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Kinder spielen auf nordzyprischem Gebiet. Im Hintergrund ein UN-Posten.
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Kinder spielen auf nordzyprischem Gebiet. Im Hintergrund ein UN-Posten.

Zypern EU-Ratspräsidentschaft

Das geteilte Leben

  • Frank Nordhausen
    VonFrank Nordhausen
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Die Republik Zypern übernimmt am 1. Juli die EU-Ratspräsidentschaft. Es könnte, so hoffen viele, in dieser Zeit auch um eine Versöhnung der Inselbewohner gehen. Doch die Chancen auf Wiedervereinigung stehen schlecht.

Die Republik Zypern übernimmt am 1. Juli die EU-Ratspräsidentschaft. Es könnte, so hoffen viele, in dieser Zeit auch um eine Versöhnung der Inselbewohner gehen. Doch die Chancen auf Wiedervereinigung stehen schlecht.

Bittersüß fühlt sich der Abend an für Zekai Altan. Die Luft ist warm, Bier und Wein stehen auf den Holztischen, vom Garten her weht der Duft nach Salz vom Meer herein. Man fotografiert sich gegenseitig, die lustige Maria bringt griechische Trinksprüche aus und Mehmet, der Tellerwäscher, hat ein trauriges türkisches Lied so inbrünstig geschmettert, wie er es nur kann. Zekai Altan könnte glücklich sein in diesem Moment.

Doch als er aufsteht, um auf Englisch ein paar Worte an seine griechischen Gäste zu richten, bebt seine Stimme. „Es gibt kein Süd- und Nord-Zypern, es gibt nur ein Zypern. Wir türkischen Zyprer brauchen die Vereinigung – und wir brauchen sie schnell“, ruft der Mann mit dem weißen Piratentuch um den Kopf. „Sonst ist alles verloren.“ Für den 52-jährigen Zyperntürken ist dieser Abend im Dorf Kumyali im Norden der Insel viel mehr als ein Beisammensein von Freunden. Es ist ein SOS-Signal. Für sein Land, sein Volk, sein eigenes Leben. So drückt er selber das aus.

Gaston Neocleous, sein griechischer Freund, ist zu ihm getreten, in der Mitte des geschmückten Gastraums im Nitovikla Garden Hotel von Zekai Altan. Er legt seine Hand auf dessen Schulter. „Wir haben heute ein gutes Gefühl“, sagt er. „Ich hoffe, wir werden ein gemeinsames zyprisches Volk sein. Sonst finden wir uns wirklich bald in zwei verschiedenen Ländern wieder – und das wäre sehr schlecht für so eine kleine Insel.“ Da stehen sie: ein griechischer Zyprer und ein türkischer Zyprer. Und wirken ein wenig wie die letzten einer aussterbenden Art.

Treffen im Kulturverein

Am 1. Juli wird die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union durch die Republik Zypern übernommen, wie der griechische Inselsüden offiziell heißt. Er hoffe, sagt Zekai Altan, dass das Zypernproblem dann wieder mehr Aufmerksamkeit in der Welt finde. Seine zwei Dutzend Gäste, die meisten in ihren Fünfzigern oder Sechzigern, sind mit einem Reisebus aus dem griechischen Teil der Hauptstadt Nikosia in das türkische Dorf Kumyali gekommen, eine Fahrt von nur anderthalb Stunden, die noch immer wie eine Reise in eine andere Welt anmutet. Denn Zypern ist seit 1974 geteilt, und Nikosia ist die letzte geteilte Hauptstadt Europas.

Die Griechen gehören zu einem Kulturverein, den der Ökonom Neocleous vor zwanzig Jahren in Nikosia gründete. Inzwischen widmet er sich vor allem dem Kontakt zwischen Griechen und Türken. Gaston Neocleous ist ein bedächtiger Intellektueller. Im Planungsbüro der südzyprischen Regierung ist er auch für gemeinsame Infrastrukturprojekte mit dem Norden zuständig.

