+
"Der Horror der Trump-Regierung zwingt uns dazu, uns unserer Geschichte zu stellen", sagt Siri Hustvedt.

US-Schriftstellerin Siri Hustvedt

"Gespenster des Sexismus"

  • schließen

US-Schriftstellerin Siri Hustvedt spricht über die Ursachen für die zunehmende Frauenfeindlichkeit, die Lehren aus der #MeToo-Debatte und die wichtige Rolle der Intellektuellen im Trumpschen Amerika.

Frau Hustvedt, Brett Kavanaugh ist inzwischen oberster Bundesrichter. Dabei musste er sich kürzlich noch vor dem Senat wegen versuchter Vergewaltigung verantworten. Die Anhörungen waren ein Kulminationspunkt der #MeToo-Bewegung. Wie haben Sie das Spektakel erlebt?
Das Spektakel war ein klarer Beleg für die Brutalität der patriarchalischen Strukturen in unserem Land. Die Furcht der Republikaner vor einer FBI-Untersuchung und ihre erbitterte Verteidigung von Kavanaugh hatten die verzweifelte, enthemmte Qualität männlicher Macht, die unter Beschuss geraten ist. Es mag sein, dass dieser Mann in das oberste Gericht unseres Landes berufen wird, aber die Geschichte ist damit noch lange nicht zu Ende. Hier wird Unterdrückung durch das untermauert, was Bourdieu „symbolische Gewalt“ nennt – unsichtbare und scheinbar legitime Arten und Weisen der Machterhaltung. Diese Anhörungen haben die symbolische Gewalt, die zur Erhaltung des Patriarchats eingesetzt wird, auf eine groteske Art und Weise offen gelegt.

Sie nehmen seit der Wahl von Donald Trump als Intellektuelle und Schriftstellerin weitaus stärker am politischen Leben Teil als zuvor. Glauben Sie, etwas verändern zu können?
Ich denke wie die meisten amerikanischen Intellektuellen wesentlich intensiver über die Gespenster des Sexismus, des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit nach, die unser Leben in Amerika verfolgen. Ich fürchte aber, dass ich damit niemanden dazu gebracht habe, seine oder ihre Meinung zu ändern.

Ist das frustrierend?
Ach nein, ich bin überhaupt nicht frustriert. Ich habe Texte geschrieben, die eine halbe Million Menschen erreicht haben – mehr, als jemals meine Bücher lesen werden. Ich habe während einer Demonstration gegen die Einwanderungspolitik von Trump spontan eine Rede auf den Stufen der Public Library gehalten. Mein Mann hat gesagt, er habe gar nicht gewusst, dass er mit Emma Goldman verheiratet ist. Man muss das einfach tun in diesen Zeiten, Leidenschaft zeigen. Es ist für mich aber auch eine Art, bestimmte Fragen zu artikulieren.

Sie sind zum Beispiel fasziniert von der amerikanischen Fantasie des „Selfmademan“, die in Trump ihre Inkarnation findet.
Ja, er steht damit in einer amerikanischen Tradition, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Benjamin Franklin hat in seiner Autobiografie eine Mythologie seines eigenen Aufstiegs fabriziert, in der keine seiner beiden Eltern eine Rolle spielt.

Trump erzeugt einen ähnlichen Mythos über seinen Aufstieg.
Dabei ist er ja das genaue Gegenteil eines Selfmademan, er hat ein Vermögen von seinem Vater geerbt. Barack Obama ist ironischerweise viel mehr ein Selfmademan als Trump.

Obama hat seinem Vater ein ganzes Buch gewidmet und redet oft von seiner Mutter.
Ganz genau. Sehen Sie, diese Geschichte des sich selbst erschaffenden Mannes ist ein Alptraum der Aufklärung. Die Idee des sich selbst gewärtigen Individuums, das sein eigenes Schicksal bestimmt, ist eine der zentralen Ideen der Aufklärung. Aber wir wissen natürlich heute, wie sehr wir durch unsere sozialen Bindungen geformt werden und wie stark wir von ihnen abhängig sind.

Am meisten wohl von unserer Mutter.
Ja, wir gehören zu den wenigen Säugetieren, die als Kleinkinder ohne Mutter sofort sterben würden. Fohlen stehen unmittelbar nach der Geburt auf und springen eigenständig umher. Die menschliche Autarkie ist hingegen eine Männerfantasie, und Trump ist eine groteske Inkarnation dieser Fantasie.

