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Die Geschichte der Krim

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Von: Christian Esch

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Allgegenwärtig: Russische Schiffe vor Sewastopol.
Allgegenwärtig: Russische Schiffe vor Sewastopol. © REUTERS

Auf der Krim haben sich schon viele Mächte getummelt – und bekriegt. Jetzt soll die Krim selbst abstimmen, zu wem sie gehören möchte. Für den geschichtsträchtigen Ort ist das eine Premiere. Doch das Referendum auf der Krim ist eine Farce unter Waffengewalt.

Es war im Januar 1787, da brach Zarin Katharina II. zu einer merkwürdigen Reise auf. In einer langen Prozession von Schlitten raste der Petersburger Hofstaat nach Süden. Links und rechts der Wege brannten große Feuer, um die Winternacht zu erhellen. So fuhr man über Smolensk zunächst nach Kiew, die einstige Hauptstadt der Rus, die freilich seit dem Mongolensturm verfallen war. Von dort ging es auf dem Dnjepr in neu eroberte Gebiete. An den Ufern dort sah man reichlich Dörfer (die Katharinas Günstling Potemkin in aller Eile hatte errichten lassen). Was wie eine Vergnügungsreise anmutete, war eine Propagandatour, und ihr End- und Höhepunkt war die Halbinsel Krim. Die hatte Russland erst wenige Jahre zuvor annektiert.

Man überwand also die schmale Landzunge, die die Krim mit dem Festland verband, und sodann die menschenleere Steppe im Norden der Halbinsel, bis bewaldete Berge auftauchten. Man nächtigte in Bachtschissaraj, im ehemaligen Palast der Khane der Krim; man besichtigte die antiken Ruinen von Chersones, wo einst Griechen gesiedelt hatten; man besuchte eine mittelalterliche Festung der Genuesen. Gleich daneben aber hatte Fürst Potemkin eine neue Hafenstadt namens Sewastopol aus dem Boden gestampft – die war zweifellos echt. Eine brandneue Kriegsflotte schoss der Kaiserin Salut.

Sklaven für Genua

Alles wie ein schöner Traum: Die Herrscherin des Nordens hatte sich ein Stück Süden erobert, ein russisches Griechenland mit Zypressen und Tempelresten, ein paar malerische Orientalen mit Wasserpfeifen waren auch dabei. Der Traum der Kaiserin war für ihre ausländischen Begleiter – darunter Kaiser Joseph II. aus Wien – freilich ein Alptraum: Wo würde Russland haltmachen? Wollte es auch noch Konstantinopel erobern? Von Sewastopol waren es bei gutem Wind nicht einmal zwei Tage dorthin.

Man muss nicht Katharina sein, um auf der Krim ein wenig den Kopf zu verlieren. So viele Völker haben ihren Weg dorthin gefunden, so geschichtsgetränkt ist jeder Zentimeter Boden, dass flugs die Fantasie auflebt. Skythen, Goten, Hunnen, Chasaren, Alanen, Karaimen und Krymtschaken, Griechen und Armenier, Venezianer und Genuesen, Polen und Kosaken – man kommt schnell durcheinander.

Chersones etwa war eine griechische Gründung aus dem 5. Jahrhundert vor Christus. Bedrängt von skythischen Steppenreitern, unterstellte sich die Stadt erst dem König von Pontus, schließlich Rom. Später wurde sie von den Hunnen zerstört, und noch später unterstand sie dem christlichen Byzanz. Von dort begann das Christentum seinen Siegeszug via Kiew nach Moskau: Großfürst Wladimir erzwang die Heirat mit einer byzantinischen Prinzessin dadurch, dass er Chersones besetzte. Im Gegenzug ließ er sich 988 eben da taufen, bevor er dann in Kiew sein Volk zur Massentaufe in den Dnjepr trieb.

Es ging auch mal gegen Moskau

Wie einst die Griechen, so errichteten später Venezianer und Genuesen Handelskolonien auf der Krim. Dass die mittlerweile von den Mongolen erobert worden war, war dem Handel auf der Seidenstraße nur förderlich. So wurde etwa aus dem griechischen Thedosia das genuesische Caffa. Mit dem christlichen Handel nahm es erst ein Ende, als die Türken im 15. Jahrhundert Konstantinopel eroberten – der Ausgang des Schwarzen Meeres war fortan versperrt. Dafür stärkte der Aufstieg des Osmanischen Reiches das Khanat der Krimtataren, das sich um diese Zeit bildete und immerhin drei Jahrhunderte überdauerte.

Dieses Khanat zählte zu jenen „Horden“ oder Unterreichen, in die das mongolische Weltreich seit dem 14. Jahrhundert zerfallen war, und es umfasste neben der Krim auch die Steppen im Norden und Osten. Durch gelegentliche Überfälle verschaffte man sich christliche Sklaven – die die Genuesen dann weiterverkaufen konnten – sowie Tribute. Ansonsten verbündete man sich mal mit Moskau gegen dessen tatarische oder polnisch-litauische Feinde, mal ging es gegen Moskau. Der Khan war zwar Vasall des Sultans in Konstantinopel, aber frei in seiner Außenpolitik. Noch 1571 brannten die Krimtataren Moskau nieder.

