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Heute: Alia, Ahmad und der jetzt fünfjährige Adam. Es war ein langer Weg.
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Heute: Alia, Ahmad und der jetzt fünfjährige Adam. Es war ein langer Weg.

Tag der Migration

Angekommen: Deutschland ist Einwanderungsland

  • Sophie Vorgrimler
    vonSophie Vorgrimler
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Deutschland ist ein Einwanderungsland. Wie funktioniert das Zusammenleben? Zum Tag der Migration startet die FR eine kleine Serie - mit Zahlen, Fakten und Analysen.

Im Zentrum des riesigen halbgläsernen Atriums steht ein Ford-Transit. Er ist bis obenhin beladen und auf dem Dach sind noch Reisetaschen befestigt. Der „Kulturhof“, in dem er steht, ist die Simulation eines Museums mit dem Arbeitstitel: „Haus der Einwanderungsgesellschaft“. 2025 soll es auf 10 000 Quadratmetern in Köln-Kalk Realität sein. Den Kleinbus aber, den gibt es schon. An seinem Anblick hängen universale Erinnerungen.

Viele Male hat genau dieses Modell in den 70er und 80er Jahren Tausende Kilometer zwischen Deutschland und der Türkei zurückgelegt. Und mit diesem Fahrzeug die Heimat endgültig zu verlassen und in den Sommern die zurückgelassene Familie zu besuchen, gehört für eine ganze Generation von Menschen in Deutschland zur Geschichte. Das „Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland“ – kurz Domid – will den ausdauernden Kleinbus deshalb an besonderer Stelle würdigen.

Migration - Daten und Fakten

Migrationshintergrund hat viele Gesichter.
Migrationshintergrund hat viele Gesichter. © FR
Haupteinkommen: Bildung schafft Perspektiven.
Haupteinkommen: Bildung schafft Perspektiven. © FR
Wanderungsbilanz seit 1950.
Wanderungsbilanz seit 1950. © FR
Migration nach und aus Deutschland.
Migration nach und aus Deutschland. © FR
Zufriedenheit: Zugewanderte sind mit der Demokratie zufriedener.
Zufriedenheit: Zugewanderte sind mit der Demokratie zufriedener. © FR
Sprachen: Die meisten sprechen zu Hause Deutsch.
Sprachen: Die meisten sprechen zu Hause Deutsch. © FR
Alterstruktur: Die Eingewanderten sind jünger.
Alterstruktur: Die Eingewanderten sind jünger. © FR

1998 in Essen, ein Meilenstein für Domid, das damals noch Domit hieß: Weil der Verein 1990 von türkischstämmigen Migrant:innen gegründet wurde, endete der Vereinsname bis 2007 auf T, über die Migration aus der Türkei. „Fremde Heimat“ hieß die mehrmonatige Ausstellung im Ruhr-Museum. „Das war nicht selbstverständlich, dass es eine gleichwertige Zusammenarbeit zwischen einem Museum und einer Migranten-Selbstorganisation gab“, sagt Timo Glatz, Referent des Domid im FR-Gespräch. Die Ausstellung dokumentierte die Anwerbung von Arbeitsmigrant:innen aus der Türkei in den 60er und 70er Jahren – multiperspektivisch, aus deutscher und türkischer Sicht: Bedarf, Ausschreibung, Reise, Ankunft, Arbeit, Niederlassung und Familiennachzug bis in die 80er Jahre. Und dann: das Leben in der fremden Heimat in den 90ern. Auch Exponate von Ahmet Sezer wurden dort gezeigt.

Sezer hat Domid mitbegründet; heute ist der 62-Jährige Vorsitzender des Vereins. „Es wäre geflunkert, würde ich sagen, wir hätten uns damals schon vorstellen können, dass das Museum in dieser Dimension umgesetzt wird“, sagt er. „Das ist eine riesengroße Freude.“ Seit 2019 sind der Bund und das Land Nordrhein-Westfalen mit im Boot und unterstützen das Projekt mit insgesamt 44 Millionen Euro. Mit dem Museumsgebäude auf dem ehemaligen Betriebsgelände der Maschinenfabrik Klöckner-Humbold-Deutz in Köln-Kalk geht für die Gründer:innen von Domid ein Traum in Erfüllung. „Bis dahin war es aber, wie mit einem Nagel einen Brunnen zu graben“, zitiert Sezer ein türkisches Sprichwort.

