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Reportage

Israel: Niemand glaubt an dauerhafte Ruhe

  • VonMaria Sterkl
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Die Stadt Akko in Israel lebt eigentlich vom Tourismus. Doch der Gaza-Konflikt und die Corona-Pandemie sorgen seit einiger Zeit für Armut und Gewalt. Die Reportage.

Akko - Gib mir ein paar Schekel, sagt die junge Frau mit dem zerzausten Haar und dem zahnlosen Mund zu einem Passanten, doch der schüttelt nur den Kopf. „Warum nicht?“, fragt die Bettlerin. „Ich habe nichts“, sagt der Mann, „ich habe einfach nichts.“ Er hat gepflegtes Haar und trägt eine Jacke von ehemals edlem Fabrikat, an mehreren Stellen ist sie aufgerissen. Auch die Schuhe sind Markenware und von Löchern durchsetzt. Die Armut zeigt sich auch in Akko, der alten Festungsstadt im Norden Israels, oft erst beim zweiten Hinsehen. Und viele schauen lieber weg. Bis es explodiert, wie dieses Jahr im Mai.

Vermummte junge Männer liefen durch die Gassen der Altstadt, schlugen Fenster ein, zündeten Häuser an, prügelten Menschen in die Bewusstlosigkeit. Es war die Zeit, als in mehreren Städten Israels Straßenkrieg herrschte. Es war auch die Zeit, in der die Terrorgruppen in Gaza Tausende Raketen auf Israel abfeuerten. In der Welt blickte alles auf die Gaza-Front.

Doch für viele Menschen in Israel war es die Front im Inneren, die das größte Entsetzen, die stärksten Ängste hervorrief. Von einem Bürgerkrieg sprach Staatspräsident Reuven Rivlin. Synagogen brannten, islamische Friedhöfe wurden geschändet, Lynchmobs gingen auf Menschen los. Die Gewalt erschütterte das Grundvertrauen: War der nette arabische Fischverkäufer in Wahrheit einer, der insgeheim klatschte, wenn das Auto einer Jüdin in Flammen aufging? War unter den Jungen, die durch die Straße zogen und „Tod den Arabern“ brüllten, auch jemand aus der Nachbarschaft?

Akko: Von Corona gebeutelte Stadt in Israel erlebt Gewaltwelle

Am lautesten krachte es dort, wo es auch sonst nicht leise ist. Wo die Arbeitsstellen rar, wo viele Menschen arm und kinderreich sind: in Lod, in Ramle, und eben hier, in der Altstadt von Akko. „So etwas habe ich hier noch nie erlebt“, sagt Marwan, dessen Familie seit vier Generationen ein Gewürzgeschäft führt. „Ich habe tagelang das Haus nicht verlassen.“

Die Polizei in Akko (Israel) kann die Gewalt nicht aufhalten.

Dass es politisch motivierte Gewalt war, glaubt der 46-Jährige nicht. „Das sind junge Leute, die keine Optionen haben und keine Aussicht, irgendwo erfolgreich zu sein.“ Sie waren leichte Beute für radikale Rädelsführer, die aus der aufgeheizten Lage Kapital schlugen. Dass kaum Polizei vor Ort war, weil viele Einheiten zu den Krawallen in Jerusalem abgezogen worden waren, gab ihnen Mut.

Drei Monate später ist in Akko wieder die alte Unruhe eingekehrt. Die Gewaltwelle hielt zwar nur wenige Tage an. Doch das reichte schon, um zu verwüsten, was in jahrelanger Arbeit aufgebaut worden war. Das berühmte Fischrestaurant Uri Buri im Zentrum ist eine klaffende Wunde. Das Lokal steht leer, die Wände wurden mit Spezialfarbe neu gestrichen, die den Brandgestank aus dem Verputz bringen soll. Am 11. Mai tauchten vier vermummte Männer im vollbesetzten Lokal auf, gingen mit Hämmern auf die Glasfront los. Gäste gerieten in Panik, und Uri Buri, Gründer und Chef des Lokals, wollte einige von ihnen in sein nahegelegenes Hotel „Efendi“ bringen, als er den Anruf bekam, dass es dort brannte: Unbekannte hatten Molotowcocktails in das Gebäude geworfen.

Corona-Pandemie und Gaza-Konflikt entfachen Gewalt in Akko (Israel)

Als Uri Buri beim Hotel ankam, waren die arabischen Nachbarn schon dabei, den Brand zu löschen. Gäste wurden evakuiert, Verletzte ins Spital gebracht – und dann klingelte erneut das Telefon: eine zweite Attacke aufs Restaurant, das nun ebenfalls in Flammen stand.

Bis das Restaurant wieder öffnen kann, wird einige Zeit vergehen. Im Hotel, das in einem alten Gebäude mit Mauerteilen aus der byzantinischen Zeit untergebracht ist, wurden Antiquitäten, alte Bücher und Kunstwerke vernichtet. Verkohlte Deckenfresken frischt eine Restauratorin nun in wochenlanger Feinstarbeit auf. „Das sind nur Schäden, die kann man reparieren“, sagt Uri Buri. „Aber ein Menschenleben holt man nie wieder zurück.“ Einer der Gäste, ein über 80-jähriger Israeli, starb Anfang Juni an den Folgeschäden des Hotelbrands.

Die Polizei nahm die mutmaßlichen Täter fest. Ob Uri Buri daran gedacht habe, die jungen Männer mit der Tat zu konfrontieren? Der 77-Jährige schüttelt den Kopf. „Was würde ich damit erreichen wollen – dass sie sich entschuldigen? Ich weiß nicht, ob mir das gelingt.“ Er glaube außerdem nicht, dass die Tat auf ihn persönlich abzielte. „Die haben nichts gegen mich, im Gegenteil. Dass ich bei den Leuten beliebt bin, ist ihnen ein Dorn im Auge.“

Die Stadt Akko in Israel ist von der Corona-Pandemie und dem Nahostkonflikt gebeutelt.

