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Christian Pfeiffer.

Interview

„Gerechtigkeit zahlt sich aus“

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Der Kriminologe Christian Pfeiffer über Wahrnehmung und Rückgang von Gewalt.

Christian Pfeiffer hat das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen geleitet.

Herr Pfeiffer, in Ihrem neuen Buch „Gegen die Gewalt“ beschreiben Sie den Gegensatz zwischen gefühlter und tatsächlicher Entwicklung der Gewalt. Irrt, wer sich unsicher fühlt?
Wir sehen jedenfalls einen deutlichen Rückgang der Gewalt in den vergangenen Jahrzehnten. Je schwerer das Delikt und je jünger die Altersgruppe, umso stärker der Rückgang. So haben vollendeter Mord und Totschlag pro 100.000 der Bevölkerung in den letzten 25 Jahren um fast zwei Drittel abgenommen. Gewalt an Schulen, bei der die Opfer ins Krankenhaus müssen, ist um 69 Prozent zurückgegangen. Nicht nur die Jugendgewalt, auch die Suizide haben abgenommen, das Trinken, das Haschischrauchen. Und zwar immer am stärksten bei den Jugendlichen, dann bei den Heranwachsenden und am wenigsten bei den Über-25-Jährigen.

Woran liegt das?
Es sind zwei Faktoren, die der Gewalt am stärksten entgegenwirken: Liebe und Gerechtigkeit.

Das lässt sich nachweisen?
Zunächst zur Liebe: Seit ich zu forschen begonnen habe, war mir diese Frage ein Anliegen: Wie waren deine Eltern zu dir? Dann messen wir Liebe und Hiebe. Wir haben Menschen gefragt, die in den Dreißigerjahren geboren wurden, und solche, die gerade erst geboren sind. Dann kommt heraus: Die in den Dreißigerjahren Geborenen wurden fünf Mal häufiger geprügelt. Nur 29 Prozent erfuhren engagierte Liebe. Heute sind wir bei 70 Prozent Liebe. Die Hiebe, die nun einmal Gewalt erzeugen, sind drastisch rückläufig. Dies ist Veränderungsfaktor Nummer eins.

Und wie messen Sie Gerechtigkeit?
Wir haben zum Beispiel die Gefangenen in Strafanstalten gefragt, wie es bei ihnen aussieht mit Gerechtigkeit – und ob sie von Mitgefangenen geprügelt, vergewaltigt wurden. Das Ergebnis: Je gerechter die Anstalt umgeht mit den Gefangenen, desto friedlicher ist der Umgang der Gefangenen untereinander. Gerechtigkeit zahlt sich aus. Das gilt auch gegenüber Opfern. Opferfürsorge ist Gewaltprävention, denn frustrierte Opfer sind gefährliche Opfer.

Aber wir haben 2015 und 2016 einen Anstieg von Gewaltdelikten erlebt.
Unsere Forschung zeigt, dass der Anstieg der Gewalt zwischen 2014 und 2016 fast nur auf Flüchtlinge zurückzuführen war. Dabei spielte die erhöhte Anzeigenbereitschaft bei Fremden eine Rolle, aber auch die Machokultur der Zuwanderer. Entscheidend war ferner, welche Perspektiven die Flüchtlinge haben: niedrige Gewaltraten bei denen, die bleiben dürfen, sehr hohe bei jenen, denen wir sagen müssen: Ihr habt hier keine Perspektive. Die sind dann hochfrustriert und gehen nicht selten in die Illegalität. Diese Dinge nüchtern zu beschreiben, war nötig und richtig. Und dazu gehört jetzt auch die Meldung, dass die Gewalt der Asylbewerber zwischen 2016 und 2018 deutlich abgenommen hat.

Ihr Buch endet mit einem Bibelzitat.
Ja, Gerechtigkeit erhöht ein Volk. Das ist mir enorm wichtig. Gerechtigkeit ist ein sozialer Stabilisator, sie fördert den Zusammenhalt. Wenn es ungerecht zugeht, freut sich nur die AfD.

Interview: Thorsten Fuchs

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