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Hoppla, jetzt kommen wir: Schröder und sein guter Freund Putin in Kaliningrad im Juli 2005.
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Hoppla, jetzt kommen wir: Schröder und sein guter Freund Putin in Kaliningrad im Juli 2005.

Gerhard Schröder wird 70

Gerhard Schröder feiert. Basta!

  • Holger Schmale
    vonHolger Schmale
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Ehemalige Kanzler wird 70, öffentlich ist er kaum präsent, das liegt auch am umstrittenen Job für Gazprom.

Er tat es auf seine Weise. Kaum etwas beschreibt den Lebensweg Gerhard Schröders besser als dieses „I did it my way“ von Frank Sinatra. Das Stabsmusikkorps der Bundeswehr spielte es im November 2005 beim großen Zapfenstreich zum Abschied des Kanzlers, und da hatte der harte Hund plötzlich Tränen in den Augen.

Seine Frau Doris hatte das Lied ausgesucht, ebenso wie die Ballade von Mackie Messer aus der Dreigroschenoper, und auch dieses Lied aus dem Gaunermilieu passte zu dem Mann, der sich auch mit Hilfe seiner Ellenbogen aus ärmlichsten Verhältnissen an die Spitze der Bundesrepublik hochgekämpft hat.

Am Montag wird Gerhard Schröder 70, seit mehr als acht Jahren ist er nicht mehr Kanzler, und noch immer haben weder seine Partei noch das Land so richtig Frieden mit ihm gemacht. So, wie er als Sozialdemokrat und als Kanzler polarisiert hat, so ist die Sicht auf ihn noch immer kontrovers.

Eines aber ist unumstritten: Gerhard Schröder hat die Bundesrepublik in seinen sieben Amtsjahren stärker verändert als viele andere Kanzler. Mit ihm und Joschka Fischer vollendeten die 68er 1998 erfolgreich ihren Marsch durch die Institutionen, auch wenn Schröder selber sich gar nicht in dieser Tradition sah. Die Regierungsübernahme von Rot-Grün war ein Epochenwechsel, innen- wie außenpolitisch.

Schröder hat Deutschland in die ersten Kriegseinsätze nach 1945 geführt und später die bedingungslose Solidarität mit den USA aufgekündigt. In seiner Regierungszeit hat Deutschland die D-Mark gegen den Euro gewechselt. Die von ihm ins Werk gesetzte Reform des deutschen Arbeitsmarkt- und Sozialsystems hat ihn die eigene Mehrheit und die SPD Hunderttausende Mitglieder gekostet, das Land aber vorangebracht. Der Ausstieg aus der Atomkraft war ein Jahrhundertbeschluss. Jetzt entfaltet er seine ganze Wirkung entfaltet.

Mit Schröder (und seinem idealen Partner Fischer) zog eine andere Mentalität in die deutsche Politik ein. Der in seinen letzten Kanzlerjahren zum Patriarchen gewordene Helmut Kohl wurde von zwei Machos abgelöst, die mit Mut, Lust und Verve Konflikte suchten und sie durchfochten.

Hoppla, jetzt kommt Schröder

Hoppla, jetzt komm ich, lautete Schröders Motto, und: Das wollen wir doch erst einmal sehen. Der Kanzler war auch ein Zocker, legendär sind die blitzenden Augen, das wölfische Grinsen, wenn mal wieder ein Coup gelungen war. Und wenn es gar nicht anders ging, hieß es eben: Basta!

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Es wäre eine pralle Bilanz zu ziehen, und doch ist Schröders Bild verschattet. Der wesentliche Grund dafür liegt in seiner Entscheidung, kurz nach seiner Abwahl in die Dienste des Gaspipeline-Unternehmens Nord Stream zu treten, das zu 51 Prozent dem russischen Staatskonzern Gazprom gehört. Die übrigen Anteile halten westeuropäische Energieunternehmen.

Schröder muss seither mit dem abschätzigen Titel Gazprom-Kanzler leben, was ihn ärgert. Dieser Job hindert ihn daran, die Rolle eines würdigen Elder Statesman anzunehmen, die freilich auch noch mit dem 25 Jahre älteren Helmut Schmidt besetzt ist.

In einem Interview mit dem Zeit-Magazin zu seinem 65. Geburtstag hat Schröder einen ungewohnt tiefen Einblick in seine Seele nach der Wahlniederlage 2005 gegeben, als er sich für den Wechsel in die Wirtschaft entschied: „Es ging für mich auch darum, eine Enttäuschung zu überwinden, darüber sollte ein Politiker auch ruhig mal reden. (...) Das ist schon eine ziemlich existenzielle Situation. Da brauchen Sie Freunde, da brauchen Sie erst recht Menschen, die Sie lieben, aber Sie brauchen auch was zu tun. Und das sollte möglichst was Sinnvolles sein. Insofern hätte mir der Hinweis Mach erst mal zwei Jahre nix nichts gebracht. Die ersten beiden Jahre sind ja gerade die schwierigen.“

Schröder ergänzte noch: „Jenseits dessen ist es mein Leben und meine Freiheit. Und wer meint, er müsse das kritisieren, der kann mich mal.“

Manche sagen, dass Schröder auch jetzt schwierige Zeiten durchlebe. Seine Frau hat sich politisch selbstständig gemacht, sie ist Abgeordnete im niedersächsischen Landtag und Integrationsbeauftragte der Landesregierung. Heute muss sich Schröder stärker um die Kinder kümmern und häuslichen Pflichten übernehmen, neben dem Aufsichtsrats-Vorsitz bei Nord Stream, seinen Verpflichtungen als hoch bezahlter Redner und manchmal auch noch als Wahlkämpfer für befreundete Politiker.

Die Stern-Reporterin Ulrike Posche hat kürzlich ein nicht sehr freundliches Porträt des Ex-Kanzlers geschrieben, in dem er wie ein trauriger, einsamer alter Wolf erschien. Dabei ist er aktuell viel gefragt angesichts der Krim-Krise, als Russland-Versteher und Putin-Erklärer. Und aller Psychologisierei zum Trotz: Schröder ist nach wie vor ein populärer Mann, auch weil er für die SPD der lebende Beweis ist, dass sie Mehrheiten in Deutschland erringen kann. Mit seinem Schüler Sigmar Gabriel ist zudem ein Mann an der Spitze der Partei, der sich das als erster seit Schröder auch wieder zutraut – und der ihn am Sonntagabend mit einem Empfang in Berlin geehrt hat.

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