Sie glauben aber, dass das amerikanische Selbstverständnis eng an diese Fantasie des einsamen Cowboys geknüpft ist.
Das hat ja schon Alexis de Tocqueville bei seiner Amerikareise 1835 beobachtet. Er hat gesehen, dass Amerikaner ihre Beziehungen untereinander vernachlässigen, weil sie von der Idee des Individuums besessen sind.

Deshalb hatten Frauen es immer besonders schwer in den USA.
Der innere Widerstand gegen die Abhängigkeit von der Mutter treibt meiner Meinung nach ganz massiv die Frauenfeindlichkeit in unserem Land an. Das tritt in der Person Donald Trump ganz unverblümt zutage. Trump nennt Frauen Schweine und Hündinnen, er gibt sich gar keine Mühe, sich zu verstellen. Natürlich sind wir immer und überall von Frauenfeindlichkeit umgeben, aber sie so offen und unverblümt zu erleben, wie in Trump oder auch in den Kavanaugh-Anhörungen, ist schon ein wenig schockierend.

Warum zeigt sich die Frauenfeindlichkeit gerade jetzt so unmaskiert?
Das hat paradoxerweise mit dem Fortschritt der Frauenbewegung zu tun. Es war schon immer so, dass es heftige Reaktionen darauf gab, wenn Frauen ihre Rechte eingefordert haben. Das fing im 19. Jahrhundert an, als Frauen ihr Recht auf Bildung geltend gemacht haben. Damals haben die Bildungseinrichtungen und die Politik und sogar die Medizin behauptet, dass der Menstruationszyklus das Studium für Frauen unmöglich mache. Mein Lieblingsargument ist, dass Frauen ihre mentalen Energien für ihre reproduktiven Aufgaben aufsparen müssen. Das waren damals ernsthafte wissenschaftliche Diskussionen.

Und nun sehen wir die Reaktion auf den sozialen Fortschritt von Frauen seit den 60er Jahren.
Als ich ein kleines Mädchen war, gab es keine weiblichen Ärzte oder Anwälte in meiner Kleinstadt in Minnesota. Nicht eine einzige. Und in der nächstgrößeren Stadt, Minneapolis, war es nicht viel besser. Das hat sich vollkommen gewandelt. Ich unterrichte hier in New York ein Seminar für Psychologiestudenten in ihrem klinischen Semester, da sind ziemlich genau die Hälfte der Studenten weiblich.

Und Sie sehen den Erfolg von Trump als Reaktion auf diesen Fortschritt an?
Zum Teil jedenfalls. Leider haben wir aber auch das Phänomen, dass die Mehrheit weißer Frauen für Trump gestimmt haben. Schwarze Frauen waren da viel klüger, sie haben zu 98 Prozent Hillary gewählt.

Glauben Sie, dass die Trump-Ära ein letztes Aufbäumen der alten weißen Männer ist?
Ich hoffe es. Ich sage meinem Mann immer, dass die alle über 60 sind und dass die bald aussterben.

Was hat er dazu gesagt?
Er hat natürlich gesagt, dass er auch ein weißer Mann über 60 ist. Ich habe ihn trösten müssen, schließlich ist er jüdisch und gebildet und klug.

In Ihrem neuen Aufsatz „Illusionen der Gewissheit“ plädieren Sie für die Aufhebung des Dualismus zwischen Körper und Geist. Ist diese Arbeit auch eine Reaktion auf das Trumpsche Fantasma der Körperlosigkeit?
Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit dem Körper-Geist Problem. Aber es ist natürlich so aktuell wie nie. Der Körper wurde historisch stets als weiblich kodiert und der Geist als männlich. Wir wissen ja von Trump, dass ihn der Körper –und speziell der weibliche Körper – abstößt. Er ist wie besessen von weiblichen Körperflüssigkeiten, er hat wiederholt seinen Ekel vor Menstruationsblut und sogar vor stillenden Frauen zum Ausdruck gebracht. Er hat ganz eindeutig Schwierigkeiten damit, dass Körperflüssigkeiten körperliche Grenzen überschreiten. Er will die Grenzen sauber halten zwischen sich und anderen und zwischen sich und der Welt. Das ist eine Sehnsucht nach Körperlosigkeit gepaart mit einer tiefsitzenden Furcht vor Frauen.

