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Wie geht?s weiter? Ein Graffito in Skopje spielt auf den fast 30 Jahre andauernden Streit zwischen Mazedonien und Griechenland an.

Mazedonien

Gespaltenes Land

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Ende September sollen die Mazedonier über einen neuen Namen für ihr Land abstimmen. Das soll einen lange schwelenden Streit mit Griechenland beilegen und könnte der Republik sogar den Weg nach Europa ebnen ? aber nicht alle wollen dafür den Landesnamen opfern.

Angel Yanev erinnert sich gerne an seine Zeit im fernen Gummersbach, auch wenn das schon ein halbes Jahrhundert her ist. In der westdeutschen Kreisstadt verdiente Yanev, schlohweisses Haar, braungebranntes Gesicht, azurblaues Poloshirt, fliessendes Deutsch, einmal seine Brötchen. In einer Fabrik, an der Drehbankmaschine. 

„Mein Chef war sehr zufrieden mit mir. Er sagte mir: ‚Angel, du musst Deutscher werden! Bleib‘ bitte bei uns!‘ Ich erwiderte: ‚Wieso? Ich habe doch den jugoslawischen Pass. Damit kann ich hier bleiben, solange ich mag.“ In seiner Stimme schwingt eine gewisse Sehnsucht mit. 

Dennoch blieb er nicht lange. Angel Yanev, heute 72, Rentner und mehrfacher Großvater, kehrte in seine Heimat Jugoslawien zurück. Ganz in den Süden, nach Mazedonien. Er erlebte 1991, wie Jugoslawien nach und nach zerfiel. Am 8. September jenes Jahres erklärte Mazedonien feierlich seine Unabhängigkeit. Mehr als 91 Prozent der Bewohner hatten sich in einem Referendum dafür ausgesprochen. Das tat auch Angel Yanev. Der neue Staatsname: „Republik Mazedonien“. 

Am 30. September, gut 27 Jahre später, sind rund 1,8 Millionen stimmberechtigte Mazedonier erneut zu einem Referendum aufgerufen. Die Frage lautet diesmal: „Sind Sie für die Mitgliedschaft in der EU und der NATO, indem Sie das Abkommen zwischen der Republik Mazedonien und der Hellenischen Republik anerkennen?“

Das Abkommen, ein Kompromiss, ist 20 Seiten stark und umfasst 20 Artikel. Erst am 17. Juni unterzeichneten nach monatelangem Ringen die beiden Außenminister Nikola Dimitrov (Mazedonien) und Nikos Kotzias (Griechenland) das Dokument. Es sieht im Kern vor, dass die Republik Mazedonien fortan Nord-Mazedonien heißen soll. Die vier Extra-Buchstaben im Staatsnamen sind ein Zugeständnis an Griechenland. In dessen Norden liegt die Region Makedonien. 

Im Gegenzug erkennt Hellas erstmals die Existenz der mazedonischen Nation sowie der mazedonischen Sprache im nördlichen Nachbarland an. Für Athen ist dies ein historischer Tabubruch. 

Dafür erkennt Skopje wiederum an, dass Alexander der Große, der legendäre antike Feldherr, historisch und kulturell zum griechischen Erbe (und nicht zum nationalen Erbe Nord-Mazedoniens) zählt. Auch dies ist ein Novum. So soll unter dem unsäglichen Namensstreit endlich ein Schlussstrich gezogen werden. Die Einigung ist die unabdingbare Voraussetzung dafür, dass Griechenland seinen bisher erbitterten Widerstand gegen den Beitritt des kleinen Nachbarns in die EU und die NATO aufgibt. 

Angel Yanev lässt das alles kalt. Er weiß schon jetzt, an diesem warmen Morgen Anfang September auf dem Zentralplatz in Skopje, was er just am 30. September tun wird. Er bleibt zuhause. Demonstrativ. „Natürlich boykottiere ich das Referendum. Und nicht nur ich, sondern meine ganze Familie. Wir sind mehr als dreißig Personen. Wir sind nicht Nord-Mazedonien, nicht Ober-Mazedonien, nicht Neu-Mazedonien. Das geht alles gar nicht. Wir sind Mazedonien!“ 

Ganz Europa habe das Land doch bisher Mazedonien genannt, so Yanev. „Das soll jetzt plötzlich anders sein?“, wundert er sich. „Ich bin Angel. Ich kann doch nicht einfach so meinen Namen ändern.“ 

