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Christlicher Nationalismus und die „White Supremacy“-Bewegung sind in den USA untrennbar miteinander verbunden. Hier zu sehen beim Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021.
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Christlicher Nationalismus und die „White Supremacy“-Bewegung sind in den USA untrennbar miteinander verbunden. Hier zu sehen beim Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021.

„Amerikas Gotteskrieger“

Gewalt in Gottes Namen: Wie die Religiöse Rechte in den USA nach der Macht greift

  • VonAnnika Brockschmidt
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Die Religiöse Rechte ist ein Machtapparat in den USA. Annika Brockschmidt hat sich die Agenda der Hardliner angeschaut. Ein Auszug aus „Amerikas Gotteskrieger“. 

USA - Auf den Transparenten stand „Jesus rettet“, christliche Flaggen wehten im Wind, „God, Guns and Guts made in America, let’s keep all three“ lautete eine Parole. Eine Menschengruppe betete laut, versammelt um ein großes Holzkreuz, die Köpfe geneigt. Viele von ihnen gehörten zu derselben Menge, die später mit Fahnenstangen auf Polizisten einprügelte, sie mit Bärenspray angriff und die Fenster des Kapitols einwarf. Einige machten sich mit „Hängt Mike Pence!“-Rufen auf die Suche nach dem damaligen US-Vizepräsidenten – der Galgen stand draußen schon bereit.

In Amerika und weltweit verfolgten Menschen live vor dem Fernseher den Angriff auf das Kapitol am 6. Januar 2021, bei dem ein bewaffneter Mob, aufgestachelt vom damaligen Präsidenten Donald Trump, einigen Republikanischen Politikern und Aktivisten, die Capitol Police überwältigte und stundenlang das Kapitol besetzte, jenes Gebäude, das wie kein zweites die amerikanische Demokratie symbolisiert. Bei aller Unübersichtlichkeit der Lage fiel auf, wie häufig die Kombination christlicher Symbole mit solchen der White-Supremacy-Bewegung war. Dieser Schulterschluss sorgte bei vielen Zuschauern für Verwirrung: Weshalb marschierten hier betende Menschen neben radikalen Nationalisten und Rassisten, um Politikern nach dem Leben zu trachten?

Es handelte sich hierbei nicht um Zufall, sondern um eine seit langem geschmiedete Allianz. Der Christliche Nationalismus, den man am 6. Januar beobachten konnte, tauchte nicht erst mit Donald Trump auf der politischen Bühne auf. Bei näherem Hinsehen war es auch wenig überraschend, dass Rassismus das verbindende Element zwischen der Religiösen Rechten und White Supremacists darstellte: Schon bei den Anfängen der organisierten modernen Religiösen Rechten in den 1960er Jahren war Rassismus die treibende Kraft.

Christlicher Nationalismus: Wie die Religiöse Rechte in den USA nach der Macht greift

Die Spur des Christlichen Nationalismus zieht sich durch die amerikanische Geschichte. So politisch einflussreich wie heute konnte er allerdings nur durch eine straff organisierte Religiöse Rechte werden. Unter dem Begriff versammelt sich eine Vielzahl von unterschiedlichen Gruppierungen. Sie erkennen die Trennung von Kirche und Staat nicht an, die christliche und amerikanische Identität sind für sie untrennbar miteinander verbunden. Sie wollen ein Amerika, in dem konservative Christen alle säkularen Institutionen des Landes besetzen und diese nach ihrem Verständnis im Sinne Gottes leiten. Es geht um die Durchdringung der Gesellschaft in all ihren Bereichen, sei es in der Politik oder im Kulturbetrieb, in der Justiz, im Bildungssystem oder in den Medien. Um ihr Ziel zu erreichen, baute die Religiöse Rechte in den letzten Jahrzehnten ein hocheffizientes Netzwerk aus Medienimperien, Kirchen, Organisationen und Lobbygruppen auf, dessen erfolgreiche Wählermobilisierung ihr langsam, aber sicher den Weg ins Machtzentrum von Washington ebnete.

