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Silvester

"Gewalt ist immer Machtdemonstration"

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Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer spricht im Interview mit der FR über Angriffe auf Helfer in Alltagssituationen.

Herr Heitmeyer, mehren sich die Angriffe auf Polizisten, Feuerwehrleute und Sanitäter, aber auch gegen Lehrer oder Jobcenter-Mitarbeiter oder wird nur häufiger darüber berichtet?
Aus wissenschaftlicher Sicht ist es ganz schwierig, diese Frage zu beantworten. Es gibt drei Faktoren, die man berücksichtigen muss. Erstens gibt es keine verlässlichen Daten darüber, ob es eine faktische Zunahme an Fällen gibt. Zweitens kommt noch die gefühlte Zunahme von Übergriffen bei den Menschen hinzu, die in Notaufnahmen, Schulen oder Jobcentern Opfer der Aggression anderer werden. Damit verbindet sich auch das Gefühl, dass die Intensität und Brutalität zunimmt. Drittens gibt es die Berichterstattung, die diese gefühlte Zunahme nochmal bestätigt. Es ist eine komplizierte Situation, aber auch eine gefühlte Zunahme muss man ernst nehmen. Und ergründen, was die Gründe dafür sind. 

Haben Sie denn eine Erklärung? 
Da muss man wieder die verschiedenen Bereiche unterscheiden und was sich dahinter verbirgt. Angriffe auf Polizisten ergeben sich häufig aus Feindbildern, weil die Polizei mit einem staatlichen Gewaltmonopol ausgestattet ist. In Jobcentern geht es um die Reaktionen von Menschen, die sich in ihrer Existenz bedroht fühlen. In Schulen sind die Lehrerinnen und Lehrer diejenigen, die Lebenschancen verteilen und dadurch bei einigen Eltern Abstiegsängste auslösen, was wiederum in Aggression münden kann. In den Notaufnahmen von Krankenhäusern ist es die Uneinsichtigkeit der Patienten, weil die eigene Krankheit immer die wichtigste ist. Sanitäter und Feuerwehrleute werden wegen ihrer Uniformen häufig mit der verhassten Staatsmacht assoziiert, widersinnigerweise. Gewalt entsteht also in den unterschiedlichen Bereichen aus der unterschiedlichen Motivation der Betroffenen. 

Gibt es eine Gemeinsamkeit?
Generell gilt: Gewalt ist immer eine Machtdemonstration, die die eigene Überlegenheit signalisieren und Angst und Verachtung gegenüber anderen auslösen soll. Deshalb ist es für die Täter auch wichtig, Anerkennung in der eigenen Bezugsgruppe zu bekommen. Das sieht man immer dann, wenn der Akt der Gewalt in den – ich nenne sie asozialen – Netzwerken regelrecht zelebriert wird. 

Es scheint als gäbe es einen Unterschied zwischen Anlässen wie Silvester oder Demos, für die sich gewaltbereite Teilnehmer eine Eskalation regelrecht vornehmen, und Situationen, in denen ein Durchschnittsbürger sich weigert, die Ausfahrt für einen Rettungswagen mit einem bewusstlosen Kind freizumachen. Liegen dem jeweiligen Verhalten dennoch dieselben Motive zugrunde?
Wenn man nach gesellschaftlichen Hintergründen fragt, ist immer wieder darauf hinzuweisen, dass wir in einer kapitalistischen Gesellschaft leben, in der Konkurrenz das zentrale Muster ist und Stärkedemonstration immer belohnt wird. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass wir in einer Gesellschaft mit einem ganz schnellen Wandel leben. Das bedeutet, dass wir es mit einer Wertepluralisierung – nicht zu verwechseln mit Werteverlust – zu tun haben. Es ist nicht mehr allgemein klar, welche Werte wir teilen, was uns gemeinsam wichtig ist. Es wird unklarer und beliebiger, wie man sich verhalten soll. Das Beispiel mit dem bewusstlosen Kind zeigt ein Muster von Selbstermächtigung zur rücksichtslosen Stärkedemonstration, um ungestört seinen Geschäften nachgehen zu können. Dahinter steckt ein immenser Verlust von Empathie, ein Hinweis auf Vergiftungen in der Gesellschaft.

Die Diskussion um die fehlende Bereitschaft, auf Autobahnen Rettungsgassen zu bilden, ist ein weiteres Beispiel für die Abnahme der Empathie, oder?
Dann wirkt wieder die Unkenntnis oder die Erosion von Normen. Man sieht, dass diesen Personen in der Gruppe ganz oft nicht mehr klar ist, wo die Grenzen zum zerstörerischen Verhalten sind. Hinzu kommt, dass die aggressiven Akteure sich selbst oft in einer Opferrolle sehen. Wer dies glaubhaft machen kann, für sich selbst und die Bezugsgruppe, der schafft sich einen selbstgeschaffenen moralischen Vorsprung, der es ihm subjektiv erlaubt, das Gesetz des Handels in die eigene Hand zu nehmen. Aus der Distanz betrachtet ist erkennbar, dass diese Rolle nur konstruiert ist, um sich Vorteile zur Machtdemonstration zu verschaffen. 

Betrifft das alle sozialen Milieus?
Das zieht sich durch alle Gruppen hindurch, denn alle leben unter dem Diktat der Konkurrenz, der harten Zeittaktung, des Durchsetzungsdrucks etc. Das Problem ist, dass solche Leute mögliche Konflikte nicht mit anderen Mitteln als Aggression oder Gewalt angehen. Sie generieren aus einer – zumeist nicht eingestandenen – alltäglichen Ohnmacht eine situative Machtdemonstration. 

Es gibt nun vermehrt Kampagnen von Feuerwehren, die um Respekt bitten. Welche Möglichkeiten sehen Sie, um an die Menschen zu appellieren?
Die Kampagnen sind nötig ebenso wie juristische Normdurchsetzungen, denn es ist völlig klar: Jede Gesellschaft muss immer wieder öffentlich die eigenen Normen verdeutlichen und vermitteln, welche Werte nicht verhandelt werden können. Dies betrifft die Gleichwertigkeit aller Menschen und das Recht auf psychische und physische Unversehrtheit, also gegen eine Durchrohung gesellschaftlicher Strukturen und eine Verrohung von Verhalten. Und: Es geht ja auch darum, wie konfliktfähig wir sind. Dass wir hinschauen und sagen: „So geht das nicht“. 

Interview: Elena Müller

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