mexikos sind in den Händen der Kartelle. „Die Situation ist unhaltbar“, warnte der Arbeitgeberverband Coparmex. „Gleichgültigkeit auf allen Regierungsebenen“ verschärfe täglich die Lage im Land. (Klaus Ehringfeld/afp)

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