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Neben der Gewalt leiden die Kinder auch an Schuldgefühlen.

Missbrauch

Gequälte Kinder, schweigende Mütter

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Der aktueller Bericht zu sexuellem Missbrauch zeigt, wie erschreckend oft Eltern den betroffenen Kindern nicht glauben.

Leonie musste „manchmal Wache stehen“, während sich der Großvater an ihrer Zwillingsschwester verging. „Wenn meine Mutter kam, warnte ich ihn und er zog meine Schwester und sich an“, erzählt sie. Sechs Jahre waren die Mädchen da.

In der Schule lernte Leonie im Sexualunterricht, dass es nicht richtig ist, was der Opa tat. Sie erzählte es der Mutter. Die glaubte ihr sofort – diese wurde selbst als Kind Opfer sexuellen Missbrauchs durch den eigenen Vater. Mit neun Jahren hörte der Missbrauch auf. Vorerst.

Denn zwei Jahre später fing alles wieder an. Leonies Vater zwang sie zum Geschlechtsverkehr. Diese sexuelle und körperliche Gewalt dauerte bis zu ihrem 16. Lebensjahr. Leonie schrieb der Mutter Briefe. Aber anders als beim ersten Mal glaubte die Mutter der Tochter nicht. „Du machst die Familie kaputt“, sagte sie. Und: „Denk doch mal an deine Mutter.“ Erst als der Vater alles zugab, hörte es auf. Leonie blieb zurück mit dem Gefühl, die eigentliche Täterin zu sein.

Gleichzeitig lieben und hassen

So wie Leonie geht es vielen Missbrauchsopfern, die sexuelle Gewalt in der Familie erfahren: „Es ist eine Ambivalenz der Gefühle, wenn Kinder gleichzeitig lieben und hassen. Wenn der Vater so etwas tut und er gleichzeitig die Bezugsperson ist. Die Kinder verlieren ihr zu Hause“, erklärte Sabine Andresen, Vorsitzende der „Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“. Die Kommission, die im Januar 2016 ihre Arbeit aufnahm, hat am Mittwoch in Berlin ihren ersten Zwischenbericht vorgelegt.

Sie nimmt den sexuellen Missbrauch auch innerhalb von Familien und dem näheren Umfeld in den Fokus – nicht nur in institutionellen Einrichtungen. Sie untersucht dabei sämtliche Formen sexuellen Kindesmissbrauchs in der Bundesrepublik Deutschland und der ehemaligen DDR mit dem Ziel, das Thema der Aufarbeitung und der Unterstützung von Betroffenen zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe zu machen und um herauszufinden, was Aufarbeitung verhindert hat.

Insgesamt geht man davon aus, dass rund eine Million Kinder in Deutschland sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Das sind ein bis zwei Mädchen oder Jungen pro Schulklasse.

Die Kommission will zuhören – jenseits von Therapien und Gerichtssälen. In vertraulichen Anhörungen können sie über das erlebte Unrecht sprechen. Tausend Anmeldungen hat die Kommission, bestehend aus sieben Mitgliedern aus Politik, Wissenschaft, Rechts-, Erziehungs-, Sozial- und Geisteswissenschaften sowie Psychologie und Medizin, inzwischen erhalten.

200 Zeitzeugen konnten gehört werden, 170 schriftliche Berichte sind eingegangen. Deutlich mehr Frauen haben sich gemeldet. Durchschnittlich sind die Betroffenen, die sich an die Kommission gewandt haben, zwischen 30 und 50 Jahre alt. In 70 Prozent dieser Fälle fand der Missbrauch – wie auch bei Leonie – in der Familie oder im näheren Umfeld statt.

Kinder hätten oft spät oder gar keine Hilfe erfahren, obwohl Familienangehörige von dem Missbrauch gewusst hätten, resümiert der Zwischenbericht. Mütter treten demnach zwar auch als Einzeltäterinnen auf, aber vorwiegend als Mitwissende und Unterstützerinnen der Taten. Die Gründe dafür sind vielseitig: Abhängigkeiten, erlebte Rechtlosigkeit, Ohnmachtserfahrungen, Gewalt in der Partnerschaft oder Angst vor dem Verlust des Partners. Weitere Einsicht: „Sexueller Missbrauch kommt in allen Schichten, bei allen Familientypen und in allen Regionen vor“, sagte Andresen.

Immer wiederkehrend in den Geschichten sei die Tatsache, dass den Opfern nicht geglaubt worden sei und dass sie große Schuldgefühle hätten. „Das erzeugt großes Leid“, machte Andresen deutlich. Auch die sogenannte Mehrfachbetroffenheit, die auch Leonie erfahren musste, ist typisch. Manche Opfer erleben sexuellen Missbrauch durch verschiedene Täter oder auch in verschiedenen Bereichen. Viele Erwachsene, die im Kindesalter missbraucht wurden, sind später im Erwerbsleben eingeschränkt – nicht selten leben sie in Armut, zeigen die Ergebnisse des Zwischenberichts.

Die Unabhängige Kommission fordert unter anderem ein deutliches Signal von der Politik. Zum einen solle die Arbeit der Kommission auch über das Jahr 2019 hinaus gewährleistet werden. Doch die Finanzierung ist bisher noch nicht geklärt.

Wegen der begrenzten Ressourcen konnten außerdem keine weiteren Anmeldungen aufgenommen werden – obwohl der Bedarf dafür da ist. Auch das Opferentschädigungsgesetz, das für Opfer sexueller Gewalt hohe Hürden bereithalte, müsse dringend reformiert werden, erklärte Christine Bergmann, ehemalige Familienministerin und Kommissionsmitglied. „Das können die Parteien ruhig in ihre Wahlprogramme aufnehmen“, fügte Bergmann hinzu.

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