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Virtuosin der weiblichen Perspektive: Ingeborg Bachmann.

Autorinnen

Geschichte wiederkehrender Entmündigung

Deutschsprachige Autorinnen haben sich ihren Platz in der Literatur hart erkämpfen müssen.

Von Ilse Nagelschmidt

Verleugnet und vergessen, so positionierten sich viele Literaturgeschichten noch vor mehr als 50 Jahren in Bezug auf Autorinnen und deren Werke. Wie mühsam war es, die über Jahrhunderte fortgeschriebenen Vorurteile, dass Frauen nur über sich schreiben können und dass sie Dilettantinnen ohne ästhetische Bildung seien, zu entkräften. Diese Geschichte einer immer wiederkehrenden Entmündigung reicht bis in die Antike zurück. Dichterinnen wie die Sappho stellten in ihrer Zeit bereits Ausnahmeerscheinungen im Bereich männlich dominierten Schreibens dar. Hildegard von Bingen durchbrach im Mittelalter den Teufelskreis von weiblichen Zuschreibungen und männlicher Vormundschaft, indem sie sich zur ‚Fraueneigengeschichte‘ bekannte.

Mit diesem Erheben von weiblichen Stimmen einher gingen Ausschlüsse und Konstruktionen. Im Bereich der Öffentlichkeit wurde von Frauen das Bild von Würdelosigkeit, Sünde und Hexentum festgeschrieben, der Bereich der Bildung wurde ihr auch im 18. Jahrhundert weiter verwehrt. ‚Adams Kinder‘, so der junge Goethe in einem Brief aus Leipzig an seine Schwester Cornelia, haben auf der Universität etwas zu suchen, sie dagegen hätte sich im ‚Tanz zu perfectionieren‘. Frauen wurde die Rolle der ‚Empfindsamen‘ zugesprochen, das bedeutete, dass sie als Autorinnen in die Randbereiche der Literatur gedrängt wurden.

Was blieb ihnen? So zu schreiben wie die Männer oder deren Erzählstrategien zu hinterfragen – es war ein ständiger Kampf. Doch bald entwickelte sich außerhalb des männlichen Literaturbetriebes eine weibliche Schreibpraxis, die durch eine Fülle von Autobiographien, Briefen und Tagebüchern bestimmt ist. Der erste ‚Frauenroman‘ von Sophie La Roche, „Geschichte des Fräulein von Sternheim“ (1771), trat erst mit einem Vorwort des anerkannten Poeten Martin Wieland in die Literaturgeschichte ein.

Das alles geschah in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in der der Beruf des Autors geboren wurde und der sich emanzipierende bürgerliche Stand seine Vorstellungen formulierte. Mit der pädagogischen Schrift „Èmile oder über die Erziehung“ (1762) von Jean-Jacques Rousseau wurden Geschlechtscharaktere festgeschrieben, die Schiller 1794 im „Lied von der Glocke“ aufgriff: Während die ‚züchtige Hausfrau‘ in den Binnenraum verwiesen wird, kann der Mann im ‚feindlichen Leben‘ immer neue Territorien erobern. Fast zeitgleich proklamierte Olympe de Gouges im Jahr 1791 ihre feministisch revolutionäre „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ als Protest gegen die Privilegien der Männer. Im deutschsprachigen Raum sind es die Poetinnen der Frühromantik wie Caroline von Günderrode, Dorothea Schlegel und Sophie Mereau, die in ihren Texten eine selbstbewusste Auseinandersetzung mit Rollenmustern führten.

Somit sind Spuren begründet, die nicht mehr verweht werden konnten. Zu den Mitbegründerinnen der ersten bürgerlichen Frauenbewegung im Umfeld der Revolution von 1848/49 gehören Publizistinnen und Autorinnen wie Louise Otto Peters. Diese stellte 1849 in der von ihr begründeten ‚Frauen-Zeitung‘ das Motto „Dem Reich der Freiheit werb ich Bürgerinnen“ voran. Im 19. Jahrhundert wechselten sich Schatten und Licht ab. Frauen hatten noch immer keinen Zugang zu den Universitäten, und das Bildungsmonopol war ungebrochen. Die Zahl der Autorinnen stieg jedoch seit den 1870er Jahren sprunghaft an. Berlin hatte 1908 mit zehn Prozent nach Wien, München und Hamburg den höchsten Anteil an Schriftstellerinnen. Namen von Autorinnen wie Fanny Lewald, Marie von Ebner-Eschenbach, Bertha von Suttner, Else-Lasker-Schüler und Ricarda Huch konnten nicht mehr aus dem kulturellen Bewusstsein getilgt werden.

Mit dem dialogartig aufgebauten Essay „A Room of One’s One“ („Ein Zimmer für sich allein“) riss Virginia Woolf 1928 weitere Dämme ein. Aus dem Auftrag, über ‚Frauen und Fiction‘ zu schreiben, entwickelte sie ein Gebilde wichtiger Themen wie: Frau und Arbeit, Frau in der Geschichte, der Gang zu den Müttern und das Besetzen eigener Räume: „eine frau muss geld haben und ein zimmer für sich allein, wenn sie fiction schreiben will […]“.

Noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts galt es, Hürden zu überwinden. Denn noch immer dominierten, wie es Sigrid Weigel hervorgehoben hat, der Professor, der Autor, der Verleger und der Kritiker. Vor allem in den vorfeministischen Texten österreichischer Autorinnen in den 1950er und 1960er Jahren – wie Ilse Aichinger, Marlene Haushofer und Ingeborg Bachmann – wurden die vielfältigen Suchbewegungen des weiblichen Individuums nach der eigenen Geschichte und dem nicht besetzten Ort thematisiert.

Die zwingende Folge all dieser Linien war der Durchbruch der Frauenliteratur vor dem Hintergrund der Studenten- und Frauenbewegung sowie das Bekenntnis zum Feminismus in der Neuen Frauenbewegung ab Ende der 1960er Jahre in Westdeutschland, Westeuropa und Nordamerika. Diese Tendenzwende zu einer neuen Subjektivität vollzog sich mit unaufhaltsamer Geschwindigkeit. Mit dem Gang auf die Straße und dem Kampf gegen den §218, der Gründung von Frauenbuchläden, -verlagen, -bibliotheken und der Herausgabe von Frauenzeitschriften – die „EMMA“ erscheint seit 1977 bis auf den heutigen Tag – entwickelte sich ein verändertes Frauenbewusstsein. Autorinnen verließen endgültig die ihnen zugewiesenen Räume und signalisierten, dass sie sich nicht wieder verdrängen lassen wollten, denn: „Die Scham ist vorbei“ (Anja Meulenbelt, 1978).

Die im westlichen Kontext geschriebene Frauenliteratur dieser Zeit ist durch den offenen und radikalen Protest sowie die programmatische Kampfansage gegen weibliche Unterdrückung bestimmt. Wichtig war das Erkennen eigener Identität, was die Suche nach einer weiblichen Sprache umschließt. Verena Stefan stellte mit ihrem Bestseller „Häutungen“ (1975) in der kompromisslosen Auseinandersetzung mit patriarchalen Verkrustungen jahrhundertealte Zuschreibungen in Frage. Dieser Blick auf Machtverhältnisse gehört zu den Schreibimpulsen der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Im Aufdecken der herrschenden Gewaltmechanismen hält sie der Gesellschaft zwingend den Spiegel vor, indem sie Rollenzuweisungen transparent macht und zeigt, wohin Unmündigkeit und Manipulation führen.

Der patriarchale DDR-Staat verweigerte sich bis zum Ende der offenen Diskussion von Geschlechterverhältnissen. Vielmehr berauschte er sich selbstgefällig an Zahlen und erklärte Mitte der 1970er Jahre im Widerpart zu den Erscheinungsformen des ‚westlichen Feminismus‘ die Frauenfrage als gelöst. Das hatte Konsequenzen für die Positionierung von Frauen. Im Diskurs zwischen einer nicht öffentlich geführten Diskussion und damit dem Fehlen einer Frauenbewegung und der zunehmenden Artikulation von Stimmen, die die Notwendigkeit einer breiten Diskussion zeigten, ist die Besonderheit der Frauenbewegung der DDR im Sinne von ‚bewegt‘ sein, etwas verändern zu wollen, zu sehen. In dieser Zeit entstand eine Fülle von Texten, die die Kritik am bürokratischen Sozialismus mit der Kritik an den patriarchalen Machtverhältnissen verbunden haben. Autorinnen wie Christa Wolf und Irmtraud Morgner gaben den Frauen ihre Geschichte wieder, das erforderte die radikale Demaskierung und das Verfolgen kühner Fragestellungen. In diesem Sinn lässt Irmtraud Morgner eine gewisse Anna in „Amanda. Ein Hexenroman“ (1983) die sechsundvierzigste Tafelrunde eröffnen mit den Worten: „Die Philosophen haben die Welt bisher nur männlich interpretiert. Es kommt aber darauf an, sie auch weiblich zu interpretieren, um sie menschlich verändern zu können.“

Das neue Jahrtausend begann zunächst mit einer neuerlichen Etikettierung, indem die Literatur der „Fräulein- Wunder“ (1999) ausgerufen wurde. Es zeigte sich jedoch sofort, dass diese Autorinnen der jungen Generation mit den Tabus gebrochen haben. Vorbei sind die Zeiten intellektueller Kopflastigkeit. Im Willen, die Erfahrungen der älteren Generation zu nutzen, aber nicht mehr unmittelbar aufnehmen zu wollen, im Misstrauen gegen die großen Ideologien und im genauen Nachfragen und Hinsehen liegen die Innovationen. Inszenierungen sind charakteristisch sowohl für die Themen als auch das Spiel mit den Geschlechterrollen. Sind wir also neugierig auf Kommendes von Jenny Erpenbeck, Tanja Dückers, Julia Franck, Jana Hensel, Judith Hermann und all den anderen.

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