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Gerhard Trabert
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Gerhard Trabert

Linken-Kandidat für Präsidentschaft

Gerhard Trabert: Kandidat der Linken will auch bei SPD und Grünen punkten

  • Pitt von Bebenburg
    VonPitt von Bebenburg
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Der Arzt Gerhard Trabert wird von den Linken als Bundespräsident vorgeschlagen. Das FR-Interview.

Herr Trabert, Sie werden von der Linken als Bundespräsident vorgeschlagen. Allerdings dürfte Ihre Kandidatur aussichtslos sein, da sich die Mehrheit bereits auf Frank-Walter Steinmeier festgelegt hat. Was wollen Sie mit Ihrer Bewerbung erreichen?

Mein klares Ziel ist, das Thema soziale Ungerechtigkeit, das Thema Armut in einem reichen Land in den Fokus der öffentlichen Diskussion zu bringen. Gerade unter Corona-Bedingungen bin ich enttäuscht, dass man sich mit der Lebenssituation von armen Menschen überhaupt nicht auseinandersetzt. Ich sage das auch als Arzt. Empfänger von Hartz IV haben eine höhere Erkrankungsrate und schwerere Verläufe. Alle Wohlfahrtsverbände und die Nationale Armutskonferenz haben schon gefordert, dass es in Pandemiezeiten mindestens 100 Euro mehr an Hartz IV geben müsste. Jetzt muss ich erleben, dass der Hartz-IV-Satz um drei Euro erhöht wird. Das ist de facto eine Verringerung, weil die Kaufkraft geringer geworden ist. Mein Motto lautet „Mehr soziale Gerechtigkeit wagen“ in Anlehnung an das, was Willy Brandt gesagt hat – „Mehr Demokratie wagen“ – und an das Motto der Ampel-Koalition, „Mehr Fortschritt wagen“.

Geht es also um eine symbolische Kandidatur?

Es ist in einer Demokratie immer gut, wenn es die Möglichkeit gibt zu wählen. Wenn nur ein Kandidat da ist, finde ich das ein bisschen einseitig.

Gerhard Trabert im FR-Interview: „Ein Zeichen setzen“

Wollen Sie auch bei anderen Fraktionen als der Linken werben?

Wenn ich da eingeladen werde, gerne. Ich glaube schon, dass Teile der SPD und auch der Grünen nicht unbedingt zufrieden sind mit diesem Koalitionsvertrag. Es ist nicht mehr die Rede von einer Vermögensteuer. Es ist keine Rede mehr von einer Bürgerversicherung. Es gibt immer noch sehr viele Menschen ohne Krankenversicherung. Ich hoffe, dass da auch Mitglieder anderer Parteien sich entschließen, ein Zeichen zu setzen, weil soziale Gerechtigkeit zu wenig beachtet wird.

Die Koalitionsparteien und auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier appellieren immer wieder, sich impfen zu lassen. Wie ist Ihre Haltung?

Ich bin Arzt, und natürlich bin ich absolut ein Befürworter von Impfungen. Das ist der Weg, der uns aus dieser Pandemie herausführt. Ich selbst bin natürlich auch geimpft. Was ich als problematisch empfinde, ist diese Polarisierung. Es ist das gute Recht, wenn Menschen demonstrieren, solange sie sich an die Auflagen halten. Da habe ich das Gefühl, dass Menschen mit ihrer auch für mich nicht nachvollziehbaren Meinung an den Rand gedrängt werden. Ich setze immer noch mehr auf Überzeugung und Information als auf repressive Vorgaben.

Zur Person:

Gerhard Trabert, 65, aus Mainz ist Arzt, behandelt Obdachlose und lehrt Sozialmedizin an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden. Der Vorsitzende des Vereins „Armut und Gesundheit in Deutschland“ wird von der Linken für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen. (pit)

Gerhard Trabert: „Da versagt Europa“

Sie waren auch im vergangenen Jahr wieder als Arzt im Mittelmeer, um bei der Seenotrettung zu helfen. Was ist in der Flüchtlingspolitik aus Ihrer Sicht zu tun?

Da versagt Europa, da versagt Deutschland. Kein Bericht kann wiedergeben, was es bedeutet, zusammen mit zivilen Seenot-Organisationen die Menschen vor dem Ertrinken aus dem Wasser zu ziehen. Es ist ein Skandal, dass die zivile Seenotrettung auch noch kriminalisiert wird. Es braucht ein gesamteuropäisches Rettungskonzept. Es ist ein Recht der Menschen, vor Krieg, vor Tod, vor existenzieller Armut zu fliehen. Es ist durch nichts gerechtfertigt, sie ertrinken zu lassen oder unter menschenunwürdigen Bedingungen in Flüchtlingslager dahinvegetieren zu lassen wie auf Lesbos. Da verletzt Europa, da verletzt Deutschland Menschenrechte.

Sie haben sich dafür eingesetzt, schwerbehinderte Menschen aus Flüchtlingslagern in Lesbos nach Deutschland zu holen – auch den querschnittsgelähmten Syrer Khaled Alafaat, einen Mann, den die FR im Lager getroffen hatte. Wie weit sind Sie gekommen?

Wir konnten einmalig erreichen, dass Khaled und ein anderer schwerbehinderter Mann von Lesbos nach Deutschland durften, nach Mainz, unter Mithilfe der Ministerin Anne Spiegel und der Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Wir konnten dann in Kooperation mit belgischen Akteuren erreichen, dass auch ein querschnittgelähmter Mann nach Belgien kam. Ich engagiere mich außerdem schon seit langer Zeit für einen jungen Mann, der aus Eritrea geflohen ist und der seine Jugendliebe geheiratet hat. Diese Zusammenführung funktioniert seit Jahren nicht, sie wird von der deutschen Botschaft behindert. Er hat eine Ausbildung, er hat einen Beruf, er hat eine eigene Wohnung, und er würde gerne seine schwangere Frau hierher holen. Zumal diese Frau in der Tigray-Region lebt, die sehr gefährlich ist. Aber die deutsche Botschaft blockiert. Das kann nicht sein und das darf nicht sein.

(Interview: Pitt von Bebenburg)

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