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Gebrüll und Rempelei

Ist unsere Gesellschaft aggressiver geworden? Ein Gespräch mit einer Soziologin

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Ist unsere Gesellschaft aggressiver geworden? Ein Gespräch mit der Professorin Koloma Beck. Sie ist Expertin für Konflikt- und Gewaltforschung.

Frau Koloma Beck, Eltern mit Kinderwagen, die angeblich zu viel Raum einnehmen, werden angebrüllt und beleidigt, Menschen rasten wegen Kleinigkeiten im Straßenverkehr aus – läuft hier gesellschaftlich etwas aus dem Ruder?
Wir könnten uns jetzt fragen, warum Eltern mit Kinderwagen auf der Straße heute anders behandelt werden als vor 50 Jahren. Das lässt sich empirisch nur sehr schwer beantworten. Aus soziologischer Sicht würde ich eine Frage vorlagern: Warum wissen wir überhaupt davon, dass so etwas passiert? Warum gilt das Verhalten von Autofahrern als Zeichen einer gesellschaftlichen Pathologie? Darüber, wie sich die Wahrnehmung solcher Phänomene und die Kommunikation darüber verändert hat und warum, kann man schon etwas sagen.

Und zwar?
Die modernen Gesellschaften der Gegenwart sind sensibler geworden für Verhaltensweisen, die als aggressiv wahrgenommen werden. Bestimmte Formen des Auftretens, des Verhaltens im Alltag, die lange Zeit als unproblematisch galten, werden mittlerweile als aggressives Verhalten gebrandmarkt, weil sich das Verhältnis von Gesellschaften zu Aggression und Gewalt ganz grundsätzlich verändert hat.

Sie meinen, die Aggressivität im öffentlichen Raum nimmt nicht tatsächlich zu, sondern ist eine Frage der Wahrnehmung?
Ich will überhaupt nicht bestreiten, dass es auch Dinge gibt, die zunehmen. Aber gerade was Alltagsaggression angeht, ist es nicht einfach herauszufinden, was genau sich da empirisch getan hat. Zahlen hat man vor allem zu Vorfällen, die in die Kriminalitätsstatistik eingehen.

Auch wenn mehr Aggressivität nicht ohne weiteres nachweisbar ist – viele Menschen empfinden das so. Laut einer Umfrage des Deutschen Beamtenbunds sagten kürzlich 83 Prozent der Befragten, der Umgang untereinander werde rücksichtsloser und brutaler. Basiert das weniger auf Fakten als auf diffusen Gefühlen?
Als Soziologin sage ich: Auch „diffuse Gefühle“ sind soziale Tatsachen. Wenn Menschen den Eindruck gewinnen, es wird unsicherer, macht das einen Unterschied. Denn sie beginnen, sich anders zu verhalten. Die Einsicht, dass sich das Empfinden nicht immer mit Statistiken und Studien deckt, heißt überhaupt nicht, das Problem wegzuschieben. Man muss fragen, wie dieses Empfinden zustande kommt.

Was glauben Sie?
Ich komme noch mal zu meinem Ausgangspunkt zurück: Vor kurzem las ich einen Beitrag, in dem die Mutter eines Kindes, das im Rollstuhl sitzt, beschrieb, wie sie sich durch den Alltag in einer Großstadt kämpft und auf viele ignorante oder sie sogar aktiv behindernde Menschen trifft. Dass so eine Geschichte uns überhaupt interessiert, dass sie relevant ist, ist Ausdruck einer Veränderung, die in den letzten 150 Jahren stattgefunden hat. Als Mensch mit körperlichen Einschränkungen von anderen zusätzlich behindert zu werden, gilt nicht mehr als Schicksal, sondern als ein Angriff auf die Menschenwürde. Und die ist von der Verfassung geschützt.

Könnte es sein, dass dieses Empfinden, sich in seiner Würde nicht ausreichend beachtet zu fühlen, einen sich selbst verstärkenden Effekt auslöst – verhält sich also, wer einmal aggressiv angegangen wurde, bei der nächsten Gelegenheit auf der Straße auch aggressiver als vorher?
Was man mit Sicherheit sagen kann, ist, dass sich Konfliktpotenziale vervielfältigen. Indem sich immer mehr Menschen auf Prinzipien des Schutzes der Menschenwürde und der Integrität der Person beziehen können, wächst das Risiko, dass sich diese Ansprüche in die Quere kommen.

Aggressivität ist aber auch ein Problem von zu vielen Menschen an einem Ort, ein Problem der Großstädte?
Durchaus. Aus der Stadtforschung weiß man, dass großstädtisches Leben Stress erzeugt. Und der macht als aggressiv erlebtes Verhalten wahrscheinlicher.