Wer die aktuelle politische Situation in den USA verstehen will, muss die Denkmechanismen der Religiösen Rechten, das Knäuel aus Kulturkampf, Ideologie, Apokalypsen-Sehnsucht, Verschwörungsdenken und Macht entwirren. Diese Verbindungen haben dazu geführt, dass es ein Kandidat wie Donald Trump ins Weiße Haus geschafft hat – und dass auch nach dessen Amtszeit eine straff organisierte Bewegung die demokratischen Grundprinzipien der Vereinigten Staaten systematisch untergräbt.

Die Verbindungen von Superreichen und radikalen Hardlinern waren essenziell, um das verzweigte Netzwerk der Religiösen Rechten aufzubauen und Einfluss auf die Politik zu nehmen.

aus „Amerikas Gotteskrieger“ von Annika Brockschmidt

Trump war nicht das Ende. Längst besitzen die religiösen Hardliner eine landesweite politische Infrastruktur, die eingespielt ist und schnell reagieren kann. Bereits seit mehreren Jahrzehnten spielt die Religiöse Rechte das „long game“, sie ist zu einem Powerplayer der amerikanischen Politik geworden, dessen hartnäckige Beständigkeit selbst amerikanische Polit-Profis überrascht zu haben scheint. Immer wieder veröffentlichten Medien Nachrufe auf die Religiöse Rechte, prophezeiten ihren Niedergang. Jedes Mal lagen sie falsch.

Textauszug aus „Amerikas Gotteskieger“ von Annika Brockschmidt

Der Christliche Nationalismus wie auch die Religiöse Rechte in den USA sind zutiefst politisch, mit realen Machtambitionen und dank Großspendern mit scheinbar unerschöpflichen finanziellen Mitteln gesegnet. Die moderne Religiöse Rechte hat es durch geschickte politische Themensetzung in den Kulturkämpfen geschafft, frühere Konflikte zwischen Konfessionen zu überwinden und ihre Basis zu einem effektiven Wählerblock zu formieren.

Dabei bildeten sich in den letzten Jahrzehnten auch neue Allianzen: Neben den Sozial-Konservativen der Republikanischen Partei, die sich mit dem Christlichen Nationalismus identifizieren, ging die Religiöse Rechte auch ein Bündnis mit Neoliberalen ein. Die Verbindungen von Superreichen und radikalen Hardlinern waren essenziell, um das heutige, weit verzweigte Netzwerk der Religiösen Rechten aufzubauen und dadurch massiven Einfluss auf die amerikanische Politik zu nehmen. Einfluss, der schwer nachzuverfolgen ist, weil sich so viele ihrer Think Tanks und Verbände als offiziell unparteiische Wohltätigkeitsorganisationen diverser steuerlicher und gesetzlicher Vorteile erfreuen. Der Oberste Gerichtshof hat, dank der Religiösen Rechten mit einer erzkonservativen 6:3-Mehrheit, im Sommer 2021 seine Hand schützend über die Flüsse von ebenjenem „Dark Money“ gehalten. Und auch eine weitere Strategie der Religiösen Rechten, um als Minderheit noch an der Macht zu bleiben, wurde vom Obersten Gerichtshof für verfassungskonform erklärt: ein Gesetz in Arizona, das es für BPoC (Black and People of Colour) schwerer macht, wählen zu gehen. Im nächsten Term des Supreme Courts stehen zwei weitere Kernanliegen der Religiösen Rechten an: Abtreibung und Waffenrecht.

Gleichzeitig wird in den USA derzeit ein Kampf um die Deutungshoheit über die eigene Geschichte ausgefochten. Der Geschichtsrevisionismus, der es bis in staatliche Schulen geschafft hat, ist eine der wichtigsten Waffen Christlicher Nationalisten. Lange vor Filterblasen auf Twitter und Facebook hatte die Religiöse Rechte bereits begonnen, ihre eigenen Medienimperien aufzubauen.

Die Reilgiöse Rechte hat den politischen Diskurs der USA radikalisiert

In diesem Buch wird nachgezeichnet, wie die Religiöse Rechte Gewalt sakralisiert, als Werkzeug zur Verteidigung einer christlichen Gesellschaftsordnung überhöht und moralisch rechtfertigt. Die Verbindung aus rechten christlichen Medien, Predigern des Wohlstandsevangeliums und gesellschaftlichen Strömungen innerhalb des Christlichen Nationalismus hat in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Radikalisierung des politischen Dialogs geführt.