Er erinnert sich, wie es war, als um 2002 in der UN-kontrollierten Pufferzone erstmals Treffen von griechischen und türkischen Zyprern stattfanden. „Ich hatte gleich das überwältigende Gefühl, dass wir zusammengehören. Als der Norden 2003 die Grenzen öffnete, haben wir sofort Fahrten dorthin unternommen. Wir wollen die Vereinigung und Versöhnung von unten, von den Menschen her“, sagt er.

Von Soldaten ermordet

So haben sich Neocleous und Altan vor sechs Jahren kennengelernt – und im jeweils anderen wiedererkannt. Zekai Altan ist ein berühmter Mann in Nordzypern, er hat Bücher geschrieben über die Geschichte und Kultur der Insel, moderiert im Fernsehen eine Gourmetsendung. Nordzypern ist klein, er kennt die meisten Politiker, auch wenn er nicht viel von ihnen hält. Sein griechischer Freund ist schon von Berufs wegen mit den Politikern im Süden bekannt und sagt: „Unsere Politiker tun nichts, um die Gesellschaft für eine Wiedervereinigung zu gewinnen – das wäre aber ihre Aufgabe.“ Daran werde sich wohl auch während der zyprischen EU-Präsidentschaft nichts ändern, glaubt er.

Gaston Neocleous, 59, wurde als Kind einer Lehrerfamilie im griechischen Teil von Nikosia geboren und lebt seither dort. Zekai Altans Familie stammt aus dem Dorf Avdimu nahe dem südzyprischen Limassol, wo die Eltern, die im Hauptberuf Krankenpfleger waren, Wein und Oliven anbauten.

Als Altan drei Jahre alt war, ermordeten griechisch-zyprische Soldaten seinen Großvater. „So war es damals“, sagt er emotionslos. „Ich hörte als Kind immer nur: Sie töten uns, wir müssen sie töten.“ Griechen und Türken lebten in getrennten Dörfern, doch gab es weit weniger türkische als griechische Ortschaften.

Im Sommer 1974 ließ die griechische Militärjunta gegen die zyprische Regierung putschen und bereitete eine Annexion der Insel vor. Um die befürchtete Vertreibung der türkischen Volksgruppe zu verhindern, intervenierte die Türkei und sandte Fallschirmjäger in den Norden. Die Türken vertrieben rund 170?000 griechische Zyprer aus dem Norden, die Griechen etwa 50?000 türkische Zyprer aus dem Süden. Hunderte Menschen starben.

„Schnell – alle ins Dorf!“

Zekai Altan war vierzehn Jahre alt, als die griechischen Soldaten kamen. Er arbeitete mit der Familie im Feld. Plötzlich rief sein Vater: „Schnell – alle ins Dorf!“ Schüsse fielen, sie verbarrikadierten sich in ihren Häusern. Nach drei Tagen flüchteten sie in eine nahe englische Militärbasis, in der sich schließlich mehr als 40.000 Menschen sammelten. „Wir hatten nur, was wir am Körper trugen“, sagt Altan. Er bewahrt ein paar Schwarzweißfotos von damals in einem Schuhkarton auf: junge Männer mit Schlaghosen, knallengen Oberhemden und Beatles-Frisuren.

Nach sieben Monaten evakuierten türkische Flugzeuge das Lager; per Schiff kamen sie nach Famagusta in Nordzypern. „Wir waren damals sehr froh, dass die Türken gekommen waren, um uns zu schützen. Aber bald merkten wir, dass sie da waren, um uns zu besetzen.“ Er steckt sich eine Zigarette an. „Die Türken sind völlig anders als wir Zyprern. Ungebildet, Bauern, islamische Frömmler.“ Ja, sagt er, die Griechen seien gefährlich gewesen. „Und ja, wir haben uns über die Invasion gefreut. Aber wir haben es teuer bezahlt.“

Um das besetzte Gebiet ökonomisch und ethnisch zu stabilisieren, lockte Ankara Zehntausende meist arme Bauern aus Anatolien mit Versprechen auf Land und Subventionen nach Nordzypern und ließ dort 1983 die Türkische Republik Nordzypern (TRNZ) ausrufen, die nur von der Türkei anerkannt ist. Wegen der internationalen Ächtung ist Nordzypern allein nicht lebensfähig. Die Türkei, die seit der Invasion über 30.000 Soldaten hier stationiert hat, bestreitet alle öffentlichen Ausgaben.