Gelebte Koexistenz: Restaurant in Akko (Israel) leidet unter Gewalt und Corona

Wer in Israel den Namen Uri Buri hört, denkt an einen Mann mit langem weißen Bart, köstliche Fischkreationen, aber vor allem an gelebte Koexistenz. In dem Lokal arbeiten jüdische, arabische und frisch eingewanderte Israelis nebeneinander, die meisten haben kaum mehr als Pflichtschulabschluss. Uri Buri, selbst Autodidakt, hat sie angelernt. Er brachte ihnen selbst kreierte Rezepte bei: Lachs-Sashimi mit einer Kugel Wasabi-Eis etwa, oder auf Piniennadeln geräucherter roher Fisch auf Auberginencreme. Einige der von Uri Buri angelernten Köch:innen haben inzwischen eigene Restaurants eröffnet.

Als er vor 25 Jahren vom mehrheitlich jüdischen Nahariya in die Altstadt von Akko ging, um dort das Lokal aufzumachen, hielten ihn viele für waghalsig: Ein Jude im arabischen Viertel. Ein Gastronomiebetrieb in einer Gegend, in der Strom und Licht nicht immer verfügbar sind. Ein ungelernter Koch, der halbe Analphabeten zu Köchen ausbildet. Und nicht zuletzt ein Individualist, dem gruppenbezogener Hass zuwider ist. Nun wurde er selbst zum Opfer dieses Hasses. „Es ist so unproportional“, sagt Uri Buri. „Es reicht ein einziger Idiot mit einem Streichholz, um einen Brand zu legen, den 2000 Feuerwehrleute nicht löschen können.“

Wenn er jetzt aufgibt, dann haben die Idiot:innen gewonnen, weiß der Gastronom. Schon Ende August soll das Hotel wieder öffnen. Bis das Fischlokal neu aufgebaut ist, weicht er mit seinem Küchenteam in ein aufgelassenes Lokal im Industriegebiet aus. Die Gäste folgen ihm auch hierhin. Solange die Epidemie sie lässt.

Unesco-Weltkulturerbe in Israel von Corona gebeutelt: Gewalt und Armut

In der alten Hafenstadt Akko wüteten einst die Kreuzzügler, plünderten Kostbares und hinterließen Kirchen, die von den Osmanen später teils in Moscheen umgebaut wurden. Wechselnde Fremdherrschaften hinterließen ihre monumentalen Fußabdrücke. Heute heißt das „Unesco-Weltkulturerbe“, jedes Jahr lockt es Tausende Tourist:innen in die engen Altstadtgassen, und die Menschen hier leben von ihnen.

NationIsrael
HauptstadtJerusalem
Bevölkerung 9,053 Millionen (Weltbank, 2019)
Fläche Kernland22.380 km²
Fläche besetzte Gebiete6.831 km²

Im alten Marktviertel von Akko, wo in normalen Jahren die Urlaubsgäste einander auf die Füße treten, streifen jetzt nur ein paar Straßenkatzen an einem Café vorbei. Die einzigen Gäste sind Männer aus der Nachbarschaft. Vier von ihnen sitzen an einem Tisch und sind in ein Kartenspiel vertieft, zwei weitere schauen den Spielenden zu, niemand spricht ein Wort. Die Menütafel an der Wand verspricht Mortadellasandwich, Salamibaguette und Kartoffelsalat: Speisen, die hier niemand mehr isst. Ein Souvenir aus der Zeit, als noch Urlaubsgäste ins Land durften.

Seit März 2020 sind Israels Grenzen für Tourist:innen dicht. Nur Tagesausflügler:innen aus Israel und Palästina verirren sich nach Akko. Die Menschen in der Altstadt leben vom Tourismus und von der Fischerei. Gefischt wird noch, aber solange die Restaurants nur halbvoll und die Hotels leer sind, verkauft er sich schlecht. Eigentlich sollten die Grenzen Anfang Juli geöffnet werden, doch dann kam die Delta-Variante, die Öffnung wurde auf Anfang August verschoben. Nun ist auch davon keine Rede mehr, umso mehr jedoch von einem neuen Lockdown.

Gewaltausbrüche: Nahostkonflikt und Corona-Pandemie nehmen Perspektive in Isreal

„Solange man an den Problemen nichts ändert, kann die Gewalt jederzeit wieder ausbrechen“, sagt Uri Buri. Es gebe viel Unzufriedenheit, viel Bitterkeit unter den Jungen. „Und dann kommt eben wieder irgendein Anlass, wo die Radikalen aller Seiten aus ihren Löchern kriechen und das für sich nutzen.“ Es fehle an Angeboten für die jungen Menschen, an Sportzentren, Kultur, Beschäftigung. „So sitzen sie den ganzen Tag vor ihren Smartphones und lesen Fake News und Verschwörungstheorien.“

Auch Gewürzhändler Marwan glaubt nicht, dass die Ruhe von Dauer ist. „Wir sind im Nahen Osten“, sagt er, „so ist das hier: Es ist lange still, dann kocht es plötzlich hoch. Und dann legt es sich wieder. Bis zum nächsten Ausbruch.“ (Maria Sterkl)

Auch an anderer Stelle kommt es zu erneuter Gewalt in Israel: Der Flaggenmarsch rechter Israelis durch Jerusalem beschert der neuen Regierung ihre erste Bewährungsprobe.

Rubriklistenbild: © Jalaa Marey/AFP

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