Angel Yanev kann nicht verstehen, warum er überhaupt dazu gefragt werde. Die mazedonische Regierung unter dem sozialdemokratischen Premier Zoran Zaev habe zuerst das Abkommen mit Griechenland verfasst, es dann unterschrieben, ohne das Volk zuvor zu fragen. Yanev schüttelt den Kopf. „Ist das Demokratie? Ich habe das Abkommen nicht geschrieben.“ 

So denkt auch Vladica Kouneva. Sie sitzt im Schatten des imposanten Denkmals von Alexander dem Großen im Herzen Skopjes. Ihr Enkel döst im Kinderwagen. „Ich bin Mazedonierin und mein Land heißt Mazedonien. Fertig.“ Immerhin: Sie wird wählen gehen, aber mit Nein stimmen. „Mit beiden Händen“, wie sie sagt.

Ob die kategorische Ablehnung jeglicher Namensänderung, die latente Politikverdrossenheit oder schlicht Desinteresse: So wie Angel Yanev denken viele in der Hauptstadt Skopje, im Rest des kleinen Landes und nicht zuletzt unter den Hunderttausenden Mazedoniern in der Diaspora. Sie werden dem Referendum fernbleiben. Getreu dem Motto: „Ich habe am 30. September besseres zu tun.“ 

Ein Indikator dafür: Informationen zufolge hat sich nur ein Bruchteil der Auslandsmazedonier in den Botschaften und Konsulaten fernab von Skopje für das Referendum registrieren lassen. Das treibt nicht nur der Regierung Zaev die Sorgenfalten auf die Stirn. Bleibt schon die Hälfte der Wahlberechtigten dem Urnengang fern, dann ist das Referendum ungültig. Nur wenn umgekehrt mindestens 50 Prozent plus ein Wähler ihre Stimme abgeben, ist es gültig. 

Fest steht: Die Regierung Zaev kann sich der entschiedenen Unterstützung der EU und NATO sicher sein. So hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) während ihres Besuchs in Skopje am Samstag, dem Unabhängigkeitstag, für ein Ja im Referendum über eine mögliche EU- und Nato-Mitgliedschaft geworben. Sie wolle sich nicht in die inneren Angelegenheiten des Westbalkanlandes einmischen, beteuerte Merkel. Aber aus eigener Erfahrung wisse sie, „dass sich historische Chancen nicht alle Tage ergeben“, sagte sie. „Wir haben aus deutscher Sicht, aus europäischer Sicht ein großes Interesse an einer stabilen Region... Der westliche Balkan ist entscheidend auch für die Stabilität der ganzen Union“, sagte die Kanzlerin. Hintergrund ist, dass etwa Russland vorgeworfen wird, den EU-Kurs der Westbalkan-Staaten torpedieren zu wollen. Merkel traf in Skopje neben Ministerpräsident Zoran Zaev auch Oppositionspolitiker.

Es war nicht nur der erste Besuch Merkels in Skopje seit dem Beginn ihrer Kanzlerschaft im Jahr 2005, sondern auch das erste Mal seit 20 Jahren, dass ein Bundeskanzler Mazedonien besucht. Vorige Woche waren auch NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg und Österreichs Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) in Skopje, um für das Referendum zu werben. 

„Die meisten Mazedonier werden die Botschaft dieser Besuche verstehen. Das ist ein starker Rückenwind für den Kurs der Regierung Zaev“, sagt der frühere mazedonische Außenminister Denko Maleski. Und der politische Analyst Petar Arsovksi pflichtet bei: „Keine Frage: Diese Besuche belegen, wie wichtig das Referendum ist und wie sehr die EU- und NATO-Spitze einen positiven Ausgang wollen.“

Das will die Opposition in Skopje verhindern. Die führende Oppositionspartei, die nationalkonservative VMRO, die bis zum Frühjahr 2017 in Skopje regierte, wirft der Regierung Zaev vor, sie habe gegenüber Athen „kapituliert“. Die größte Sünde Zaevs sei es, den Staatsnamen preisgegeben zu haben. 

Auch Zaev weiß, dass die mit Athen vereinbarte Namensänderung viele Mazedonier schmerzt, sie gar demütigt. Auffällig ist, dass Zaev und seine Unterstützer in der gerade angelaufenen Regierungskampagne für das Referendum den künftigen Staatsnamen Nord-Mazedonien tunlichst nicht verwenden. Die Befürworter der Einigung mit Athen sprechen stets mit Blick auf die in Mazedonien sehr beliebte EU von einem „europäischen Mazedonien“. So wollen Zaev und Co. den Gegnern des Abkommens mit Athen den Wind aus den Segeln nehmen. Zumindest rhetorisch.