Anerkennung abgelehnt

Die 2004 der EU beigetretene Republik Zypern kontrolliert zwar nur den Inselsüden, völkerrechtlich gehört aber auch der türkisch besetzte Norden zu ihrem Staatsgebiet. Für den EU-Beitritt der Türkei bildet der Inselstreit das größte Hindernis, weil Ankara die Anerkennung der Republik Zypern bisher ablehnt. Türkische Zyprer sind Unionsbürger mit allen Rechten wie etwa der begehrten Reisefreiheit in der EU. Wobei die Republik Zypern nur jenen Türken einen EU-Pass ausstellt, die aus „echten“ nordzyprischen Familien stammen, rund 30 Prozent der 260.000 Menschen im Norden.

Zekai Altan hat die Reisemöglichkeiten genutzt. Er hat sich vom Tellerwäscher zum Hotelmanager hochgearbeitet, studierte Tourismus, wurde Vorsitzender des Hotelserviceverbandes von Nord-Nikosia, war Mitglied der oppositionellen Sozialistischen Partei. Bereits 1991 veröffentlichte er eine Deklaration mit der Überschrift: „Ja zu Zypern, Nein zur TRNZ“.

Darin schrieb er: „Die TRNZ ist ein Konstrukt, um die türkischen Einwanderer zu legalisieren, nichts weiter.“ Danach bekam er zu hören: „Du bist ja ein Zyprer, also kannst du nicht in einem türkischen Hotel arbeiten.“ Bitter zitiert Altan einen Spruch von Rauf Denktas, dem protürkischen Langzeitpräsidenten des Nordens: „Ich kenne nur Türken. Die einzigen Zyprer, die ich kenne, sind Esel.“

Volksabstimmung gescheitert

Es ist dunkel geworden. Inzwischen ist auch der Bürgermeister der Großgemeinde um Kumyali in Altans Restaurant gekommen, um die griechischen Gäste zu begrüßen. Der 62-jährige Weinbauer, geborener türkischer Zyprer, erzählt, dass er sich noch heute nicht in den Süden der Insel traut, aus Angst, man könne ihm dort etwas antun.

Er ist völlig anderer Meinung als sein Freund Altan: „Die Griechen haben uns damals angegriffen, dann kam die türkische Armee, und seither können wir in Frieden leben. Ich möchte, dass das so bleibt. Notfalls vereinigen wir uns mit der Türkei.“ Der Graben auf der Insel verläuft eben nicht nur zwischen Griechen und Türken und zwischen türkischen Zyprern und Einwanderern, sondern ebenso zwischen den türkischen Zyprern selbst.

Eine Volksabstimmung sollte 2004, kurz vor dem Beitritt zur EU, die Vereinigung der Insel als Konföderation mit zwei autonom regierten Teilstaaten bringen. Doch das Referendum, an dem sich alle Einwohner Zyperns, auch die zugewanderten, beteiligen durften, scheiterte an den Inselgriechen, die zu drei Vierteln mit Nein stimmten, während die Türken sich mit fast 65 Prozent dafür aussprachen. Auch die Hälfte von Zekai Altans Gästen sagt auf Nachfrage, sie hätten mit Nein gestimmt – weil die Türkei dann das Recht gehabt hätte, jederzeit auf Zypern zu intervenieren.