Ahmet Sezer ist 1977 aus Urfa im Südosten der Türkei nach Münster gekommen. Anders als viele in der türkischen Migrant:innen-Generation dieser Zeit kam er nicht als Gastarbeiter, sondern zum Studieren. „Nach dem Militärputsch 1980 sind viele Akademiker und Akademikerinnen aus der Türkei geflüchtet, auch nach Deutschland. Ich hatte einen älteren Bruder hier.“

Eine Gruppe von rund 30 türkischen Migrant:innen traf sich regelmäßig an verschiedenen Orten im Ruhrgebiet, um sich bei sozialwissenschaftlichen Wochenendseminaren über Ausländerpolitik auszutauschen. In dieser Gruppe sei auch erstmals die Idee eines zentralen Migrationsmuseums aufgekommen. „Also gründeten wir einen Verein und fingen an zu sammeln.“ Der Einreise-Pass, die erste Arbeitserlaubnis, die Einbürgerungsurkunde. Tagebücher, Fotos von der Reise, Folklore-Trachten aus der Heimat. Bilder vom ersten Zuhause, den Heimatbesuchen, dem ersten Mal Karneval. Anfangs habe man nur im Bekanntenkreis Dinge zusammengetragen und auf Dachböden und in Garagen aufbewahrt, später stellte die Arbeiterwohlfahrt einen Raum. Nach der Ausstellung in Essen sei das Vertrauen in den Verein gestiegen und immer mehr Migrant:innen hätten Domid ihr Familienerbe überlassen.

„In unserer Sammlung befindet sich auch ein Radio der Familie Genc“, sagt Sezer. Mevlüde Genc hatte beim Solinger Brandanschlag 1993 fünf Mitglieder ihrer Familie verloren. „Die ganze Welt sprach danach von dieser Tat.“ Im Minutentakt gab es neue Details und Reaktionen – nur die betroffenen Angehörigen seien anderswo untergebracht worden und hatten zu den aktuellsten Informationen kaum Zugang. „Dann hat jemand der Familie Genc dieses Radio geschenkt.“ Eines von 150 000 Exponaten, über die Domid heute verfügt.

2002 ist der Verein nach Köln gezogen, 2007 hat er sich umbenannt, um auch anderen Migrant:innen und Menschen, deren Eltern oder Großeltern eine andere Herkunft als Deutschland haben, Raum zu geben, ihre Erfahrungen zu teilen. „Diese Geschichten gehören erzählt“, sagt Sprecher Timo Glatz. „Das ist oft sehr ergreifend, wenn Besucherinnen und Besucher sich wiedererkennen und merken: Das ist meine Geschichte, die da ausgestellt wird.“ Denn Deutschland ist ein Einwanderungsland: Viele haben Vorfahren in Italien oder Griechenland, Russland und Jugoslawien, eine Familie in Thailand oder Korea, Afrika oder Amerika. Mehr als 21 Millionen Menschen in Deutschland, somit 26 Prozent der Bevölkerung, haben laut Statistischem Bundesamt eine Migrationsgeschichte.

„Dass das Projekt von Bund und Land jetzt so ernst genommen wird, ist ein Bekenntnis“, findet Glatz. „Das ist ein klares Zeichen: Ja, wir sind ein Einwanderungsland, Punkt. Und das Domid und das künftige Migrationsmuseum sind symbolische Orte dafür.“ Die Entdramatisierung von Migration stehe auf der Agenda. Es gehe darum, Vielfalt zu akzeptieren, statt sich an ein völkisches Narrativ zu klammern. „Es ist an der Zeit, eine inklusive Erinnerungskultur zu schaffen.“

Dafür werden deutschlandweit bei Workshops Ideen und Meinungen eingeholt. Jeder soll seine Geschichte oder sein „Migrationsding“ - so heißt eine Mitmach-Aktion - beisteuern können. „Man muss akzeptieren, dass die Migration diese Gesellschaft geprägt hat und zur deutschen Geschichte gehört“, sagt Sezer. „Oft wird Migration sofort mit Problemen in Verbindung gebracht, dabei ist sie der Normalfall.“

Dass die deutsche Migrationsgeschichte seit Jahrzehnten und Jahrhunderten die gesamtdeutsche Gesellschaft beeinflusst hat, das zeigen schon die kleinere Sammlung im Haus des Vereins in Köln-Ehrenfeld und die virtuelle Ausstellung auf der Webseite: Die Box, in der eine Familie Galeazzi ab 1896 in Harburg ihr Eis gekühlt hat, die erste italienische Eisdiele in Deutschland. Die Platte „Deutsche Freunde“, die 1978 vom kölnisch-türkischen Liedermacher Ozan Ata Canani aufgenommen wurde. „Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen“, zitiert er darin Max Frisch. Generell: internationale Restaurants. Kleidung, Schmuck, Musik, Feste.

Seit die Museumsplanung 2015 an Geschwindigkeit zugenommen hat, ist die Umsetzung auch Verwaltungsangelegenheit. Für die genaue Architektur soll es noch eine Ausschreibung geben. Für das Konzept ist aber schon klar: Ein Schwerpunkt soll auf der Geschichte nach 1945 liegen, und es soll eine Begegnungsstätte werden: Lesungen, politische Bildung, Musikveranstaltungen. Das „Haus der Einwanderungsgesellschaft“ will zusammenführen, eine gemeinsame Identität schaffen.

Infos und virtuelles Migrationsmuseum: domid.org

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