Gleichzeitig hat er anscheinend, wenn gewisse Geschichten über russische Hotelzimmer stimmen, eine sexuelle Vorliebe für Körperflüssigkeiten.
Jeder Psychoanalytiker wird Ihnen sagen, dass das hundertprozentig ins Bild passt. Die Transgression seiner eigenen Tabus erregt ihn scheinbar.

Sie sagten eingangs, dass die Trump-Regierung Sie auch dazu veranlasst hat, intensiver über den Rassismus in Amerika nachzudenken. Inwiefern?
Ich denke, das geht Hand in Hand. Die Black-Lives-Matter-Bewegung und die #MeToo-Bewegung haben uns alle in Amerika dazu gezwungen, die Machtstrukturen in diesem Land ganz genau unter die Lupe zu nehmen. Selbst progressive Amerikaner waren sich vor Black Lives Matter nicht unbedingt des Ausmaßes des systematischen und institutionellen Rassismus in den USA bewusst. Der Horror der Trump-Regierung zwingt uns dazu, uns wirklich unserer Geschichte zu stellen.

Ist dies dann vielleicht auch ein heilsamer Augenblick für das Land?
Wenn wir vom weißen liberalen Amerika sprechen, ist das sicherlich der Fall. Das weiße, liberale Amerika ist ja bei all dem nicht schuldlos. Wenn wir an #MeToo denken wird klar, dass weiße liberale Männer nicht frei von Sexismus und Frauenfeindlichkeit sind. Die einzige Art und Weise, diese Impulse zu überwinden, ist es, sich ihrer bewusst zu werden.

Sie wenden sich in Ihrer Arbeit sehr stark gegen binäre Gender-Konstruktionen. Man hat aber auch das Gefühl, dass Teile der #MeToo-Bewegung solche Konstruktionen eher verstärken als sie in Frage zu stellen.
Natürlich sind diese Dinge sehr kompliziert. Grundsätzlich ist es aber erst einmal gut, dass man heute Frauen, die Gewalt erfahren haben, glaubt, und dass die Kultur akzeptiert, was im Alltag überall vor sich geht. Jede Frau hat ihre Geschichte, ohne Ausnahme. Dabei ist nicht jede Geschichte eine klare Geschichte des gewaltsamen Machtmissbrauchs. Ich kann nicht behaupten, dass ich dazu gezwungen worden wäre, mit jemandem zu schlafen, um meinen Doktortitel zu bekommen. Aber ich hatte natürlich grenzwertige Begegnungen mit Männern. Und #MeToo hat für mich, wie für viele Frauen, diese Erinnerungen ans Tageslicht gebracht – all die Hände auf dem Knie unter dem Tisch, bei denen man nichts gesagt hat. Das Recht zu verspüren, Männer öffentlich für solches Verhalten an den Pranger zu stellen – das ist Fortschritt. Gleichzeitig gibt es natürlich auch umgekehrte Fälle, bei denen Frauen ihre Machtpositionen ausnutzen und junge Männer Opfer von sexuellem Missbrauch sind. Unter dem Strich geht es um Machtverhältnisse. Es geht darum, dass mein Körper mir gehört, egal ob Mann oder Frau.

Sie glauben also nicht, dass Frauen mit Macht verantwortungsvoller umgehen als Männer?
Nein, da bin ich mir ganz sicher. Es gibt ja diese Fantasien, dass wenn Frauen an der Wall Street an der Macht wären, es weniger Gier gäbe oder dass unser Land in einem besseren Zustand wäre, wenn Frauen die Mehrheit im Kongress stellen würden. Ich bin dafür, dass mehr Frauen in Machtpositionen kommen, aber ich glaube nicht, dass wir auf diese Art eine kommunitaristische Utopie erzeugen. Wann immer Frauen in Machtpositionen waren, haben sie sich genauso verhalten wie Männer – manchmal großartig, manchmal fürchterlich. Golda Meir hat sich nichts vormachen lassen und wenn Margaret Thatcher ein Vorbild sein soll, dann nehme ich doch lieber einen Mann.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion