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Eddie Lucio senior

Hispanier sollen Hillary retten

Gespaltene Familien

Werden Hispanier Hillary Clinton zum dringend nötigen Sieg in Texas verhelfen? Oder erobert Konkurrent Barack Obama auch diese Bastion. Viele hispanische Familien hat der Präsidentschaftswahlkampf gespalten.

Von Dietmar Ostermann

Brownsville - Wenn der alte Senator von seinem Sohn spricht, schwingt viel Stolz in seiner Stimme. Ein guter Junge, ehrgeizig, klug, erfolgreich. "Vielleicht", lacht Eddie Lucio, "wird er mal ein hispanischer Obama". Vor zwei Jahren wurde der Junior ins Parlament von Texas gewählt. Da war er gerade 27 Jahre alt. Seither sitzen Vater und Sohn im Kapitol der Texas-Hauptstadt Austin: Der alte Lucio, 62, im Senat. Eddie III. im Repräsentantenhaus.

Ihre Wahlbezirke liegen im Südzipfel von Texas, hier im staubigen Rio Grande Valley an der Grenze zu Mexiko. Es ist eine der ärmsten Gegenden und jene mit dem höchsten Anteil hispanischer Wähler in Texas. Ein vergessener Landstrich, auf den freilich am Dienstag ganz Amerika blickt: Werden die Hispanics Hillary Clinton zum dringend nötigen Sieg in Texas verhelfen? Oder erobert Konkurrent Barack Obama auch diese Clinton-Bastion - und besiegelt so den womöglich entscheidenden Sieg im Kampf um die Präsidentschaftskandidatur?

"In unserer Kultur", sagt Eddie Lucio, der Senator, über die vom mexikanischen Einfluss geprägten Menschen im Grenzland, "haben Familie und Loyalität einen hohen Stellenwert." Doch alle Familienbande haben nicht verhindern können, dass Vater und Sohn derzeit in unterschiedlichen Lagern kämpfen: Wie viele hispanische Familien hat der Präsidentschaftswahlkampf der Demokraten auch die Lucios gespalten. Der Vater organisiert in der texanischen Grenzstadt Brownsville den Wahlkampf für Hillary Clinton. Der Sohn den für Obama.

Die Clintons sind für Eddie Lucio, den Senior, wie alte Freunde, denen er schon deshalb die Treue hält, weil auch sie stets für Südtexas da waren. Der karge Landstrich erlebt einen bescheidenen Boom, seit das von Bill Clinton unterzeichnete Freihandelsabkommen Nafta den Warenaustausch mit Mexiko erleichtert. "Die Arbeitslosigkeit war zweistellig, jetzt liegt sie bei sieben Prozent", rechnet er vor. Ältere Hispanics erinnern sich noch, wie Programme zur Armutsbekämpfung in den Clinton-Jahren das Leben im Rio-Grande-Tal verbesserten. Bill Clinton hatte mit Federico Penja einen "Valley-Boy" sogar als Städtebauminister nach Washington geholt. "Hillary kennt unsere Probleme", sagt Eddie Lucio, "die Clintons hatten immer ein offenes Ohr."

Auch seine eigene Erfahrung in Leben und Politik aber ist es, die den Senator für die ehemalige First Lady einnimmt. Eddie Lucio stammt aus einfachen Verhältnissen. Der Großvater war Kuhhirt auf der berühmten King-Ranch. Der Vater, ein Amateurboxer, hatte es zum Hilfssheriff gebracht. Er hielt seine zehn Kinder an, sich als Amerikaner zu fühlen, ohne den damals üblichen Zusatz "mexikanisch". Aber auch an Begebenheiten wie jene, als der Vater in einer Bar beschieden wurde, man bediene "hier keine Indianer", erinnert sich Eddie Lucio noch genau.

Sein eigenes Leben blieb vom mühsamen Kampf um Anerkennung geprägt. Er war der erste hispanische Schatzmeister in Brownsville. Später war er als Abgeordneter in Austin Teil jener Generation von Hispanics, die sich oft gegen harte Widerstände politisch Gehör verschaffte.

Jetzt sind die Hispanics erstmals bei einer Präsidentschaftswahl die größte Minderheit in den USA, und da geht es für ihn auch um politische Macht: "Wir müssen zeigen, dass wir entscheiden können, wer Texas gewinnt." Noch immer gibt es zu wenig gute Jobs im hispanischen Gürtel am Rio Grande, ziehen junge Leute weg, müssen Veteranen vier Stunden bis San Antonio ins nächste Militärhospital fahren. "Ich weiß, wie schwer Veränderung ist", sagt der Senator. Sechs Jahre hat er im Texas-Parlament für ein Gesetz gekämpft, das autistischen Kindern staatliche Hilfen sichert. Auf eine Präsidentin Hillary Clinton, die ihre Rettung Südtexas verdankt, wäre wohl Verlass.

Eddie Lucio III. sieht aus, als wäre er seinem Vater aus dem Gesicht geschnitten. Doch wo der Senator ganz die stolze Würde des hart erkämpften Amtes ausstrahlt, kommt der Junior locker daher mit offenem Hemd, ewig klingelndem Handy und gelbem "Live-Strong"-Plastikarmband. Er wollte mal Golfprofi werden, studierte Jura, ging schließlich in die Politik. Dass er ohne seinen Vater kaum der jüngste Abgeordnete im "Lone Star State" wäre, weiß er. "Die ältere Generation der Hispanics hat um einen Platz am Tisch gekämpft", sagt Eddie Lucio III., "meine Generation muss den nächsten Schritt machen: Wir sind jetzt am Tisch. Was fangen wir damit an?"

Irgendwann hat ihn ein Freund auf Barack Obama aufmerksam gemacht. Der junge Hispanic las die Bücher und hörte die Reden des jungen Schwarzen und war begeistert. Der Schwung und Optimismus hat ihn mitgerissen, aber auch die Hoffnung, mit Obama alte Denkmuster zu überwinden, die den Menschen eine Gruppenidentität aufzwingen, sie nach Hautfarbe oder Herkunft sortieren.

Wenn Obama jetzt politische Mauern einreiße, werde das auch den Hispanics nutzen, glaubt Lucio-Junior: "Wenn es einen schwarzen Präsidenten gibt, werden andere Minderheiten sagen, wir können das auch."

"Im Herzen kann ich ihn verstehen", sagt der alte Senator. An seiner Wand hängt ein Bild von Robert Kennedy, dem charismatischen JFK-Bruder, der 1968 im Präsidentschaftswahlkampf ermordet wurde. "Robert Kennedy war mein Idol", erzählt der Vater, "ich glaube, mein Sohn sieht etwas ähnliches in Obama."

Trotzdem will er das Rio-Grande-Tal für Hillary Clinton gewinnen. Sein Sohn setzt auf hispanische Jungwähler, die laut Umfragen wie er Obama zuneigen. Egal wer gewinnt: Im November wollen die Lucios gemeinsam dafür kämpfen, dass ein Demokrat ins Weiße Haus einzieht.

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