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Marktstand in Rom: Nur Supermärkte, Lebensmittelläden sowie Apotheken dürfen noch geöffnet sein.

Italien

Gespenstische Ruhe

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Die Regierung Italiens hat nun das ganze Land unter Quarantäne gestellt.

In Italien ist nun praktisch alles verboten, sogar das Spazierengehen. „Die wichtigste Regel ist und bleibt: Man geht nur noch aus dem Haus, wenn es absolut unumgänglich ist“, verkündete Regierungschef Giuseppe Conte in der Nacht zu Donnerstag. Nur so könne die rasende Verbreitung des Coronavirus eingedämmt werden. „Vorerst bis zum 25. März werden alle Geschäfte geschlossen bleiben – außer jene, die Produkte des Grundbedarfs anbieten“, erklärte der Ministerpräsident. Er danke allen „für die Opfer, die sie nun erbringen müssen. Aber die Gesundheit der Italienerinnen und Italiener geht vor“, erklärte der Premier.

Mit dem neuen Notdekret werden die bereits zwei Tage zuvor verfügten Maßnahmen, bei denen das Land zur „Schutzzone“ erklärt wurde, drastisch verschärft. Italien ist nun ein einziges, riesiges Quarantäne-Gebiet mit 60 Millionen Einwohnern. Geöffnet waren gestern nur noch Lebensmittelläden, Supermärkte, Apotheken, Tabakwaren- und Zeitungsstände. Trattorien, Restaurants und Bars, die zuvor noch bis 18 Uhr geöffnet bleiben durften, blieben gestern geschlossen, ebenso Frisier-Salons. Besuche bei Freunden sind untersagt, Feste sowieso; die Fahrt ins Ferienhaus am Meer ist ebenfalls verboten. Ins Freie darf man in Italien nur noch zum Einkaufen, um zur Arbeit zu gehen, für medizinische Behandlungen oder in nicht näher definierten „Notfällen“.

Passierscheine vorzeigen

Mit diesen Schritten hat die Regierung erreicht, was bisher nur zum Teil gelungen war: Soziale Kontakte sind unterbunden, das öffentliche Leben steht still. Die Straßen Roms, in denen sonst das Chaos herrscht, sind gespenstisch leer. Busse fahren zwar, aber meist sitzt darin nur eine Handvoll Passagiere. Die einzigen Menschen, die man in der Ewigen Stadt zu Gesicht bekommt, sind Leute, die vor Lebensmittelläden und Supermärkten anstehen, im vorgeschriebenen Sicherheitsabstand von mindestens einem Meter. Vereinzelt haben Carabinieri an den Straßen Kontrollposten eingerichtet, an denen Passanten ihren Passierschein vorweisen müssen, Auf diesem Schein muss man den Grund angeben, warum man sich im Freien bewegt.

Es scheint, als habe die Bevölkerung den Ernst der Lage erkannt. Als „gerechtfertigt und nötig“ bezeichnet Paolo, 68, das Vorgehen der Regierung, während er vor dem Supermarkt an der Straße des 21. April mit etwa dreißig anderen Kunden geduldig darauf wartet, bis er vom Türsteher mit Mundschutz eingelassen wird. Die Angst vor einer Ansteckung ist allgegenwärtig. „60 Prozent von dem, was man jetzt erlebt, ist meiner Meinung nach zwar der Hysterie zuzuschreiben, die von den Medien noch geschürt wird. Aber zu 40 Prozent beruhen die Maßnahmen auf einer realen Bedrohung“, glaubt Paolo. Er sei vorsichtig und versuche, sich so gut wie möglich zu schützen und an Vorgaben zu halten.

Auch politisch gibt es für das neue Notdekret breite Zustimmung: Die Regierungsparteien – die Fünf-Sterne-Bewegung und die Sozialdemokraten – haben zugestimmt, die von Lega-Chef Matteo Salvini angeführte Opposition ist ebenfalls einverstanden. Die von der Epidemie am meisten betroffenen norditalienischen Regionen Lombardei und Venetien hatten die Verschärfung der Auflagen schon am Tag zuvor gefordert: In den beiden Regionen droht die Intensivmedizin unter der Last der Covid-19-Patienten zu kollabieren. In einzelnen Kliniken wird wegen des akuten Mangels an Intensivpflege-Betten eine Triage vorgenommen: Wer ohnehin schlechte Überlebenschancen hat, wird schon gar nicht mehr aufgenommen.

Reichen diese Schritte aus?

Die große Frage lautet: Werden diese Schritte ausreichen, um die Epidemie zu stoppen oder mindestens spürbar zu verlangsamen? Gianni Rezza, Chef der Abteilung Infektionskrankheiten des nationalen Sanitätsinstituts, ist zuversichtlich: „Wir tun jetzt das, was nötig ist. Aber es wird entscheidend sein, dass sich wirklich alle an die neuen Vorschriften halten“, betont der Experte. Dann werde man in einigen Wochen zweifellos die erhofften Resultate sehen. Größere Sorgen bereiten Rezza derzeit einige EU-Partner, die noch nicht die nötigen Vorkehrungen getroffen hätten und in Kürze ähnliche Probleme bekommen könnten wie Italien. „Diejenigen, die uns jetzt kritisieren, wir hätten zu spät reagiert, denen rate ich, erst einmal die nächsten Wochen abzuwarten, bevor sie über uns urteilen“, sagt Rezza. Mit 12.462 Infizierten und 827 Toten (Stand Donnerstag, 15 Uhr) ist Italien derzeit europaweit das mit Abstand am stärksten von der Epidemie betroffene Land.

Das Notdekret hat auch Folgen für Unternehmen und den öffentlichen Dienst: Alle Betriebe und Fabriken, die nicht von strategischer Bedeutung sind oder kein Home-Office einführen können, müssen die Produktion reduzieren oder einstellen. Ausgenommen von den Restriktionen sind die Landwirtschaft, Transporte sowie Bank-, Post- und Versicherungsdienstleistungen.

Letztlich sind die Folgen der Corona-Krise für die italienische Wirtschaft aber noch nicht absehbar – die Schäden werden sich aber wohl auf zweistellige Milliardenbeträge belaufen. Die Tourismusbranche leidet jetzt schon unter Umsatzeinbußen von bis zu 90 Prozent, vor allem in Norditalien (wo auch die Skigebiete geschlossen wurden). Die drittgrößte Volkswirtschaft der EU wird Experten zufolge in diesem Jahr in eine Rezession geraten.

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