KOMMENTAR: ANSCHLAG AUF WOLFOWITZ

Gesichter des Kriegs

  • Karl Grobe
    vonKarl Grobe
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Paul Wolfowitz hat in Bagdad dem fortdauernden Krieg ins Gesicht gesehen. Vielmehr: Er konnte viele Gesichter des Kriegs wahrnehmen. Der Raketenangriff auf

Paul Wolfowitz hat in Bagdad dem fortdauernden Krieg ins Gesicht gesehen. Vielmehr: Er konnte viele Gesichter des Kriegs wahrnehmen. Der Raketenangriff auf das Hochsicherheits-Hotel, in dem er sich aufhielt, war präzise organisiert, eine Kampfhandlung von Guerilleros. Tags zuvor hatte ein Armee-Sprecher berichtet, dass die Angriffe auf die Besatzungsarmeen zunehmen; vorige Woche wurden 35 Gefechte täglich verzeichnet, dreimal mehr als bisher. Als in Tikrit kurz nach dem Besuch des Vize-Verteidigungsministers ein Black-Hawk-Hubschrauber in Flammen aufging, kamen gar Erinnerungen an das US-Fiasko in Somalia auf.

Die USA stehen in Irak nicht kurz vor dem Endsieg über die restlichen Saddamisten und terroristische Verschwörer, wie die offizielle Version lautet. Der Widerstand andererseits ist nicht so stark, dass er die Besatzungsmächte rasch aus Mesopotamien vertreiben könnte. Zum bewaffneten Aufstand sind bisher erst Minderheiten bereit, und sie agieren noch unabhängig voneinander.

Über Raketen und Mörser, wie sie beim Angriff auf das Al-Raschid-Hotel am Sonntagmorgen verwendet wurden, verfügen anscheinend die Übriggebliebenen der einstigen so genannten Elitetruppen des Baath-Regimes. Bei den Plünderungen von Armee-Depots, deren Bewachung in den Tagen des vermeintlichen Blitzsiegs gar nicht vorhanden war und noch lückenhaft ist, können sich freilich auch andere zum Kampf entschlossene Gruppen bedient haben. Dass sie von zugereisten Extremisten Zuzug bekommen haben könnten, ist nicht entscheidend.

Die Selbstmord-Anschläge auf die jordanische Botschaft oder das UN-Hauptquartier in Bagdad haben offenbar einen anderen Hintergrund. Die "Handschrift" ist gerade nicht die einer wohl organisierten Partisanenarmee. Bei den fortdauernden Scharmützeln im "sunnitischen Dreieck" mischt sich anhaltende Abwehr gegen die Okkupation mit spontanen Reaktionen auf unüberlegte, manchmal von momentaner Panik bestimmte Handlungen der Fremden und mit der Frustration mancher Clans, aus denen sich die Machteliten aller früheren Regimes rekrutiert haben. Das Gemisch ist entzündlich. In jedem der erwähnten Komplexe sind die Hintergründe nicht in erster Linie religiös, sondern sozial - in Kombination mit einem in der irakischen Gesellschaft nicht zu unterschätzenden Selbstverständnis von Würde, Stolz und Bewusstsein eigener Fähigkeiten.

Die Mobilisierung der verelendenden Mittelschichten und des Unterproletariats in Medinet as-Sadr, dem Armuts-Stadtteil von Bagdad mit gut zwei Millionen Zuwanderern aus den Agrargebieten im schiitischen Süden, ist ebenfalls eher eine Reaktion auch der anhaltenden Zukunftsangst als eine schiitisch-extremistische Radikalisierung. Muktada as-Sadr, dessen Zuschläger den Aufbau einer eigenen Armee propagieren, nutzen einfachste Glaubenssätze vielmehr zur ideologischen Rechtfertigung eigener Machtpolitik; da andere politische Orientierungen offensichtlich nicht überzeugungskräftig genug sind, tun sie das nicht ohne Erfolg. Der Islamismus ist aber aufgesetzt, er ist nicht die Triebkraft der Aktionen.

Diese Strömungen erfassen noch bei weitem nicht das gesamte irakische Volk und auch nicht die Arabisch sprechende Mehrheit. Sie stehen noch unverbunden nebeneinander. Die Gefahr besteht aber, dass sie zusammenfinden. Im beginnenden Ramadan kann da einiges geschehen.

Verloren zwischen und neben alledem steht der handverlesene Rat der Würdenträger. Er wirkt nicht aus dem Volk und nicht ins Volk hinein. Er ist nicht die Selbstregierung, die unter Mithilfe und vielleicht Aufsicht durch die UN eine friedliche Perspektive bieten könnte. Das nicht sehen zu wollen und das Falsche zu fördern ist eine amerikanische Tragödie.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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