Randale und Plünderungen in Stuttgart.
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Randale und Plünderungen in Stuttgart.

Interview

„Gewalt um der Gewalt willen“

  • vonMax Hempel
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Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer über die Faktoren, die Unruhen eskalieren lassen.

Herr Heitmeyer, wie lassen sich solche spontanen Gewaltausbrüche wie in Stuttgart erklären?

Ich kann die Ereignisse in Stuttgart im Einzelnen nicht beurteilen. Dazu wissen wir zu wenig. Als Wissenschaftler kann man eine Analysefolie anbieten aus der „riot“-Forschung, die sich mit Aufruhr beschäftigt. Aus meiner Sicht spielen sechs Faktoren zusammen, um die Mechanismen und Eskalationen zu begreifen.

Welche Faktoren sind das?

Erstens muss ein emotional ausbeutbares Signalereignis vorhanden sein, um die Eskalation in Gang zu bringen, wie etwa eine Drogenkontrolle. Daraus entstehen schnell Solidarisierungseffekte, so dass sich die amorphe Masse zu Gruppen verdichtet. Zweitens müssen Feindbilder vorhanden sein, in diesem Fall die Polizei als Repräsentantin eines verhassten Kontrollstaates. Drittens hängt es auch von der Polizei ab, ob sie auf ein inoffizielles Großereignis unter Alkoholbedingungen und Corona-Beschränkungen eingestellt ist.

Was ist mit den jungen Menschen?

Wilhelm Heitmeyer.

Da spielt – viertens – die Opferrolle eine Rolle, die zur Selbstermächtigung auch von Gewalt beträgt. Wichtig sind fünftens die Mobilisierungseffekte über die neuen Medien, so dass schnell eine kritische Masse entsteht, auf die die Polizei häufig nicht vorbereitet ist. Dann entstehen Kontrollverluste, die zur Ausbreitung der Gewalt genutzt werden. Sechstens sind es die sozialen Medien und auch die sonstigen Medien, die Gewalt dann zu einem „Erfolgserlebnis“ für die Beteiligten machen. Denn Gewalt ist für manche Akteure eine Anerkennungsquelle.

Ist „Corona-Langeweile“ eine mögliche Erklärung?

Die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und die damit verbundene Durchsetzung durch die Polizei stimulieren so eine Situation, zumal wenn Alkohol als Entgrenzungsmittel im Spiel ist. Ganz wichtig ist dann das zahlenmäßige Verhältnis der Versammelten in Relation zu der Anzahl von Polizisten. Wie schon erwähnt, ist die Mobilisierungsfähigkeit in kürzester Zeit dann gefährlich für die Eskalation.

Haben die Bilder von den US-Protesten gegen Polizeigewalt die Ausschreitungen in Stuttgart befeuert?

Zur Person

Wilhelm Heitmeyer ist Soziologe und Erziehungswissenschaftler. 1996 gründete er an der Universität Bielefeld das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, dessen Direktor er bis zu seinem altersbedingten Ausscheiden im Jahr 2013 war. Seitdem ist er im Rahmen einer Forschungsprofessur am Institut tätig.

Das kann ich nicht sagen angesichts mangelnder Informationen. In den USA sind es klare politische Demonstrationen, die leider auch mit Gewalt verbunden sind, was der Bewegung massiv schadet. Nach allem was ich weiß, ging es in Stuttgart um das, was ich „expressive Gewalt“ nenne. Gewalt um der Gewalt willen und um die Anerkennung in der eigenen Bezugsgruppe.

Nimmt die Feindseligkeit gegenüber der Polizei zu?

Wenn man den Darstellungen der Polizei zum Ausmaß von Gewalt gegen Polizisten und Polizistinnen folgt, dann nimmt sie zu. Dies sind dann aber keine wissenschaftlichen Analysen, sondern Ergebnisse aus der Institution selbst, die bestimmt, was Gewalt gegen Polizei ist. Gleichzeitig ist gesellschaftlich zu registrieren, dass es Erosionen von Normen gibt. Bestimmte Verhaltensstandards werden aufgelöst, um sich selbst zu ermächtigen. Also auch feindselig gegen Polizei mit ihrer Kontrollmacht vorzugehen. Das ist keine gute Entwicklung. Andererseits ist auch polizeiintern eine größere Sensibilität dringend vonnöten.

Wird Stuttgart zum Politikum?

Ich hoffe – und bin auch zuversichtlich –, dass sich die Polizei in Stuttgart nicht politisch instrumentalisieren lässt etwa von der Fraktionsvorsitzenden der AfD, Alice Weidel, die die Gewalt ganz schnell verdachtsstark und kenntnisarm der „Antifa“ und „Migrantifa“ zurechnet. Notwendig sind Aufklärungen der Sachverhalte und der Mechanismen der Eskalation.

Interview: Max Hempel

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