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London am Samstag: Zweifellos hat der Brexit zu einer sehr bunten und kreativen Protestkultur in Großbritannien beigetragen.

Brexit

Gerüchte über politischen Putsch gegen May

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Mehr als eine Million Menschen protestieren in London gegen den bevorstehenden Brexit.

Am Mittag herrschte Stillstand in Londons sonst so geschäftigem Zentrum. Massen von Menschen strömten aus allen Richtungen herbei, füllten die Straßen rund um den Hyde Park über den Trafalgar Square bis zum Parlament in Westminster, ganz so als wäre ein Damm gebrochen. Hier waren sie, die Brexit-Frustrierten, die sich ungehört und vergessen fühlen und „den Wahnsinn stoppen“ wollen.

Sie hielten Plakate in die Höhe, auf denen die Aktivisten „das völlige Chaos der Regierung“ anprangerten, Theresa May als „Premierministerin von niemandem“ kritisierten und europaskeptische Hardliner wie Ex-Außenminister Boris Johnson als „überkandidelte Lügner“ beschimpften. Begleitet von Trompetenmusik und Trillerpfeifen schwenkten sie EU-Flaggen und den Union Jack – vereint im Wunsch, in der EU zu bleiben. Eine Million Menschen, so die Schätzung der Organisatoren, protestierten am Samstag friedlich gegen den Brexit. Die Kampagne „People’s Vote“ (Volksabstimmung) fordert ein erneutes Referendum zum EU-Austritt und hatte zu dem Marsch aufgerufen.

Am Ende kamen weitaus mehr als erwartet, auch viele Familien. „Wir sind nur Tage davon entfernt, von einer Klippe zu stürzen mit katastrophalen Folgen. Genug ist genug“, befand Londons Bürgermeister Sadiq Khan. Briten und EU-Bürger aus allen Ecken des Landes sowie vom Kontinent waren teils mit Sonderbussen angereist, wie etwa der 55-jährige Kenny aus dem mittelenglischen Lincoln. „Ich glaube, dass die Stimmung umgeschlagen hat und sich am Ende der gesunde Menschenverstand durchsetzen wird“, sagte er. Der Brexit sei ein „einziges peinliches Chaos“. Das Parlament solle nun die Kontrolle übernehmen und „uns noch einmal wählen lassen“.

Ob es dazu kommt? Zwar sendet auch die Onlinepetition für den Verbleib in der Staatengemeinschaft, die bis Sonntagnachmittag mehr als fünf Millionen Briten unterzeichnet hatten, ein starkes Signal aus. Aber vermutlich bleibt es bei diesem symbolischen Aufbäumen.

Kein zweites Brexit-Referendum

Im Unterhaus gibt es nach wie vor keine Mehrheit für ein zweites Referendum und die Brexit-Anhänger kontern regelmäßig, man hätte die Bevölkerung – bis heute in der Europafrage tief gespalten – im Juni 2016 gefragt. May beharrt ebenfalls stets darauf, „den Willen des Volkes“ respektieren zu wollen. Ihr steht nun eine Schicksalswoche bevor. Schon in den nächsten Tagen könnte die Premierministerin von ihrem eigenen Kabinett zum Rücktritt gezwungen werden, wie mehrere Medien am Wochenende berichteten. Obwohl sie noch im Amt ist, begannen bereits die Spekulationen über mögliche Nachfolger.

Ein wenig ging es innerhalb der konservativen Partei zu wie auf dem Basar. So hieß es etwa, dass der inoffizielle Vizepremier David Lidington als Interimsregierungschef einspringen könnte, um zunächst einen neuen Kurs für den EU-Austritt auszuloten. Gestern wies Lidington das zurück: Er habe kein Interesse am Posten in der Downing Street, betonte er. Ebenfalls gehandelt wurde Umweltminister Michael Gove, der als „Königsmörder“ gilt, seit er nach dem Referendum 2016 Boris Johnson in den Rücken gefallen war. Erst wollte er diesen als künftigen Premier unterstützen, dann änderte Gove plötzlich seine Meinung und kandidierte selbst. Daneben fielen noch andere Namen.

May hofft noch immer, dass das völlig zerstrittene Parlament ihren mit Brüssel ausgehandelten Austrittsdeal billigen wird. Doch die Chancen stehen auch dieses Mal schlecht – zum dritten Mal. Im Königreich scheint die Geduld mit der Regierungschefin weitgehend am Ende zu sein.

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