Der verbalen Gymnastik aus dem „Ja“-Lager zum Trotz: das Tauziehen mit der Opposition geht weiter. Pikanterweise hat VMRO-Chef Hristijan Mickoski immer noch nicht klargestellt, ob er die Anhänger seiner Partei zu einem Boykott des Referendums aufrufen wird. Solange er dies nicht tut, bietet er wiederum dem hochkarätigen Trio Kurz, Merkel und Stoltenberg reichlich Spielraum, um Druck auf ihn auszuüben. Eine Steilvorlage für Merkel und Co. 

Das Kalkül der Polit-Prominenz aus Wien, Berlin und Brüssel: Gelänge es ihnen, Mickoski einen Verzicht auf einen Aufruf zum Boykott abzuringen, dann dürften sich die Chancen auf eine Beteiligung von mindestens 50 Prozent und damit ein gültiges Referendum drastisch erhöhen. So würde der Weg für einen positiven Ausgang des Referendums geebnet. Jüngsten Umfragen zufolge hat das Ja-Lager die Nase vorn unter denen, die ihre Stimme abgeben wollen. Kritiker monieren, die Ergebnisse der Umfragen seien mit Vorsicht zu genießen. Und dies nicht nur, weil sie im Ferienmonat August durchgeführt wurden. 

Kaum ein Zweifel herrscht hingegen daran, dass die albanische Bevölkerungsgruppe in Mazedonien, die etwa ein Viertel der Wählerschaft darstellt, im wegweisenden Referendum mit überwiegender Mehrheit mit „Ja“ stimmen wird. Das würde den Ausschlag für das Pro-Lager geben, aber immer nur unter der Voraussetzung, es nehmen mehr als 50 Prozent am Referendum teil. 

Elvis Xhaferi, Anfang vierzig, Arzt aus der westmazedonischen Stadt Tetovo, einer Hochburg der Albaner, hat sich schon entschieden. Er wird mit Ja stimmen. „Es ist überfällig, dass der Namensstreit beigelegt wird. Wir haben schon zuviel Zeit damit verloren, wir müssen nach vorne schauen“, sagt er. Auch der slawische Mazedonier Atanas Savevski muss nicht erst überzeugt werden. „Ich gehe wählen. Und ich werde mit Ja stimmen“, sagt der 36-jährige Software-Ingenieur bei einer Arbeitspause in einem der unzähligen Cafes in Skopjes Innenstadt. „Mazedonien hat mehr Möglichkeiten in der EU als außerhalb der EU. Ich sehe eine Mitgliedschaft in der EU und der NATO positiv. Ich will eine bessere Zukunft für mein Land. Ohne Korruption, ohne Vetternwirtschaft. Ich will auch die Freiheit haben, zumindest vorübergehend überall in der EU arbeiten zu können. Da ist mir der Staatsname egal“, so Atanas Savevski. 

Das sehen viele junge Mazedonier genauso. Die triste Wirklichkeit sieht für sie hierzulande so aus: Niedrige Einkommen, hohe Arbeitslosigkeit, kaum Karrierechancen. Da passt es ins Bild, dass sich schon in der Früh vor allem vor der deutschen, österreichischen oder Schweizer Botschaft in Skopje lange Warteschlangen bilden. Tag für Tag. Vor allem junge Mazedonier wollen das begehrte Arbeitsvisum, um ihrer Heimat den Rücken zu kehren. Kein leichtes Unterfangen. Schon gar nicht als Bürger eines Drittstaats außerhalb der EU.

Auch Matthew Nimetz fiebert dem 30. September entgegen. Der US-Diplomat vermittelte als UN-Sonderbeauftragter mehr als zwei Jahrzehnte im Namensstreit zwischen Athen und Skopje. Er mühte sich dabei an vielen Regierungen auf beiden Seiten ab. Lange vergeblich – bis im Juni der Durchbruch kam. Nimetz rief nun die Mazedonier auf, die Einigung mit Athen im Referendum abzusegnen. Eindringlich warnte er: Scheitert das Referendum, müsse ein neuer Deal mit Athen her. Für den 79-jährigen Nimetz ist dies das ultimative Horrorszenario: „Das kann noch einmal 25 Jahre dauern.“ (mit rtr)

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