Was sagen Sie zu den Angriffen auf Rettungssanitäter, von denen verstärkt zu hören ist?
Leute, die in diesem Feld arbeiten, erzählen mir, dass unter den Sanitäterinnen und Sanitätern die Anspannung gestiegen ist, weil sie inzwischen eher damit rechnen, dass ihnen etwas geschieht. Auch wenn sich im Einzelfall nicht immer genau nachvollziehen lässt, worauf so ein Angriff zurückzuführen ist.

Das wäre dann wieder ein sich selbst verstärkender Effekt.
Genau.

Aggressivität im öffentlichen Raum wird manchmal auch mit Druck im Job und gestiegenen Anforderungen begründet. Was halten Sie davon?
Ich bin skeptisch, dass man alle angesprochenen Phänomene damit erklären kann.

Besonders häufig scheinen die Nerven auf der Straße blank zu liegen.
Was das betrifft, sieht man ja schon innerhalb Europas große Unterschiede. In Frankreich oder Italien gelten andere Regeln des Miteinander im Straßenverkehr. Kreisverkehr versus Ampel ist ein schönes Beispiel: Ampel heißt, es gibt eine Instanz, die mit Autorität entscheidet, während das Modell Kreisverkehr auf viel mehr Interaktionssensibilität angewiesen ist und gar nicht funktionieren würde, wenn jeder auf seinen maximalen Vorteil schauen würde. Daran kann man sehen, wie sehr „aggressive“ Verhaltensweisen gesellschaftlich eingebettet sind. Wie man Auto fährt, lernt man an einem bestimmten Ort in der Welt – und auf eine bestimmte Art und Weise.

Einige Stimmen interpretieren Aggression als Folge der Ausbreitung von neoliberalem Geist, dem „Ich zuerst“ aus der kapitalistischen Raubbau-Ökonomie, hinein in alle Verästelungen der Gesellschaft.
Das ist radikal formuliert, hat aber durchaus Bezüge zu einem Problem, das ich vorhin schon angesprochen habe: Je diverser Gesellschaften werden, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Entfaltung meiner Freiheit die Freiheit von anderen einengt. Was man früher als „gesunden Egoismus“ verstand, wird hier schnell zum Problem. Es gab eine Zeit, da musste ich mir als Hausherr keine Gedanken machen, ob etwas, das ich tue, die Freiheit oder Würde meiner Haushälterin beschneidet, und zwar auch dann nicht, wenn ich ihr in der Küche an den Hintern greife. Das ist heute anders. Damit stellen sich auch neue Fragen: Wie lässt sich die offene, um das Prinzip der Freiheit und Würde des Einzelnen organisierte Gesellschaft weiter aufrecht erhalten pflegen und entwickeln im Horizont wachsender Diversität? Aus meiner Sicht besteht darin die zentrale Herausforderung für die offenen Gesellschaften der Gegenwart.

Gibt es schon Lösungsansätze?
Noch nie in der Geschichte konnten so viele Menschen den Schutz durch universale Normen und Rechte reklamieren wie heute. Das ist ein historischer Erfolg aufklärerischer Ideale. Doch laufen diese Gefahr, an sich selbst zu scheitern. Eine Paradoxie, mit der sich die Demokratieforschung schon länger beschäftigt: Offene Gesellschaft bedeutet, auch Verhaltensweisen zu tolerieren, die diesem offenen System eigentlich schaden – das schließt sogar bestimmte Formen von aggressivem Verhalten ein, etwa verbale Übergriffigkeiten.

Müssen wir uns also an manche Rohheit gewöhnen?
Sich damit abzufinden, wäre eine ganz schlechte Antwort. Die Herausforderung für die offene Gesellschaft stellt sich auch jedem Einzelnen.

Der Einzelne muss also reagieren?
Wenn beispielsweise jemand in der U-Bahn beleidigt wird, gelangt der gesellschaftliche Konsens, der im Recht und in der Verfassung verankert ist, nur zur Geltung, wenn ein Dritter aufsteht und sagt: „Halt! Das geht nicht!“ Doch die Bereitschaft, so etwas zu tun, ist nichts rein Individuelles. Sie ist an gesellschaftliche Bedingungen gebunden. Die bestimmen beispielsweise, für wie wahrscheinlich ich es halte, dass sich andere mir anschließen, wenn ich einschreite. Solche Überlegungen führen letztlich immer zur Frage der Verantwortung derer, die öffentliche Diskurse prägen.

Und das wäre wer?
Soziale Medien zum Beispiel, sie folgen einer ganz eigenen Logik, aber auch überall dort, wo öffentliche Kommunikation produziert wird, bei Journalistinnen und Journalisten, Politikerinnen und Politikern, und anderen, denen in ähnlicher Weise zugehört wird, liegt eine enorme Verantwortung. Hier werden atmosphärische Faktoren mitbestimmt und Rahmen gesetzt, in denen die Menschen ihren Alltag erleben.

Interview: Sabine Hamacher


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