Zekai Altan und Gaston Neocleous haben mit Ja gestimmt. Sie sahen in dem Plan eine Jahrhundertchance für Wohlstand und Demokratie auf der ganzen Insel. „Die Griechen waren dagegen, weil die türkische Regierung dafür war“, sagt Neocleous. „Und Zypern hatte keinen Helmut Kohl, der die Chancen über die Bedenken stellte.“

Zekai Altan hat damals alles, was er hatte, auf die Vereinigung und den EU-Beitritt gesetzt. Auch seine Familie hatte einst ein griechisches Bauernhaus zugewiesen bekommen, in Kumyali. Er hat Hunderttausende Euro in die Renovierung des Hofes nach ökologischen Standards und den Neubau eines Gästehauses gesteckt.

Er hat das Hotel mit Krediten finanziert, aber jetzt kommen zu wenig Gäste – wie im gesamten Norden Zyperns. Viele Investoren sitzen auf unbezahlten Rechnungen. Es gibt keine Direktflüge, keine Zusammenarbeit mit großen Reiseveranstaltern, das Wirtschaftsembargo dauert an. Die EU hat ihre Versprechen gebrochen, das Ja des Nordens zur Vereinigung Zyperns mit Erleichterungen zu belohnen.

Vor dem Ruin

Geschäftlich steht Zekai Altan vor dem Ruin. Es nutzt ihm auch nichts, dass der „Lonely Planet“-Reiseführer sein Hotel als einzigartig anpreist. „Wenn sich das Blatt in diesem Sommer nicht wendet, muss ich alles verkaufen. Dann gehe ich auch weg von hier“, sagt er. Wie so viele türkische Zyprer, vor allem aus der gut ausgebildeten jungen Generation.

Dann liest Altan aus einer E-Mail vor, die ihm der schwedische Tourismusverband geschickt hat: „Leider können wir Ihnen keine Feriengäste mehr schicken, denn die Republik Zypern hat uns darauf hingewiesen, dass Sie griechisches Land für ihr Hotel nutzen. Man droht, uns vor dem europäischen Gerichtshof zu verklagen.“

Fremde Anbautechniken

„Womit haben wir das verdient?“, fragt der Hotelier. Er sei es doch, der dafür gesorgt habe, dass das alte griechische Haus erhalten bleibt. Er habe doch die alte griechische Kirche in Kumyali renoviert. Und den griechischen Altbesitzern des Anwesens versprochen, ihr Haus zurückzugeben, sobald es eine Lösung der Zypernfrage gibt: „Sie waren so glücklich, als sie erkannten, dass wir Zyprer sind und ihren Besitz pflegen.“ Was, fragt Zekai Altan, sei denn gewonnen, wenn das Haus leer stünde und verfiele? Aber er hatte nicht mit der Unerbittlichkeit der griechisch-zyprischen Regierung gerechnet.

Am nächsten Morgen bringt er die Zyperngriechen mit dem Bus zu einer ehemaligen Olivenmühle, die jetzt ein Museum ist. Während der Fahrt nimmt er das Mikrofon und berichtet über die Probleme, die entstehen, wenn man Agrotourismus in einem Gebiet anbieten will, in dem die meisten Dörfer nicht nach hergebracht zyprischen, sondern fremden anatolischen Kulturtechniken wirtschaften, in dem mehr und mehr Häuser gebaut werden. „Die einzigen, die uns jetzt noch helfen können, seid ihr griechischen Zyprer“, sagt er. „Sonst gibt es hier in ein paar Jahren nur noch türkische Anatolier. Dann ist es vorbei.“ Protestieren müsse man, demonstrieren, zusammenhalten.

Eine Zyperngriechin, Angestellte einer Fluggesellschaft, antwortet darauf: „Wir kommen jedes Jahr, und jedes Jahr sagst du dasselbe.“ Am Vorabend schon hat sie gesagt, dass sie an Zekai Altans Rede von den Zyprern nicht glaubt. „Ich glaube an Nationen. Er lebt im türkischen Teil, ich lebe im griechischen. Punkt.“ Es wird nie wieder so sein, wie es einmal war.

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