Unabhängig von seiner Rolle in der Republikanischen Partei – Trumps Erbe, die „Große Lüge“ von der gestohlenen Wahl, wird bleiben und die Basis motivieren.

aus „Amerikas Gotteskrieger“ von Annika Brockschmidt

Doch vor allem waren es die Fußsoldaten, die christlichen Wähler, die am 3. November 2016 auf ihrem Stimmzettel „Trump“ ankreuzten und ihn ins Weiße Haus brachten. Wer die Kirchen in strategisch wichtigen Staaten mobilisiert, so der Gedanke, gewinnt Wahlen. Genau das geschah 2016: Zwischen 79 und 81 Prozent der Weißen Evangelikalen stimmten für ihn, vor allem diejenigen, die am häufigsten in die Kirche gehen. Politische Beobachter und Analystinnen hatten die Koalition aus der Religiösen Rechten und der sogenannten Alt-Right, der extremen Politischen Rechten unter Führung von Steve Bannon, nicht vorhergesehen: Trumps Wahlkampf bespielte höchst effektiv die nativistischen Anwandlungen beider Bewegungen.

Viele unterschätzten außerdem die bemerkenswerte Fähigkeit der amerikanischen Religiösen Rechten, Niederlagen zu ihrem eigenen Nutzen zu verwenden und ihren jahrzehntelang gehegten Plan umzusetzen, die Herrschaft einer Minderheit über die Mehrheit zu etablieren, indem sie sich Schlupflöcher im amerikanischen demokratischen System zunutze machte. Wer erwartet hatte, dass Weiße Evangelikale Trump 2020 nach vier Jahren skandalträchtiger Regierungszeit nicht mehr die Treue halten würden, wurde eines Besseren belehrt: 2020 stimmten mit 84 Prozent mehr von ihnen für Trump als noch 2016.

Christliche Nationalisten und Trump-Anhänger teilen ihre rassistischen Ressentiments

Es genügt jedoch nicht, nur auf Weiße Evangelikale zu schauen, auch wenn sie einen signifikanten Einfluss auf die christlich-nationalistische Kultur haben, denn auch 60 Prozent Weißer Katholiken und 58 Prozent der Protestanten und anderer christlicher Glaubensrichtungen sowie 61 Prozent der Mormonen wählten mit Donald Trump 2016 den Kandidaten des Christlichen Nationalismus. Das Unverständnis, mit dem von vielen Seiten auf das Bündnis von Trump und der Religiösen Rechten reagiert wurde, lässt sich auflösen, wenn wir genauer auf das Selbstverständnis Christlicher Nationalisten schauen.

Annika Brockschmidt: Amerikas Gotteskrieger. Wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet.

Das Bedürfnis nach einem stark auftretenden, rassistische Ressentiments bedienenden Anführer, der es „den Linken“ mal so richtig zeigt und die angeblich christliche Identität des Landes bewahrt, indem er klare Grenzen zwischen „wahren“ und „falschen“ Amerikanern zieht, ist auch nach Trumps Niederlage 2020 noch vorhanden, vielleicht sogar stärker denn je. Die Basis scheint noch motivierter als zuvor, der Einfluss des Trumpismus auf die Republikanische Partei, der sich durch einen aggressiven Christlichen Nationalismus auszeichnet, ist ungebrochen – auch wenn unklar ist, wie die Zukunft von Trump selbst aussieht. Unabhängig von seiner Rolle in der Republikanischen Partei – sein Erbe, die „Große Lüge“ von der gestohlenen Wahl, wird bleiben und die Basis motivieren.

Wer diese Bewegung als Eskapaden einiger religiöser Fanatiker abtut, verkennt ihre Mobilisierungskraft und ihre Zielsetzung. Trumps Präsidentschaft ist ein Kapitel in der einflussreichen Geschichte der Religiösen Rechten – aber es wird keineswegs das letzte sein. Stattdessen war Amerika unter Trump eine Vorschau auf das, was die Zukunft bringen kann. Die Fähigkeit der Bewegung, aus Niederlagen zu lernen, darf nicht unterschätzt werden – denn sie denkt in anderen Zeiträumen als ihre politischen Gegner, in Jahrzehnten und Jahrhunderten. Eine verlorene Wahl macht da wenig aus. (Annika Brockschmidt)

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