Côte d’Azur des Zarenreiches

Erst Katharina II. gelang es, die Khane der Krim zu unterwerfen. Der krimtatarische Adel wurde – unter Auflagen – anerkannt, die Bauernschaft nicht zu Leibeigenen gemacht. Dennoch flohen viele Krimtataren ins Osmanische Reich und machten Platz für christliche Siedler.

Zur Massenflucht kam es aber erst nach dem Krimkrieg 1853–1856. Damals belagerten Briten, Franzosen und Türken Sewastopol. Der Krieg war aus nichtigem Anlass entstanden – es ging um die Nutzung der Jerusalemer Grabeskirche –, aber er wurde umso heftiger geführt. Die schlecht ausgerüsteten Russen verteidigten sich heldenhaft, unter ihnen der junge Schriftsteller Leo Tolstoi. Viele Krimtataren sympathisierten dagegen mit den Alliierten. Als die abzogen, flohen auch viele Krimtataren. 1867 zählten russische Behörden 784 verlassene Dörfer und 457 verwaiste Moscheen: Die Krim war nun christlich.

Als solche wurde sie zu so etwas wie der Côte d’Azur des Zarenreiches.

In Jalta schrieb der lungenkranke Anton Tschechow 1899 seine Erzählung von der „Dame mit dem Hündchen“, eine Geschichte von Liebe und Ehebruch am schläfrigen Schwarzmeerufer. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass sich das alte Russland (und auch seine allzu zaghaften, viel zu wenigen demokratischen Erneuerer) in seinem Todeskampf ausgerechnet auf die Krim zurückzog – an jenen Ort, wo die privilegierten Petersburger einst ihre Kindheit zwischen weißen Säulen und behandschuhten Dienern verbracht hatten. 1920 dampften von Sewastopol aus die letzten Reste der anti-bolschewistischen „Weißen Armee“ übers Meer ins Exil.

Hitler erlaubte keine Atempause

Die junge Sowjetmacht erklärte die Krim zu einer Autonomen Republik, aus Rücksicht auf die Minderheit dort. Die Rücksicht währte aber nicht lange, wie der nächste Krieg zeigen sollte. Im Oktober 1941 marschierte die Wehrmacht über die Landenge von Perekop auf die Halbinsel. Wie die Alliierten im Krimkrieg, so bissen sich auch Deutsche und Rumänen fast die Zähne aus am heroisch verteidigten Sewastopol.

Aber Hitler erlaubte keine Atempause. Für ihn war die Krim ein „sowjetischer Flugzeugträger“, von dem Angriffe auf die rumänischen Ölfelder drohten. Außerdem träumte man im Reichssicherheitshauptamt bereits von der Besiedelung der Halbinsel: Deutsche Wehrbauern – man dachte an Südtiroler – sollten dort einen „Gotengau“ schaffen, in Erinnerung an die Krimgoten der Völkerwanderung.

Verwirklicht hat man nur Teil eins dieses Planes – mit der Ermordung der Juden der Krim. Dann kehrte die Sowjetmacht zurück. Und weil einige Krimtataren aufseiten der Wehrmacht gekämpft hatten, wurde gleich das ganze Volk im Mai 1944 deportiert, viele starben. Nicht einmal Träger sowjetischer Orden waren ausgenommen, und erst 1988 – drei Jahre vor dem Untergang der Sowjetunion – durften die Deportierten zurück. Damals lebten andere einst verbannte Völker, etwa die Tschetschenen, schon mehrere Jahrzehnte wieder in ihrer Heimat.

Großmütig verschachert

Inzwischen war die Krim von Sowjetrussland an die Sowjetukraine übereignet worden – 1954 war das, vorgeblich ein Geschenk aus historischem Anlass: Es jährte sich zum 300. Mal der Vertrag von Perejaslaw, in dem sich das Kosaken-Hetmanat samt Kiew einst dem Zaren unterstellt hatte.

Es gab aber auch praktische Gründe: Nach der Ermordung der Juden, der Deportation der Krimtataren, nach so viel Tod und Vertreibung fehlten der Krim Arbeitskräfte, vor allem in der Landwirtschaft. Die ukrainischen Nachbarn sollten aushelfen. „Nur in unserem Land ist so etwas möglich“, jubelte der Funktionär Otto Kuusinen damals im Obersten Sowjet, „dass ein großes Volk wie das russische ohne jedes Zögern großmütig dem Brudervolk eines seiner Gebiete übergibt.“

Ja, es war möglich – weil man weder die Bewohner der Krim noch die Russen gefragt hat.

Jetzt hat das große russische Volk sich das mit dem Geschenk offenbar noch mal anders überlegt. Und jetzt soll die Krim plötzlich selbst abstimmen, zu wem sie gehören möchte, etwas noch nie Dagewesenes. Aber das Referendum ist eine Farce unter Waffengewalt, und die Krimtataren – die wichtigste Minderheit – werden es boykottieren.

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