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Erreicht nun auch die Gruppe der über 35-Jährigen: Rezo.

CDU-Reaktionen

Gesprächsangebot an den „Zerstörer“

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Die CDU blamiert sich mit ihrer Reaktion auf das Video des Youtubers Rezo.

Die Idee kam von Annegret Kramp-Karrenbauer. Eigentlich wollte die CDU-Vorsitzende Philipp Amthor auf die heftige Kritik des gleichjungen Youtubers Rezo antworten lassen. Eigentlich. Denn dann kam’s anders.

Philipp Amthor war am Dienstag in seinem Wahlkreis unterwegs, als ihn die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer anrief. Sie müsse ihn um einen Gefallen bitten, sagte sie. Es wäre schön, wenn er, Philipp, auf die heftige CDU-Kritik des Youtubers Rezo und dessen „Zerstörer“-Videos antworten könnte – mit einem Video. Sie glaube, er sei dafür „am besten geeignet“. Das finde übrigens auch Paul. Gemeint war Paul Ziemiak, Generalsekretär der CDU.

Noch in der Nacht fuhr Amthor von Ostvorpommern nach Berlin. Am frühen Morgen kam er im Konrad-Adenauer-Haus an – und legte los. In gut zwei Stunden war das Video gedreht, weitere zwei Stunden später fertig geschnitten. Ein „klasse Produkt“, sollte Ziemiak später sagen, auch wenn vor der Kamera mehrmals das Wort „fucking“ gefallen sein soll. Wenig später kündigte die CDU-Bundestagsfraktion ihren Abgeordneten in einem internen Chat an, das Amthor-Video werde noch am Nachmittag „auf allen Kanälen“ freigegeben.

Vier Tage nach Veröffentlichung des fast einstündigen Rezo-Videos sollte sich nun Philipp Amthor zu Wort zu melden: 26 Jahre, eloquent, wertkonservativ, jüngster, direkt gewählter Abgeordneter des deutschen Bundestags. Vermeintlich gestählt durch Fernsehauftritte bei Markus Lanz, Florian Schroeder oder Jan Böhmermann, bundesweit bekannt geworden durch eine juristisch messerscharfe „Zerstörer-Replik“ auf einen AfD-Antrag für ein Burkaverbot („Jetzt hören Sie mir mal zu!“), schien Amthor für Kramp-Karrenbauer ideal zu sein, die Christdemokraten gegen die Anwürfe des in etwa gleichaltrigen Youtubers zu verteidigen.

Womit die CDU-Chefin nicht gerechnet hatte: Eine wahre Flut aus Hohn und Spott ergoss sich umgehend in den sozialen Medien, in denen Amthor schon lange als rotes Tuch gilt. Die Amthor-Memes explodierten. Auf Twitter hieß es, die Ankündigung der CDU erinnere an eine Meldung des Satiremagazins „Der Postillon“. Amthor sei so konservativ, „der versendet sein Video per Post als VHS Casette (so!) an Redaktionen, während wir auf Youtube auf ihn warten“. Die teils verletzende Kritik, gepaart mit Neugier auf das Duell, nahm geradezu epidemische Ausmaße an, als der Nachmittag verstrich – und nichts passierte.

Egal wie ausgeklügelt Amthors Antworten auch gewesen sein würden: Ein hastig produziertes Filmchen würde nie auch nur ansatzweise Satisfaktion bieten – und schon gar nicht das Netz befrieden. So viel schien klar. Am Abend setzte sich die Meinung der Parteizentrale durch, Amthor und die CDU könnten nur verlieren, wenn das Video veröffentlicht würde.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und die Annette Widmann-Mauz, Bundesvorsitzende der Frauen-Union, sollen letztlich den Ausschlag gegeben haben. Ihre Kritik: Man könne keinen „einfachen Bundestagsabgeordneten“ antworten lassen. So etwas müsse der Generalsekretär machen. Kramp-Karrenbauer stimmte zu – und war blamiert.

Am Donnerstagmorgen wurde die Öffentlichkeit informiert. Ziemiak wandte sich direkt an Rezo und gab Fehler seiner Partei zu. Als ein Beispiel nannte er den Klimaschutz. „Die Lösungen müssen jedoch so sein, dass die Menschen in Deutschland unseren Weg akzeptieren“, betonte der Generalsekretär und schob ein Gesprächsangebot hinterher. „Lass uns treffen, damit wir miteinander sprechen können. Philipp Amthor kommt auch. Dein Paul.“

Der Youtuber selbst meldete sich am Donnerstag in der „FAZ“ zu Wort und griff die Partei erneut scharf an. „Selbst wenn ein Unterdreißigjähriger sich auf Wissenschaftler und Experten beruft, antwortet die CDU mit Lügen und geht inhaltlich gar nicht auf Argumente ein“, sagte er dem Blatt.

Philipp Amthor jedenfalls zeigte sich erleichtert, das Video nicht veröffentlicht zu haben. Man habe die Entscheidung gemeinsam getroffen, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Bei mir zu Hause in Ostvorpommern macht man das so: Wir reden nicht übereinander, wir setzen uns an einen Tisch und sprechen miteinander.“ Und weiter: „Keine Sorge: Was Mut und Schlagfertigkeit angeht, habe ich an nichts eingebüßt. Und übrigens: Das Video ist klasse.“

Spätestens jetzt war die Sache keine Amthor-Story mehr, sondern eine Geschichte der Parteichefin. Auf einer Wahlveranstaltung in Berlin gab sich Kramp-Karrenbauer am Donnerstagmittag wortkarg. „Wir haben lange überlegt, wie wir uns aufstellen“, sagte sie und dass die CDU ja jetzt eine eigene Antwort gefunden habe. „Und jetzt möchte ich Wahlkampf machen“, sagte sie und wendete sich ab.

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