+
Gratulation für die gerade in ihr Amt eingeführten orthodoxen Rabbiner in in Berlin.

Berlin

Geschichtsträchtiger Moment in einer Synagoge

  • schließen

Die ersten drei orthodoxen Rabbiner seit den Pogromen vor 80 Jahren sind in Berlin in ihr Amt eingeführt worden.

In der deutschen Hauptstadt ist wieder einmal ein Wunder geschehen, und dieses Wunder verbirgt sich hinter schlichten Mauern eines dreistöckigen Hauses in der Brunnenstraße. Es wäre leicht zu übersehen, wenn nicht davor die Polizei patrouillieren würde. 24 Stunden. Täglich. Jahr für Jahr.

Im Hof befindet sich die 1910 gegründete Synagoge Beth Zion der Kahal-Adass-Jisroel Gemeinde. Hier gründete 1873 der Rabbiner Esriel Hildesheimer eine Lehreinrichtung zur Ausbildung orthodoxer Rabbiner. Sie entwickelte sich zum begehrtesten Rabbinerseminar in Westeuropa mit insgesamt mehr als 600 Studenten – bis die Nazis sie 1938 zwangsweise schlossen.

Und am Dienstag nun das Wunder: Das vor neun Jahren mit Hilfe des Zentralrats der Juden in Deutschland und der Lauder Foundation wiederbelebte Hildesheimersche Seminar weihte in einem Festakt drei aus der Ukraine stammende Männer zu orthodoxen Rabbinern. Alexander Kahanovsky (45), Shraga Yaakov Ponomarov (32) und Shlomo Sajatz (30) sind die ersten in Berlin seit den Pogromen vor 80 Jahren. Die drei Absolventen sind in jüdischen Gemeinden in Berlin, Basel und Magdeburg tätig.

Drei ebenfalls ordinierte jüdische Kantoren, die als Vorbeter in ihren Gemeinden fungieren, wurden am Leipziger Institut für Traditionelle Jüdische Liturgie ausgebildet.

Es ist ein großer, ein geschichtsträchtiger Moment in der kleinen Synagoge in Berlins Mitte. Der Rektor des Rabbinerseminars, Dayan Chanoch Ehrentreu, sagte, für ihn hätte sich mit der Ordination der jungen Männer in Berlin ein Traum erfüllt, an dessen Realisierung er jedoch auch viele Jahre gearbeitet habe. „Nur träumen reicht eben nicht“, sagte der 86-Jährige.

Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, rief in seiner Ansprache die nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft in Deutschland dazu auf, gegen Judenfeindschaft aktiv zu werden, die sich wieder in „beängstigender Geschwindigkeit“ im Land verbreite. In Deutschland gehörten Religionsfreiheit und persönliche Freiheit zu den Grundrechten, sagte Schuster. Freiheit bedeute, Kippa und Davidstern offen tragen zu können, ohne angepöbelt, angestarrt oder geschlagen zu werden. Sie bedeute auch, offen als Jude leben zu können, „ohne als Kindermörder, Spekulant oder Raffzahn diffamiert zu werden“, so der Zentralratspräsident. „Doch so vehement wie lange nicht muss die jüdische Gemeinschaft derzeit für diese Grundrechte kämpfen.“

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) sprach von einem Vertrauensvorschuss für Rechtsstaat und Demokratie, dass in Berlin als Ort, an dem Deportation und Vernichtung der Juden geplant wurden, heute wieder die größte jüdische Gemeinde Deutschlands lebe und Rabbiner ausgebildet und ordiniert würden. „Das ist ein Geschenk für uns – ein unverdientes Geschenk“, betonte Maas. Es müsse mit allen Kräften bewahrt und verteidigt werden. Die Verantwortung, jüdisches Leben zu schützen, ende für die deutsche Gesellschaft nie.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion