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„Jedes Mal, wenn man von einem teilweisen oder vollständigem Lockdown spricht, denke ich an die 213.000 Frauen, die in Frankreich mit einem gewalttätigen Partner zusammenleben“, twitterte die Pariser Feministin Caroline De Haas.
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„Jedes Mal, wenn man von einem teilweisen oder vollständigem Lockdown spricht, denke ich an die 213.000 Frauen, die in Frankreich mit einem gewalttätigen Partner zusammenleben“, twitterte die Pariser Feministin Caroline De Haas.

Initiativen gegen Ehegewalt

Gewalt gegen Frauen: Frankreich will es besser machen

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Die hohe Zahl von Frauen, die in Frankreich von ihrem Partner ermordet werden, ist seit der Corona-Pandemie noch weiter angestiegen. Initiativen wollen die Gewalt gegen Frauen bekämpfen.

Paris - In Frankreich hatte die häusliche Gewalt gegen Frauen in der ersten Corona-Welle stark zugenommen. Jetzt wollen die Behörden vorbeugen und aktiv werden. Schon vor der Pandemie war die Zahl der von ihren Partnern getöteten Frauen in Frankreich vergleichsweise sehr hoch. Jetzt schwappt die zweite Welle über das Land und seine Medien debattieren eifrig über Themen wie Schutzmasken, Sperrzonen oder Wirtschaftsfolgen.

Anders Caroline De Haas. Als die Regierung in Paris Ende Oktober neue Ausgangssperren ankündigte, twitterte die bekannteste Pariser Feministin: „Jedes Mal, wenn man von einem teilweisen oder vollständigem Lockdown spricht, denke ich an die 213.000 Frauen, die in Frankreich mit einem gewalttätigen Partner zusammenleben.“

Alle drei Tage ein neuer Fall von Gewalt gegen Frauen

Die Zahl ist natürlich nicht aus der Luft gegriffen: Sie entspricht den jährlichen Meldungen wegen Ehegewalt in Frankreich. Im Unterschied zu Ländern wie Italien oder den USA ist die Tendenz in Frankreich in der Pandemie steigend. In der ersten Welle haben die Anzeigen bei der Polizei um 30 Prozent zugenommen.

Überdurchschnittlich betroffen sind von der Sozialpolitik vernachlässigte Viertel, wo die Wohnfläche pro Person entsprechend gering ist und wo Familien nahe beieinander leben. Um nicht zu sagen aufeinander. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt ein Blick in die Facebook-Gruppe „Féminicides par compagnons ou ex“, zu Deutsch etwa: „Morde an Frauen durch ihre aktuellen oder ehemaligen Partner.“ Im Schnitt alle drei Tage kommt ein neuer Fall hinzu, was aufs Jahr landesweit über hundert Femizide ausmacht. Es ist eine schreckliche, tragische, bisweilen makabre Liste, die von Alkohol und Arbeitslosigkeit, blanken Nerven und Dominanz, ja den Abgründen einer Alltagsbeziehung berichtet. Mit Opfern, deren langes Leiden vor der Ermordung wohl nicht einmal zu erahnen ist.

Gewalt gegen Frauen in Frankreich nicht erst sein Aufkommen des Coronavirus bekannt

Das Problem ist in Frankreich natürlich nicht erst seit dem Aufkommen des Coronavirus erkannt und bekannt. Schon während der ersten Welle im März und April gab es zahlreiche Initiativen, um den betroffenen, häufig isolierten Frauen eine Kontaktmöglichkeit zu bieten. Mehrere Notrufnummern wurden aktiviert oder reaktiviert.

Dazu kommen nun neue Apps wie „Arrêtons les violences“ (Stoppen wir die Gewalt) oder „En Avant Toutes“ (Vorwärts alle Frauen). Eine Aktion erlaubte es Frauen schon im Frühjahr, sich direkt beim Einkaufen im Supermarkt an Psychologinnen und Juristinnen zu wenden (die FR berichtete) – diese Aktion wird nun auf einzelne Apotheken ausgedehnt. Ziel ist es, verletzten Frauen eine unauffällige Hilfe unter Umgehung männlicher Kontrollversuche zu bieten.

Ein beträchtlicher Schritt für das bürokratische Frankreich ist die Ankündigung, dass Gewaltopfer kein Covid-Ausgehformular vorweisen müssen. Vielmehr können sie einen Beförderungsdienst rufen, auch wenn ihnen ihr Mann kein Geld gelassen hat; die Behörden tragen die Unkosten. Wohl noch wichtiger: Das Ministerium für Geschlechtergleichheit organisiert insgesamt 10 000 Hotelzimmer für verfolgte Frauen und ihre Kinder – und teilweise sogar für gewalttätige Männer.

Diese konkrete Reaktion ist auch eine Folge harter Kritik durch Frauen wie Caroline De Haas. Sie hatte die Schutzvorkehrungen für verfolgte Frauen während des ersten Lockdowns als völlig ungenügend bezeichnet.

Gewalt gegen Frauen in Frankreich: Mühlen mahlen zu langsam

Für flankierende Hilfen brauche es „nicht eine Million, sondern eine Milliarde Euro“, sagte sie; nur so lasse sich ein genügender Ausbau der Familiengerichte und ihrer Sozialstellen finanzieren. Bis heute bleiben in Frankreich fast 90 Prozent aller Gerichtsklagen ohne wirkliche Rechtsfolgen. Auch der Umstand, dass 41 Prozent der von ihrem Partner getöteten Frauen zuvor erfolglos Anzeige erstattet hatten, wirft ein Schlaglicht auf die fehlenden Mittel der Justiz.

Gleichstellungsministerin Elisabeth Moreno will nun immerhin Therapieeinrichtungen für gewalttätige Männer subventionieren. Das soll ihre Rückfallquote halbieren.

Auch sollen die Opfer schon im Krankenhaus Kontakt zu zuständigen Gerichten aufnehmen können. Das setzt eine Zusammenarbeit von Gesundheits- und Justizbehörden voraus, was in Frankreich viel Zeit in Anspruch nimmt. Noch ungeklärt ist zudem, wie weit Gynäkolog:innen und andere Mediziner:innen vom Arztgeheimnis entbunden werden sollen, um der Polizei häusliche Gewaltakte melden zu können. Die Ärzteschaft ist vehement dagegen, nicht zuletzt, weil sie selbst Attacken gewalttätiger Männer befürchtet.

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