Die Gesellschaftsspionin

Batya Gur über Intifada, Krieg und ihre Krimimorde

FR: In ihrem neuen Buch spielt erstmals die Intifada eine Rolle. Mal mokiert sich der eher unsympathische Hilfsinspektor Balilati über linke Gefühlsduselei, die dazu führe, dass trotz der Schüsse auf Gilo noch immer Palästinenser in Israel beschäftigt werden. Mal knöpfen sich Polizisten ziemlich brutal arabische Arbeiter. Wie viel Einfluss hat die politische Lage auf ihre Arbeit?

Batya Gur: Ich war in der Mitte des Buches, als die Intifada ausbrach. So ging ich zum Anfang zurück und schrieb einiges um. Es wäre irrsinnig gewesen, die Intifada mitzuerleben, ohne mich darauf zu beziehen. Normalerweise versuche ich, nicht mehr als dreimal täglich die Nachrichten zu hören. Aber natürlich dringt das Geschehen ein, genauso wie die allgemeine Atmosphäre, auch wenn ich es meist nicht sofort in den Plot einarbeite.

Leidet in solchen Zeiten die Kreativität?

Oh nein. Das Schreiben ist eine wunderbare Flucht. Doch wenn die Armee auf Bethlehem schießt, hören wir das hier in Baka, im Süden Jerusalems, selbst in unserem Schlafzimmer.

Ihre Krimis sind auch eine Psychoanalyse der israelischen Gesellschaft. Sehen Sie sich selbst als Beobachterin ihrer literari schen Figur, der neugierigen, zehnjährigen Nesja ähnlich, der nichts entgeht, wenn sie den Pudel ausführt?

Nesja beobachtet wie einer, der schreibt. Auch ein Schriftsteller ist ein Spion in seiner eigenen Gesellschaft.

Wie viel Recherche steckt in ihrem Buch, wenn Sie etwa die Details einer polizeilich angeordneten Autopsie darlegen?

Ehrlich gesagt, habe ich noch nie bei einer Autopsie zugeguckt. Ich habe lediglich einen jungen Sanitäter befragt, nachdem er zum ersten Mal an so etwas teilgenommen hatte. Er gab mir seine frischen Eindrücke wider, wie sie mir ein "alter Hase" kaum hätte beschreiben können. Ich kann nicht sagen, warum ich das Kapitel über die pathologische Untersuchung so gestaltet habe, wie es ist. Aber ich konnte es nur auf diese Art tun, mit all diesen schrecklich prosaischen Aktivitäten.

Für den Leser eine ziemlich ungewohnte Kost.

Ein befreundeter Autor sagte mir, er halte dieses Kapitel für das beste im Buch, weil es so realistisch ausfalle, dass es metaphorische Qualitäten besitze. Ich weiß nicht, für was es metaphorisch sein soll. Aber als Kompliment hat es mich gefreut, weil es mir in erster Linie darum geht, Realität überzeugend darzustellen. Trotzdem entstehen meine Geschichten im Kopf. Oft überrascht mich der Verlauf einer Story selbst. Charaktere werden geboren und Dinge stoßen ihnen zu, die ich zunächst gar nicht geplant hatte. Am Anfang eines Buches weiß ich nur, welche Art Mensch der Mörder sein soll.

Was inspiriert Sie dabei?

Ich glaube nach wie vor, dass jeder unter gewissen Umständen einen Mord begehen kann. Wenn jemand meine Tochter vergewaltigen würde, könnte ich ihn ohne Zögern töten. Auch Kriege zeigen uns, wozu Menschen fähig sind.

Hat sich Ihre politische Meinung im Verlauf der Intifada Verlauf geändert, wie bei vielen in der israe lischen Lin ken, die angesichts von Bombenanschlägen nach rechts gerückt sind?

Ich bin eine ziemlich introvertierte politische Person. Ich mache nichts aus meinen Überzeugungen, außer gelegentlich eine Petition zu unterschreiben. Aber wenn ich sage, die so genannte Linke ist zu zögernd, nicht militant genug, meine ich auch mich. Wäre ich nicht mitten in einem neuen Buch, würde ich bei den Frauen von Machsom Watch (eine israelische Bürgerrechtsorganisation, die Übergriffe an Militärcheckpoints protokolliert, d. Red.) mitmachen. Nein, meine Ansichten haben sich nicht geändert. Ich verabscheue unsere Regierung mehr und mehr. Und ich kann die Palästinenser verstehen, ihre Wut und ihren Zorn. Ihre Selbstmordattentate machen mich todunglücklich, aber ich kann nicht sagen, dass ich nicht begreife, warum sie es tun.

Mit einer solchen Meinung ist man in Israel ein Außenseiter.

Nicht unter meinen Freunden, nicht in meiner Familie. Es kümmert mich nicht, ob meine Ansichten gesellschaftsfähig sind. Mag die Mehrheit anders denken. Eine Menge Leute sind für Ariel Scharon, eine Menge Leute sind für den Krieg in Irak. Ich nicht. Heute las ich in den Zeitungen, dass Iran in drei Jahren Atommacht sein wird. Und ich frage mich, was die USA wohl dagegen tun werden. Nein, Krieg ist kein Weg, um mit Terror fertig zu werden. Ich kann nicht mal die Bomben auf Bagdad im Fernsehen ertragen. Dort leben doch Menschen wie wir. Vielleicht bin ich naiv, aber ich halte diesen Krieg für dumm und sinnlos.

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